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A wie Apfel

Entdeckt bei Generation Kplus: Nach einem Diebstahl steht eine arme Familie vor dem Nichts.

Saeed und sein jüngerer Bruder Mehdi leben mit ihren Eltern in einem Außenbezirk von Teheran. Außerhalb der Schulzeit hilft Saeed seinem Vater Morteza bei der Apfelernte auf einer Plantage und beim Verkauf der Äpfel in der Stadt, direkt von der Ladefläche des Kleintransporters. Die Mutter verdient zusätzlich Geld mit dem Waschen und Bügeln von Altkleidern. Mehdi, der die erste Klasse besucht, soll dreißig Äpfel in den Unterricht mitbringen: Seine Lehrerin trägt jedem der Schüler auf, einen von ihr bestimmten Gegenstand beizusteuern, der jeweils in Zusammenhang mit dem Beruf des Vaters steht und anhand dessen ein Buchstabe des Alphabets vorgestellt werden soll. Doch dann wird Mortezas Transporter samt Apfel-Ladung gestohlen – eine existenzbedrohende Katastrophe für die Familie. Während die Eltern versuchen, die kritische Lage mit verschiedenen Mitteln zu meistern, beschließt Saeed, die Äpfel für seinen Bruder zu organisieren.

Bevor Saeed sich auf seine brüderliche Mission begibt, ist bereits gut die Hälfte des Films um. Davor gibt der Film interessante Einblicke in den arbeitsreichen Lebensalltag der Familie, der mit dem Diebstahl des Transporters in den Krisenmodus gerät. Man muss den Begriff „Kinderfilm“ recht großzügig auslegen, da die Inszenierung häufig ausschließlich die Erwachsenenperspektive vermittelt. Seinen thematischen Fokus legt der Film auf die schwierigen Lebensverhältnisse in einer von Wirtschaftskrise, Inflation und drohender Armut geprägten Gesellschaft. Vater Morteza, von Rückenschmerzen geplagt, mut- und arbeitslos, trauert seiner ländlichen Heimat nach. Atemberaubende Totalen fangen die Weite dieser nahezu menschenleeren Landschaft in unterschiedlichen Jahreszeiten ein. Diese Naturpanoramen sind Gegenentwurf zu den mit lärmenden Autos verstopften Schnellstraßen, den engen Gassen und den als moderner Fortschritt angepriesenen, dabei anonymen Hochhäusern. In einer Einstellung wirken die weißen Monolithe gar wie riesige Grabsteine. Doch der Film macht auch deutlich, dass das Landidyll keine Alternative ist. Dort gibt es nichts, die Familie hat alles verkauft, und Saeeds Mutter stellt klar, dass Schule und Zukunft ihrer Kinder in der Stadt liegen.

Will man „A wie Apfel“ in die Tradition des iranischen Kinderfilms stellen, der sich ab den späten 1980er-Jahren auch international etablierte, so finden sich einige Schlüsselelemente wieder: Die kindlichen Protagonist*innen müssen eine klar umrissene Aufgabe meistern, die stets zur mühseligen Odyssee wird (und dem Publikum oft einige Geduld abverlangt). So musste in „Wo ist das Haus meines Freundes?“ (Abbas Kiarostami, 1987) ein Aufgabenheft überbracht werden. Mohammad-Ali Talebi schickte Kinder für einen verloren gegangenen Gummistiefel und einen Sack Reis auf die Reise („Das Stiefelchen“ 1992, „Ein Sack Reis“, 1996), und nur ein Paar Schuhe für beide Geschwister war die Herausforderung in Majid Majidis „Kinder des Himmels“ (1997). Von den gleichgültigen, mitunter herzlosen Erwachsenen haben die Kinder keine Hilfe zu erwarten. In „A wie Apfel“ ist es vor allem der Schulleiter, der ignorant gegenüber Saeeds Verantwortungsbewusstsein auf seinen Regeln beharrt. Saeed erduldet wie seine filmischen Vorgänger*innen Abfuhren und Rückschläge ohne Widerworte.

Der iranische Kinderfilm war immer ein Vehikel für andernfalls zensierte Gesellschaftskritik. Kinder wurden als Hoffnungsträger auf eine bessere Zukunft inszeniert. Darin unterscheidet sich „A wie Apfel“ von seinen Vorgängern: Mit der Not haben auch die Kinder ihre Unschuld verloren. Etwa die Jungen, die ihr Revier auf dem Friedhof verteidigen, oder eben Saeeds Verzweiflungstat, nachdem er mit Einfallsreichtum, Ausdauer und Opferbereitschaft gescheitert ist. Regisseur Ghaffari sieht seinen Film als Warnung, dass „die Gleichgültigkeit […] gegenüber den Kindern und ihren armen Familien, die mittlerweile einen großen Teil der iranischen Gesellschaft ausmachen, zweifellos zu tiefgreifenden sozialen und moralischen Krisen in der nahen Zukunft führen werden“. Überlebenswichtig ist die Familie. Selbstverständlich hilft man sich, das wissen Saeed und Mehdi genauso wie die erwachsenen Brüder Mortiz und Daryush. Mit ihrem Pragmatismus und ihrer Zuversicht ist Saeeds Mutter Mahboubeh die vielleicht stärkste Figur, die alles zusammenhält. Die Familie bewährt sich im Alltag und in der Krise. Deshalb kann der Film ein offenes, dabei optimistisches Ende wagen.

Ulrike Seyffarth

© Mahsa Jarchi
9+
Spielfilm

Rooz-e sib/The Apple Day - Iran 2022, Regie: Mahmoud Ghaffari, Festivalstart: 14.02.2022, FSK: ab , Empfehlung: ab 9 Jahren, Laufzeit: 80 Min. Buch: Mahmoud Ghaffari, Mahnaz Jarchi. Kamera: Ali Ehsani. Musik: Ali Mansour. Schnitt: Mahmoud Ghaffari. Produktion: ELI Image. Verleih: offen. Darsteller*innen: Arian Rastkar (Saeed), Aria Mohammadzadeh (Mehdi), Zhila Shahi (Mahboubeh, Mutter), Khodadad Bakhshizadeh (Morteza, Vater), Mahdi Pourmoosa (Daryush) u. a.

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