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Letztendlich sind wir dem Universum egal

Die Verschiebung der Erzählperspektive hat aus einem wunderbaren Jugendbuch einen belanglosen Film gemacht.

Letztendlich war dem Drehbuchautor die Vorlage ziemlich egal – so könnte der Hashtag zur Adaption von David Levithans wunderbarem Jugendbuch lauten, in dem „A“ (eine Art Bewusstsein) jeden Tag im Körper einer anderen Person erwacht. Die Prämisse klingt zunächst nach einer Aktualisierung des problematischen cartesianischen Dualismus, der Trennung von Geist und Körper, erweist sich aber bald als Hilfskonstruktion, um eben diesen zu hinterfragen und Identität als komplexes Zusammenspiel zahlreicher Kategorien und Kontexte zu begreifen, die unsere Selbst- und Fremdwahrnehmungen formen. Wie A sich fühlt und wie andere auf A reagieren, inwieweit sich A frei bewegen und wie er sich entscheiden kann, hängt nicht nur davon ab, ob A im Körper eines Jungen oder Mädchens erwacht, sondern unter anderem auch davon, ob As Körper krank oder gesund ist, zu einer privilegierten Familie gehört oder einer hart arbeitenden Einwanderin, zu einer als sehr attraktiv oder als sehr einschüchternd wahrgenommenen Person. Als A auf Rhiannon trifft, sich verliebt und erstmals versucht, ungeachtet der sich ständig ändernden Lebensumstände zu einer anderen Person eine Beziehung aufzubauen, diskutieren die beiden auch die Frage, welche Erfahrungen erst durch die ständigen Veränderungen ermöglicht werden und welche wiederum erst durch die Konstanz.

Die Annäherung zwischen den jugendlichen Figuren bildet den Rahmen von Levithans preisgekröntem Bestseller, aber der Reiz seines Gedankenspiels liegt darin, kapitelweise in fremde Erfahrungen einzutauchen, was auch deswegen so gut funktioniert, weil die Geschichte aus As Ich-Perspektive erzählt wird und die Leser*innen As Körper- und Kontextwahrnehmungen aus der Innensicht miterleben. Vielleicht wäre jeder Versuch, diese Leseerfahrung auf ein filmisches Erleben zu übertragen, zum Scheitern verurteilt gewesen, schon weil ein Medium genau wie ein Körper keine bloße Hülle ist, die einen Inhalt umschließt. Die Adaption nach einem Drehbuch von Jesse Andrews („Ich und Earl und das Mädchen“) wagt aber nicht einmal den Versuch, sondern erzählt die Geschichte aus Rhiannons Perspektive, wobei nicht einmal das besonders gut gelingt. Nie wird deutlich, was die Figuren charakterlich auszeichnet und weswegen sie Gefühle füreinander entwickeln. Unglaubwürdig bleibt, wie schnell Rhiannon As ungewöhnliche Existenzform akzeptiert und sich auf eine Beziehung einlässt. Am Ende scheint A bei dieser Fokusverschiebung vor allem die Funktion zuzukommen, Rhiannon dabei zu helfen, sich aus einer schlechten Beziehung zu lösen. Die stellenweise dürftige Schauspielführung verstärkt die Schwächen des Drehbuchs und so verkümmert das an- und aufregende Gedankenspiel zu einem Teenager-wechsel-dich-Spiel mit mindestens der gleichen Fülle an verschenktem Potenzial wie an mehr oder minder talentierten Jungdarsteller*innen.

Natália Wiedmann

 

 

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14+
Spielfilm

Every Day - USA 2018, Regie: Michael Sucsy, Kinostart: 31.05.2018, FSK: ab 6, Empfehlung: ab 14 Jahren, Laufzeit: 97 Min., Buch: , Kamera: Rogier Stoffers, Schnitt: Kathryn Himoff, Musik: Elliott Wheeler, Produktion: Anthony Bregman, Peter Cron,Christian Grass, Paul Trijbits, Verleih: , Besetzung: Angourie Rice (Rhiannon), Justice Smith (Justin), Debby Ryan (Jolene), Maria Bello (Lindsey) u. a.

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