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A Toy Story: Alles hört auf kein Kommando!

Auftakt in eine neue Runde: Ein neues Abenteuer der Spielzeuge, die zunehmend lernen, alleine zu leben.

Spielzeug-Sheriff Woody ist immer noch der unangefochtene Held unter all den anderen Spielsachen. Er wurde von seinem Besitzer-Kind Andy, das wir aus den ersten drei „Toy Story“-Filmen kennen, gut gepflegt und schließlich gemeinsam mit seinen Freund*innen an die kleine Bonnie weiterverschenkt. Bonnie aber lässt Woody immer häufiger im Schrank liegen, sodass er schon mit den ersten Wollmäusen zu kämpfen hat. Trotzdem ist seine Loyalität zu ihr ungebrochen. Als sie mit dem selbstgebastelten Spielzeug aus Gabellöffel und Pfeifenreiniger aus der Vorschule zurückkommt, schlägt Woodys große Stunde. Denn der Göffel Forky will sich ständig im Mülleimer selbst entsorgen, weil er nicht akzeptieren kann, dass er eine sehr kreativ gestaltete Spielzeugfigur ist, die von seiner Besitzerin abgöttisch geliebt wird. Seiner Meinung nach ist er schließlich nur ein Abfallprodukt und gehört demnach in den Mülleimer. So ist Woodys Hauptaufgabe zunächst, Forky bei seiner Identitätsfindung zu helfen. Eine rührende und tiefgründige Szene zeigt ihre lange Wanderung auf dem nächtlichen Highway, bei der sie über den Sinn ihres Daseins spekulieren und Woody, der Forky bald auf dem Arm trägt, von Andy erzählt und dadurch seinem kleinen Schützling ganz väterlich beibringt, wozu er berufen ist.

Was sollte nach „Toy Story 3“ eigentlich noch kommen? War Woodys Geschichte nicht auserzählt und wähnten wir Woody und seine Freund*innen nicht sicher in Bonnies Kinderzimmer? Mit dem vierten Teil gehen die Macher*innen einen Schritt über die bekannten Topoi hinaus, denn es geht nicht mehr um das Verhältnis von Spielzeug und Kind, sondern vor allem um das Selbstverständnis der Figuren mit ihren Träumen und Sehnsüchten. Was wird denn aus ihnen, wenn sie zu verlorenen Spielzeugen werden oder sie kein Kind haben will? Um diese Frage zu klären, entfernt sich der Film auch physisch von Bonnies sicherem Zuhause: Die Familie macht – mitsamt Bonnies Spielzeugfiguren – einen Wochenendausflug im Wohnmobil zu einem Freizeitpark. Als Forky dabei verloren geht, heftet sich Woody an seine Fersen. Und da draußen, außerhalb der Kinderzimmer, in denen die Spielzeuge um die Gunst ihrer Besitzer*innen buhlen, existiert noch eine ganz andere Welt, eine weite Welt, die Woody noch nie zu Gesicht bekommen hat.

Woody ist eine Retro-Figur, die schon Sammlerwert hat. Auch sein bester Kumpel Buzz Lightyear hat schon etliche Jahre auf dem Buckel, genauso wie Woodys heimliche Angebetete Porzellinchen, die bereits feine Risse im Porzellan und einen kaputten Arm hat. Bei dem Alter ist es nur sinnfällig, dass ein wichtiger Part der Geschichte in einem Antiquitätenladen mit dem schönen Namen „Zweites Glück“ nahe des Vergnügungsparks spielt. In dem unglaublich detailreich ausgestatteten Shop mit all seinen bunten Lampen, einem alten Filmprojektor, Büchern und sonstigem nützlichen oder überflüssigen Kram (und mit Easter Eggs aus früheren Pixar-Filmen) warten schon lange einige Spielzeuge auf Käufer*innen.

Auch Porzellinchen war hier gestrandet, bis sie nach jahrelanger Langeweile im Regal zu dem befreienden Entschluss gelangte, sich aus dem Laden davonzustehlen. Seitdem ist sie ihre eigene Herrin, ganz ohne Kind. Mit einem dreiköpfigen Schaf und einem winzigen Sidekick namens Giggle, der ihr gern auf der Schulter sitzt, hat sie eine Gang um sich geschart, die mit einem als Stinktier verkleideten Go-Kart durch die Gegend düst. Porzellinchen ist die eigentliche Heldin des Films, denn sie hat eine Entwicklung durchgemacht, die diametral zu ihrer fragilen Porzellanausführung steht.

Es ist erfrischend, dass jetzt eine weibliche Figur die Fäden zieht und Woody sich nur staunend an ihren Rockzipfel heften kann, um Forky aus dem Ramschladen zu retten. Ohne Porzellinchens Hilfe wäre er ziemlich aufgeschmissen, denn sie kennt beispielsweise den Treffpunkt kleiner nützlicher Figuren, die in einem Flipper hausen, der wie ein angesagter Szenetreff wirkt und in dem Stuntman Duke Caboom auf seinem Motorrad eine Pose nach der anderen einnimmt. Auch dieser hat ein Ego-Problem, weil er es nie überwunden hat, dass sein Kind ihn sofort aussortierte, nachdem er den in der Werbung versprochenen Stunt nicht schaffte. Nun kann er Woody und Porzellinchen helfen. All diese neuen Figuren, zu denen sich auch noch zwei sehr charakterstarke Plüschtiere aus einer Jahrmarktbude hinzugesellen, erweitern den Kosmos über das Kinderzimmer hinaus in eine Welt der verlorenen Spielzeuge, denen es gelungen ist, in ihrem Universum einen selbstbestimmten Platz zu finden. Ganz nach Buzz Lightyears Motto „Bis zur Unendlichkeit und noch viel weiter“ öffnen sie den Blick für Freiheit und Autonomie. Sie sind ebenso glücklich wie die Spielzeuge im geregelten Alltag eines Kinderzimmers; beide Existenzformen haben ihre Berechtigung.

In Bonnies Welt der Sicherheit erleben wir, dass es noch so etwas wie Treue und Zuverlässigkeit gibt, denn sie mag alle ihre Spielzeuge und kann sich ihnen mit Hingabe widmen. Auch das ist eine Haltung, die heute nicht mehr so selbstverständlich ist, die aber immer in allen „Toy Story“-Geschichten fester Bestandteil der Narration war. Und so wie Woody stets seinen Platz im Kinderzimmer fand, findet der neue „Toy Story“- Film, auch dank des Scores von Randy Newman, seinen Weg in die Herzen der Zuschauer*innen.

Katrin Hoffmann

© Disney
8+
Animation

Toy Story 4 - USA 2019, Regie: Josh Cooley, Kinostart: 15.08.2019, FSK: ab 0, Empfehlung: ab 8 Jahren, Laufzeit: 100 Min. Buch: Andrew Stanton, Stephany Folsom. Kamera: Patrick Lin, Jean-Claude Kalache. Musik: Randy Newman. Schnitt: Axel Geddes. Produktion: Mark Nielsen, Jonas Rivera. Verleih: Disney. Sprecher*innen: Michael Bully Herbig (Woody), Walter von Hauff (Buzz), Alexandra Ludwig (Porzellinchen), Sonja Gerhardt (Giggle), Michi Beck (Duke Caboom), Rick Kavanian (Dino) u. a.

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