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Ailos Reise

Das erste Jahr im Leben eines Rentiers, eingefangen in großartigen Bildern, die im besten Fall für die Schönheit der Natur sensibilisieren.

Nördlich des Polarkreises, in der schneebedeckten Tundra Lapplands: Zu früh bahnt sich die Geburt des Renkalbs an, jetzt im April, da die Herde die Sommerweiden noch nicht erreicht hat. Die trächtige Kuh muss die Herde verlassen, um eine geschützte und schneefreie Stelle für ihre Niederkunft zu finden. Kaum ist ihr Junges geboren, lässt sie es allein, um zur Herde aufzuschließen, und kehrt dann doch zurück, um ihre Mutterrolle anzunehmen.

So beginnt die Geschichte von Ailo, dem Rentier, das wir auf seiner aufregenden Reise durch sein erstes Lebensjahr begleiten. Viel Wissenswertes erfahren wir dabei über jenes Tier, das wohl die meisten Menschen außerhalb Skandinaviens primär als fabelhaftes Schlittentier des Weihnachtsmannes verorten.

Die Messlatte für Naturdokumentationen – zumal für die große Kinoleinwand – liegt spätestens seit „Unsere Erde“ (Alastair Fothergill, Mark Linfield, 2007) extrem hoch. „Ailos Reise“ kann da durchaus mithalten: Der französische Regisseur Guillaume Maidatchevsky, von Haus aus Biologe, Wissenschaftsjournalist und Autor verschiedener TV-Dokumentarserien über Flora und Fauna, hat in einem Zeitraum von zwei Jahren mit seinem Team insgesamt 24 Wochen lang unter teilweise extremen Bedingungen in der unberührten Wildnis der kargen Berg- und Weideregionen Lapplands gedreht. Dabei sind faszinierende Bilder einer imposanten arktischen Schneelandschaft entstanden, mit unter dem Schnee belaubten Bäumen, die als bizarre Märchengestalten die Hänge bevölkern. Eindrucksvolle Luftaufnahmen aus Kameradrohnen zeigen die „Läufer des hohen Nordens“, wie Rentiere auch genannt werden, auf ihrer Reise von den Berggipfeln zu den Sommerweiden, die auf einer Jahrhunderte alten Tradition beruht. Außergewöhnliches sieht man von Lemmingen, Polarfüchsen, Wölfen oder Eichhörnchen. Man erfährt mitunter Verblüffendes – wer hätte gedacht, dass ein Hermelin seine Fressfeinde durch hektisches Versteckspiel verwirrt?

Vor allem sind es immer wieder extreme Nahaufnahmen von Ailo und seinen Artgenossen, wie man sie so noch nie zu Gesicht bekommen hat. Und diese Nähe ist Programm. Denn Maidatchevsky hatte mit „Ailos Reise“ keine nüchterne, streng wissenschaftliche Dokumentation im Sinn, sondern eine Abenteuergeschichte für die ganze Familie. „Ailos Reise“ bedient sich dazu verschiedener Stilmittel des Spielfilms: Es gibt den individuellen Protagonisten, der im Mittelpunkt der Filmhandlung steht. Als „Filmheld“ erhält er einen eigenen Namen (Ailo ist samisch und bedeutet „Sonnenschein“). Die Erzählstruktur folgt einem dramaturgischen Spannungsbogen, der sich an der Chronologie des ersten Lebensjahres orientiert. Durch die Montage werden die dokumentarischen Aufnahmen verdichtet und in narrative Zusammenhänge gebracht. Zwar inszeniert der Schnitt durchaus die episodischen Konfrontationen mit anderen Tieren, die so stattgefunden haben könnten, aber es wurde nichts vor der Kamera inszeniert.

Ailo bietet sich vor allem dem jüngeren Publikum als kindliche Identifikationsfigur an. Wir sind ganz nah dran, wenn Ailo anderen Tieren begegnet, von denen einige harmlos und viele gefährlich sind für ein Rentierjunges, wir fiebern mit bei seinen Bewährungsproben, in denen er so (über-)lebenswichtige Lektionen wie Mut und Durchhaltevermögen lernt.

Das vielleicht entscheidende gestalterische Mittel aber ist der Einsatz einer Erzählerstimme, die aus dem Off kommentiert – und vor allen Dingen vermenschlichend interpretiert, was wir sehen. So wird etwa in der Anfangssequenz gemutmaßt, dass Ailos Mutter die Entscheidung zwischen der eigenen Sicherheit im Schutz der Herde und ihrer Mutterrolle nicht leicht fällt. Auf Ton- und Bildebene unterstellte menschliche Denk- und Handlungsweisen geben in erster Linie den jüngeren Zuschauer*innen Orientierungshilfe. Die Begegnung zwischen Ailo und einem Schneehasen etwa entspricht dem Gefühl am ersten Schultag, wenn man neu in der Klasse ist, die rauflustigen Iltisse gebärden sich wie Halbstarke. Dass dies gut funktioniert und weder peinlich noch nervig wird, ist insbesondere Anke Engelke zu verdanken, die sich als Erzählerin im Off angenehm zurücknimmt. Engelkes sporadischer trockener Humor passt bestens, ebenso die gelegentliche direkte Ansprache Ailos, den sie wie im Kasperltheater vor einer Gefahr warnt.

Der Film ist aber keine verniedlichende seichte Kost: Es wird der Kreislauf des Lebens gezeigt, zu dem der Tod ganz natürlich dazugehört. Gefahren sind allgegenwärtig, 50% der Rentierkälber sterben vor ihrem ersten Geburtstag. Der Titelheld freilich überlebt sein erstes Jahr. Mit Blick auf sein Zielpublikum kommt „Ailos Reise“ ohne blutige Szenerien aus. Actionsequenzen wie eine Wolfsjagd oder die Bedrohung durch das auf Ailo lauernde „Phantom der Taiga“, den gefährlichen Vielfraß, werden auf ein auch für Kleinere verträgliches Maß heruntergebrochen. Vielleicht kommt deshalb die kritische Aussage zur Umweltproblematik eher kurz. Es wird aber auch nicht verschwiegen, dass dieses Paradies bedroht ist durch das „nimmersatte Raubtier“ Mensch, etwa durch das Abholzen der Wälder, die Folgen der globalen Erwärmung. Es schockiert, dass die etwa 300 Tiere starke „Finse“-Herde, zu der auch Ailo gehört, nur noch eine von insgesamt vier freilebenden, wilden Rentierherden in Lappland ist. Es wäre wünschenswert, wenn es diesem wundervollen, berührenden und spannenden Film gelänge, sein Publikum für die schützenswerte Schönheit der Heimat der Rentiere und für den Schutz der Natur generell zu sensibilisieren.

Ulrike Seyffarth

© NFP
6+
Dokumentarfilm

Aïlo: Une Odyssée en Laponie - Frankreich 2018, Regie: Guillaume Maidatchevsky, Kinostart: 14.02.2019, FSK: ab 0, Empfehlung: ab 6 Jahren, Laufzeit: 86 Min., Kamera: Daniel Meyer, Schnitt: Laurence Buchmann, Musik: Julien Jaouen, Produktion: Laurent Baudens, Laurent Flahault, Gaël Nouaille, Verleih: NFP, Deutsche Sprecherstimme: Anke Engelke

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