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Beautiful Beings

Im Kino: Formal herausragendes, teils hartes Drama aus Island über vier impulsive Jugendliche.

Eine kleine Stadt an der Küste irgendwo in Island. Dort gehen der 14-jährige Addi und seine beiden Freunde Siggi und Konni zur Schule, verbringen gemeinsam ihre Freizeit, üben sich in Mutproben gegenüber älteren Jugendlichen, betrinken sich und probieren verschiedene Drogen aus. Auf den ersten Blick sind sie eine eingeschworene Gemeinschaft, doch das wird nicht so bleiben. Addi ist der Vernünftigste unter ihnen und, wie er selbst von sich behauptet, der „Normalste“. Siggi ist eher zurückhaltend und ein Mitläufer, während Konni seine Aggressionen kaum zurückhalten kann, sofort zuschlägt und von allen nur „das Tier“ genannt wird. Addi setzt sich dafür ein, den gleichaltrigen Balli zu unterstützen, der von anderen Jungen krankenhausreif geschlagen wurde. Dieser kann sich nur schlecht zur Wehr setzen und bleibt in der vermüllten Wohnung weitgehend sich selbst überlassen. Was alle vier Jungen verbindet, ist ihre Herkunft aus einer Arbeiterfamilie, wobei die Mütter weitgehend alleinerziehend sind und die Väter die Familie verlassen haben oder im Gefängnis sitzen wie Ballis Stiefvater. Allesamt neigen diese Väter zur Gewalt, sie sind keine positiven Vorbilder für ihre Kinder. Auch hier hat Addi noch etwas Glück, denn wenigstens seine Mutter kümmert sich um ihn. Sie flüchtet sich aber auch gerne in esoterische Welten, die Addi gehörig auf den Geist gehen. Die Intuition und übersinnliche Fähigkeiten, die sich bei ihm in Albträumen und bösen Vorahnungen äußern, hat er allerdings von seiner Mutter übernommen. Mit Balli gehen die drei Freunde anfangs nicht besonders freundlich um und zwingen ihm mehr oder weniger ihren Willen auf. Aber sie stoßen ihn nicht völlig zurück, helfen ihm gar beim Ausmisten der Messie-Wohnung und verschaffen ihm sogar erste Kontakte zu einem Mädchen. Die Situation eskaliert, als Konni wieder mal ausrastet, eine Party aufmischt und die Freunde nun mit einer Racheaktion rechnen müssen. Als dann Ballis schwergewichtiger Vater auch noch aus dem Gefängnis entlassen wird und seine Familie gnadenlos weiter einschüchtert und unterdrückt, sogar im Raum steht, dass er Ballis ältere Schwester sexuell missbraucht haben könnte, wollen die vier Jungen dem ein Ende setzen.

In rein filmischer Hinsicht ist der zweite Spielfilm von Guðmundur Arnar Guðmundsson, der bereits mit seinem Debütwerk „Herzstein“ international auf sich aufmerksam gemacht hatte, eine Wucht. Keine einzige Szene ist überflüssig oder nichtssagend, die Kamera folgt den vier Protagonisten unablässig auf Augenhöhe und aus deren Perspektive, wobei sich durch Blicke und Gesten in Großaufnahmen, die von schnellen Schnitten hervorgehoben werden, die ambivalente Gemütslage der Figuren zwischen unbändiger Energie, vager Hoffnung und Gefühlen der Verwirrung und Orientierungslosigkeit gut erschließt. Vermittelt die Handkamera zu Beginn des Films vor allem dieses Chaos, werden die Szenen später immer ruhiger, je mehr die Jugendlichen glauben, das Richtige zu tun und einen Plan entwickeln. Gleichwohl sitzen diese Jugendlichen ständig auf einem Pulverfass und handeln rein impulsiv. Dabei schreckt der Film auch vor drastischen Darstellungen nicht zurück, sei es in Bezug auf Mobbing, Demütigungen, weitere Formen der Gewalt, sexuellen Anspielungen oder Drogenkonsum. Zum Glück ist der Film eher ein hartes Drama als eine Tragödie, denn die schlimmstmögliche dramaturgische Wendung wird gerade noch umgangen, wie der nicht ironisch gemeinte Filmtitel bereits vermuten lässt.

Trotz ihrer toxischen Männlichkeit, die immer wieder aus den Jugendlichen herausbricht, sind es Figuren, denen der Regisseur Respekt und viel Sympathie entgegenbringt. Herausragend ist auf jeden Fall die Leistung der vier Jugendlichen, die bis auf den Darsteller des Konni noch keine Schauspielerfahrung hatten und in ihren Rollen so überzeugend wirken, als würde es sich um einen Dokumentarfilm und nicht um einen inszenierten Film handeln. Addi, der als Ich-Erzähler durch den Film führt und ihm eine Struktur verleiht, lässt sich als Alter Ego des Regisseurs begreifen. Dieser blickt selbst auf eine sehr turbulente Kindheit zurück und störte sich daran, dass die Erwachsenen um ihn herum damals wenig Verständnis für die Erlebniswelt der Kinder und Jugendlichen zeigten. So gesehen ist es nachvollziehbar, dass Guðmundsson mit Ausnahme vielleicht von Addis Mutter im ganzen Film keine positive Erwachsenenfigur präsentiert. Die Männer sind ausnahmslos brutal und gewalttätig, kümmern sich nicht um ihre bereits in den Grundfesten erschütterten Familien. Die Frauen werden überwiegend als stumme Opfer gezeigt, die ihren Männern ohnmächtig ausgeliefert sind. Das wirkt in dieser Potenzierung mitunter doch etwas einseitig und übertrieben. Andernfalls müsste man wohl Angst um die isländische Gesellschaft haben. Zum Ausgleich, dass die Wirklichkeit etwas umfassender sein muss als der im Film entworfene Mikrokosmos, bezieht der Regisseur die Natur in Island mehrfach mit ein. In einer besonders beeindruckenden Szene stehen Addi und seine Mutter nachts auf dem Flachdach ihres Wohnhauses und beobachten andächtig die Nordlichter über ihnen.

Holger Twele

© Salzgeber
16+
Spielfilm

Beautiful Beings - Island, Dänemark, Schweden, Niederlande, Tschechien 2021, Regie: Guðmundur Arnar Guðmundsson, Kinostart: 10.11.2022, FSK: ab 16, Empfehlung: ab 16 Jahren, Laufzeit: 123 Min. Buch: Guðmundur Arnar Guðmundsson. Kamera: Sturla Brandth Grøvlen. Musik: Kristian Eidnes Andersen. Schnitt: Andri Steinn Gudjönsson, Anders Sjkov. Produktion: Join Motion Pictures, in Koproduktion mit Motor, Hobab, Film I Väst, Bastide Films, Negativ. Verleih: Salzgeber. Darsteller*innen: Birgir Dagur Bjarkason (Addi), Áskell Einar Pálmason (Balli), Viktor Benóný Benediktsson (Konni), Snorri Rafn Frímannsson (Siggi), Aníta Briem (Guðrún) u. a.

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