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Raus

Raus aus der Komfortzone, hinein in die unberührte, wilde, echte Natur. Fünf Jugendliche versuchen, aus der verhassten modernen Welt auszubrechen.

Glocke hat den Durchblick. Einen Durchblick, wie man ihn wahrscheinlich nur mit etwa 18 Jahren haben kann: „Unsere Welt ist am Arsch, weil die Falschen am Drücker sind“, sagt er. Schon okay. Lieber ein junger Mann, der soziale und politische Ungerechtigkeiten, Umweltzerstörung und Konsumwahn wahrnimmt und darüber in Wut gerät, als jemand, der nur noch in den Spiegel oder auf den Bildschirm starrt. Glocke zumindest gibt sich gerne als Rebell, der sich einmischt. Einer, der Essen an Obdachlose verteilt, Tiere aus Zuchtbetrieben befreit und der dem System den Finger zeigt, indem er Luxuskarosserien abfackelt. Allerdings hat die Sache einen Haken: Nichts davon stimmt. Außer das mit dem Auto. Das hat er allerdings nur in Brand gesetzt, um Lena zu beeindrucken und sie damit ins Bett zu locken. Denn dass Glocke noch nie mit einer Frau geschlafen hat, nagt an ihm mindestens ebenso sehr wie sein tatsächlich existierender Weltekel, der sich noch verschärft, als der Coup mit dem Wagen schiefläuft und sein Missgeschick viral geht. Statt Sex mit Lena hat er Häme im Netz. „Ich will einfach hier raus“, klagt Glocke seinem Zockerfreund „Pixelschweinchen“, bürgerlich Paule, sein Leid. Gut, dass Paule von Friedrich gehört hat, der in den Bergen ein freies Leben verspricht und im Internet eben dafür Jünger sucht.

Regisseur Philipp Hirsch, der zusammen mit Thomas Böltken auch das Drehbuch geschrieben hat, schickt für seinen Debütfilm ein paar Jugendliche in die freie Wildbahn, also vor allem in den Schwarzwald und in die Voralpen. Dass sich die drei Jungen und zwei Mädchen kaum oder gar nicht kennen und darüber hinaus grundverschieden sind, liegt auf der Hand. Neben Glocke und Paule sind da noch Elias, ein brav gescheitelter Streber, die hübsche Judith, die sich im Netz „Pornoqueen“ nennt, aber eben genau das nicht ist, und Steffi, die offensichtlich mal in der Neonazi-Szene unterwegs war. Viel erfährt man nicht über die Mitglieder der kleinen Wandergruppe, denn eine Regel besagt, dass sie nicht zurückschauen sollen. So müssen sich die Fünf zusammenrappeln und vorprogrammierte Konflikte lösen, um den Weg zu ihrem vermeintlichen Heilsbringer Friedrich zu finden, der sie mit einer Art Schnitzeljagd zu sich führen will.

Die Idee, eine Handvoll junger Wohlstandskids aus ihrer Komfortzone herauszuschleudern und sie mit sich selbst zu konfrontieren, ist durchaus reizvoll. Ebenso kann man die alterstypische Orientierungslosigkeit und den rebellischen Duktus sympathisch finden und sollte dies tun, wenn man Jugendliche und ihre Sicht auf die Dinge ernst nimmt. Aber das reicht nicht. Man weiß zu wenig über die Figuren, um sich wirklich für sie zu interessieren, der Plot wirkt unausgegoren. Nach der ersten Nacht im strömenden Regen beginnt langsam der Zusammenhalt zu wachsen. Bald springen die Mädchen und Jungen übermütig in den See, suchen gemeinsam nach Pilzen und Beeren und spießen Fische im klaren Wasser auf. Klar, dass sie die Freiheit in der Natur, die Ursprünglichkeit des Daseins hier im deutschen Wald so richtig spüren können und das Glück der kleinen Dinge finden, während ihre wenigen Begegnungen mit der Gesellschaft von Ablehnung und Aggression geprägt sind. Die Kamera fängt ihre Naturglückseligkeit in warmen Bildern ein, lenkt den Blick auf Käfer, Gräser im Sommerwind und Ameisen auf der Haut. Das ist so ganz anders als die hektischen Montagesequenzen zu Beginn, die wie ein Trip durch die Bilderflut des Internets und der sozialen Medien anmuten. Doch natürlich ist die Idylle nicht von Dauer. Ein Konflikt muss her.

Als ein Geheimnis ans Licht kommt, bricht die Gruppe auseinander und der Frust entlädt sich in ungehemmter, grausamer Gewalt, für die der Horrorfilm „The Wicker Man“ (Robin Hardy, 1973) offensichtlich Pate stand. Diese Folterszene entlarvt alles, was zuvor passiert ist, und vor allem die Entwicklung der Charaktere und ihrer Freundschaft, als bloße Behauptung. Und so stellt sich „Raus“ selbst ein Bein, umso mehr, als die fünf Jugendlichen nach überstandener moralischer Prüfung einfach zur Tagesordnung zurückkehren. Wären sie doch bloß vor ihrem Computer sitzen geblieben! Hätte Glocke bloß früher schon seine Unschuld verloren und wäre nie mit den anderen in den Wald gegangen.

Kirsten Taylor

© Farbfilm
14+
Spielfilm

Raus - Deutschland 2018, Regie: Philipp Hirsch, Kinostart: 17.01.2019, FSK: ab 12, Empfehlung: ab 14 Jahren, Laufzeit: 101 Min. Buch: Thomas Böltken, Philipp Hirsch. Kamera: Ralf Noack. Musik: Johannes Lehniger, ComixXx. Schnitt: Jan Ruschke. Produktion: ostlicht filmproduktion in Kooperation mit Lightburst Entertainment, SWR. Darsteller*innen: Matti Schmidt-Schaller (Glocke), Milena Tscharntke (Judith), Tom Gronau (Elias), Matilda Merkel (Steffi), Enno Trebs (Paule) u. a.

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