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Der verlorene Sohn

Ein schwuler Jugendlicher wird für seine streng gläubige Familie zum Problem. Die Lösung: Eine „therapeuthische“ Umerziehung.

Beim deutschen Verleihtitel hat man kein glückliches Händchen bewiesen. Während das amerikanische Original benennt, dass es in „Boy Erased“ um das Auslöschen von Identität geht, lenkt der deutsche Titel das Publikum doch etwas in die falsche Richtung. Er spielt auf das biblische Gleichnis an und rückt damit die Reue, die Unterwerfung eines Sohnes unter das göttliche Gesetz und die Vergebung und Liebe eines Vaters ins Zentrum der Geschichte. Aber „Boy Erased“ erzählt keineswegs von solch einem verlorenen Sohn, der sich reumütig auf den Weg nach Hause macht. Sein schwuler Protagonist glaubt am Ende nicht, dass er sich an Gott und an seinem Vater versündigt habe. Und ebenso wenig denkt er, dass er nicht mehr zum Sohn tauge und nur noch im Bewusstsein seines niederen Ranges vor seinen Vater treten könne. Im Gegenteil. Der Film, der auf der autobiografischen Erzählung von Garrad Conley basiert, stellt die Geschichte einer Befreiung dar und geißelt die totalitären Methoden eines heute noch in den USA praktizierten Umerziehungsprogramms, obschon Homosexualität seit langer Zeit aus der Klassifikationsliste psychischer Störungen entfernt wurde. Er bildet so das schwule Pendant zu Desiree Akhavans Romanverfilmung „The Miseducation of Cameron Post” (USA 2018), bei dem der Autor Conley beratend zur Seite stand.

Die Nachricht, dass ihr 19-jähriger Sohn Jared schwul ist, kommt für seine Eltern einem Weltuntergang gleich. Denn die Familie gehört einer baptistischen Kirchengemeinde an, in welcher der Vater jeden Sonntag auf der Kanzel steht. Da hier die Bibel wörtlich ausgelegt wird, ist Homosexualität, und nicht allein diese, des Teufels. Gegen dessen Versuchung hat anzukämpfen, wer gleichgeschlechtlich begehrt, und er muss ihm widerstehen, weil er sonst in der Hölle schmort. So stellt der Vater seinen Sohn vor die Wahl, entweder aus der Familie ausgeschlossen zu werden oder sich in eine Konversionstherapie zu begeben. Jared schickt sich in sein Los, seine Mutter wird ihn dabei begleiten, auch weil zu diesem Zeitpunkt seine psychischen Funktionen eingeschränkt sind. Von einem Mitstudenten wurde er im College vergewaltigt.

„Der verlorene Sohn“ führt nun eindrücklich diese Art von Gruppentherapie vor. Zwar setzt sie in ihrem Punkteprogramm etablierte therapeutische Methoden ein, sie werden aber zum Psychoterror umfunktioniert. Dafür nutzt diese Form von Therapie evangelikale Rituale, wenn sie beispielsweise die „Missetäter“ auf eine Bühne vor die Gemeinde treten und ihre Sünden bekennen lässt. So muss Jared nicht nur ein Familien-Genogramm erstellen, um den Erblasser seines „falschen“ Begehrens, einen sich feminin gebenden Onkel, aufzuspüren, sondern er muss auch eine moralische Bestandsaufnahme seiner sexuellen Sünden auflisten. Dazu wird ihm als Verhaltenstherapie von einem tätowierten, finster dreinblickenden Mann mit zweifelhafter Herkunft das Rollengebaren eines „echten“ Mannes vermittelt. Der zeigt, wie man sich in Positur zu stellen hat oder übt einen festen Händedruck ein. Wenn diese Methoden aber nicht das gewünschte Resultat erzielen, schlägt die Therapie in offene Gewalt um. Vor den Augen aller wird der „rückfällig gewordene“ Cameron von seinen Angehörigen mit einer Bibel gezüchtigt und symbolisch begraben, um wiedergetauft von der Gemeinde empfangen werden.

Jared muss sich so gezwungenermaßen mit seiner Vergangenheit, dem Bruch mit seiner Freundin und seinen gleichgeschlechtlichen Beziehungen auseinandersetzen; sie ist durch Rückblenden sorgfältig in die Geschichte eingewoben. Wie in Trance geht er manchmal umher, der Aufruhr in seiner Innenwelt wird durch Zeitlupe, Großaufnahmen und die dramatische Lichtführung vermittelt und von Jungstar Lucas Hedges ausdrucksstark verkörpert. Diese Form brutaler Einschüchterung und dessen Reflexion lassen Jared erkennen, dass er sich nicht zur Heterosexualität bekehren lassen will. Am Ende kehrt er das Machtgefüge um. Selbstbewusst steht er als junger Autor vor seinem Vater und stellt jetzt ihn vor die Wahl, sich entweder mit der Homosexualität seines Sohnes abzufinden oder jeden Kontakt zu ihm zu verlieren.

Was diesem ästhetisch und einfühlsam fotografierten Film aber fehlt, ist der Wille, sich wirklich kritisch mit dem evangelikalen Milieu zu beschäftigen. Denn schon die rigide Erziehung durch diese moralischen Glaubenssätze ließ Jareds Persönlichkeit nicht unbeschadet reifen. Da steckt dann der Heranwachsende sicherlich in einem größeren Zwiespalt, als es der unterkühlte Film in Szene setzt. Es wird ein heftiger Gewissenskampf in ihm toben, bei dem er die religiösen Werte infragestellt und der ihn in eine Glaubenskrise stürzt. Eine Ärztin im Film benennt einmal das Dilemma: Einerseits glaube sie an Gott, andererseits habe sie Medizin studiert und könne ihr Wissen auch nicht verleugnen. Wie Naturwissenschaft oder Homosexualität und bibeltreue Religion aber psychisch zu integrieren gehen, ist ungleich komplizierter und wahrscheinlich nur durch deren Getrennthalten zu lösen.

Heidi Strobel

© Universal
16+
Spielfilm

Boy Erased - USA, Australien 2018, Regie: Joel Edgerton, Kinostart: 21.02.2019, FSK: ab 12, Empfehlung: ab 16 Jahren, Laufzeit: 115 Min. Buch: Joel Edgerton. Kamera: Eduard Grau. Musik: Danny Bensi, Saunder Jurriaans. Schnitt: Jay Rabinowitz. Produktion: Kerry Kohansky-Roberts, Steve Golin, Joel Edgerton. Darsteller*innen: Lucas Hedges (Jared), Joel Edgerton (Sykes), Nicole Kidman (Nancy), Russell Crowe (Marshall), Joe Alwyn (Henry) u. a.

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