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Zwischen uns die Mauer

Eindrucksvoll gespielte, hochemotionale Geschichte einer Jugendliebe im geteilten Deutschland.

Der Mauerfall jährt sich zum 30. Mal. In dieser Nacht lagen sich wildfremde Menschen glücklich in den Armen. Unbekannte schüttelten sich gerührt die Hände, tranken gemeinsam Sekt und strahlten zukunftsfroh: Endlich waren 40 Jahre Teilung zu Ende. Ein erschütterndes Ereignis, es bewegte die ganze Welt. Wie kann man nun diese politische Sensation, deren Folgen bis in die Gegenwart hineinreichen, für junge Menschen lebendig machen? Norbert Lechner wählt mit seiner historischen Liebesromanze ein klassisches Erzählmodell. Es dient dazu, die Bedeutung der damaligen Vorgänge affektiv zu unterfüttern und wurde schon in der Zeit des kalten Kriegs für die Darstellung der ideologisch geteilten Welt genutzt. Der Film erzählt von zwei Königskindern, die nicht zueinander kommen können. Sie sind durch eine Mauer getrennt.

Lechners Geschichte, die auf dem autobiografischen Jugendroman von Katja Hildebrand beruht, spielt in den 1980er-Jahren. Viele junge Leute hielten damals West-Berlin für das gelobte Land. Dahin wollte man unbedingt ziehen: Raus aus dem Mief der Provinz, raus aus spießiger Enge. In Berlin lockten Freiheit und Jugendkultur, die abenteuerlichen Hausbesetzungen imponierten, auch wenn die kleine Insel von einer Mauer umgeben war und ringsum sich die Zeichen staatlicher Überwachung auftürmten.

Selbstverständlich würde auch die Protagonistin, die 17-jährige Anna, alles dafür unternehmen, damit sie nach Berlin reisen kann. Eigentlich will sie sich ja nur den westlichen Teil ansehen. Aber da sie an einer deutsch-deutschen Begegnungsfreizeit teilnehmen darf, erhält sie wohl oder übel auch Einblick in das Leben jenseits der Mauer. Als sie dann jedoch mit Jugendlichen aus Ost und West in der Wohnung des gastgebenden Pfarrers zusammensitzt, muss sie tatsächlich feststellen, dass es alternative Jugendliche auch in Ostberlin gibt und verliebt sich unsterblich in den Sohn des Pfarrers. Aber wie können beide dauerhaft zusammenfinden, wo es diese streng bewachte innerdeutsche Grenze gibt?

In „Zwischen uns die Mauer“ steht die romantische Liebe im Zentrum des Geschehens und Lechners junges Liebespaar ist einfach fabelhaft. Es bewegt sich ganz natürlich durch die Wohnräume, deren Ausstattung die Atmosphäre der 1980er-Jahre präzise auferstehen lässt. Dass schon beim ersten Treffen der Funken überspringt, Anna von dem Pfarrersohn entzückt ist, nimmt man dem schmelzenden Blick ihrer Darstellerin Lea Freund sofort ab. Die jungen Leute begegnen sich ein wenig linkisch, führen einen knappen, frechen Schlagabtausch, kabbeln sich beim Geschirrabwaschen. Natürlich tauschen sie nach den zwei Tagen am Grenzübergang ihre Adressen aus und die Zuschauer*innen hoffen, dass sich die beiden wiedersehen. Ihre Abschiede am Tränenpalast sind traurig und übertragen die Beklemmung, welche die Menschen damals an diesem Ort befiel.

Lechner schildert sorgfältig, wie sich Annas und Philipps Beziehung langsam festigt, und vermittelt darüber deutsch-deutsche Zeitgeschichte. Wie fühlte es sich an, die Grenzkontrolle zu passieren? Was passierte, wenn man etwa eine Single mit verbotener Musik in das Land schmuggelte? Der Film beschreibt, wie das totalitäre System in das Leben der Personen eingriff, wie willkürlich es Privatsphäre und intime Momente zerstörte. Dabei spitzt er Katja Hildebrands Roman zu, spinnt die Fluchtpläne Philipps weiter aus, erfindet Szenen hinzu. Sie erlauben es, die DDR stärker als Unrechtsstaat zu präsentieren. So müssen Anna und Philipp ins Gefängnis und sehen sich Foltermethoden, Psychoterror, ausgesetzt. Welche Auswirkung das hat, teilt sich eindrücklich mit.

Andererseits wirkt der Film aber seltsam entvölkert, leblos, ohne Fleisch. Lechner hat das Figurenarsenal des Romans auf Grundfiguren und wenige Schauplätze reduziert. Vielleicht eine Frage der Kosten. Doch so bleibt der Alltag in der DDR blass, die Figuren eindimensional, als würde das Paar nur von seiner Liebe leben. Als hätte es in der DDR nur die Kirche, unter deren Dach systemkritische Gedanken geäußert werden konnten, und die staatlichen Institutionen gegeben, ansonsten nur einsame Straßen und fast keine Menschen. Das ist als historisches Bild geradezu unheimlich.

Heidi Strobel

© Alpenrepublik
14+

Zwischen uns die Mauer - Deutschland 2019, Regie: Norbert Lechner, Kinostart: 03.10.2019, FSK: ab , Empfehlung: ab 14 Jahren, Laufzeit: 110 Min. Buch: Susanne Fülscher, Antonia Rothe-Liermann, Norbert Lechner, nach dem gleichnamigen Roman von Katja Hildebrand. Kamera: Bella Halben. Musik: Martin Untersberger. Schnitt: Georg Michael Fischer. Produktion: Kevin Lee Film. Verleih: Alpenrepublik. Darsteller*innen: Lea Freund (Anna), Tim Bülow (Philipp), Franziska Weisz (Mutter von Anna), Fritz Karl (Vater von Anna), Götz Schubert (Vater von Philipp) u. a.

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