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Zombi Child

Das Lebensgefühl Jugendlicher, vermischt mit hochaktuellen gesellschaftspolitischen Fragen – und mit Horrorelementen.

Wer den Begriff „Zombie“ hört, denkt heute vermutlich sofort an irre vor sich hinstarrende, zu blutrünstigen Bestien verwandelte Menschen, die Jagd auf andere Zeitgenoss*innen machen. Spätestens seit dem Erfolg der Fernsehserie „The Walking Dead“ ist das schon in der Frühzeit des Kinos aufgegriffene Motiv der wandelnden Untoten aus der Populärkultur nicht mehr wegzudenken. Inzwischen, da gefühlt jeden Monat neue Zombie-Geschichten die große Leinwand und den kleinen Bildschirm erobern, befinden wir uns allerdings längst in einer Phase der Übersättigung. Neue Ideen haben leider Seltenheitswert. Dass man dem vermeintlich ausgelutschten Horror-Subgenre nach wie vor frisches Blut zuführen kann, beweist der französische Autorenfilmer Bertrand Bonello mit seinem 2019 in Cannes uraufgeführten „Zombi Child“.

Dem Publikum macht er es dabei, ähnlich wie in seinen vorangegangenen Arbeiten, nicht gerade leicht. An einem Schocker im klassischen Sinne zeigt Bonello kein Interesse. Vielmehr nutzt er das Zombie-Sujet, um verschiedene Themenkomplexe anzuschneiden und Gedankenanstöße zu liefern.

Rätselhaft ist schon der Aufbau des Films, der aus zwei zeitlich getrennten, sich immer wieder abwechselnden Handlungsfäden besteht. Deren Verbindung bleibt zunächst unklar. Im Jahr 1962 bricht auf Haiti ein Mann namens Clairvius Narcisse offenbar tot zusammen und wird unter dem Wehklagen seiner Angehörigen beerdigt. Nur wenig später erwacht er allerdings zu neuem Leben und taumelt fortan als Arbeitssklave über eine Plantage. Dieser Strang ist keine Erfindung Bonellos, sondern geht zurück auf die Erfahrungen des realen Clairvius Narcisse, der durch Voodoo-Praktiken angeblich in einen Zombie verwandelt wurde.

Auf einer zweiten, in der Gegenwart spielenden Ebene nehmen die Teenagerin Fanny und ihre Freundinnen, die ein altehrwürdiges Eliteinternat in der Nähe von Paris besuchen, ihre neue Mitschülerin Mélissa in ihren geheimen Literaturzirkel auf. Einerseits ist die aus Haiti stammende Waise in den Augen der Mädchen etwas sonderbar. Andererseits fasziniert sie die Clique, da ihre Tante eine Voodoo-Priesterin ist und sie Aufregendes über diesen magisch-religiösen Kult berichten kann.

Mit Verweisen auf das Horrorkino spart Bonello keineswegs. Szenen, die die Schülerinnen nach dem Sport in den Umkleideräumen zeigen, erinnern etwa an Brian De Palmas Stephen-King-Adaption „Carrie: Des Satans jüngste Tochter“ aus dem Jahr 1976. Und während eines Mittagessens in der Mensa spuckt ein Mitglied der Mädchengruppe grünen Brei aus – eine Anspielung auf William Friedkins Besessenheitsklassiker „Der Exorzist“ von 1973. „Zombi Child“ öffnet sich den Mechanismen und Elementen des Horrorfilms aber nie so weit, dass man von einer echten Gruselgeschichte sprechen könnte – auch wenn die experimentelle Musikuntermalung oft ein diffuses Unbehagen erzeugt.

Bonellos Hauptziel ist es, Fragen aufzuwerfen und an vermeintlichen Gewissheiten zu rütteln. Wie schreiben wir Geschichte? Und wo hat Frankreich seine eigenen Ideale aus der Revolution – Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit – mit Füßen getreten? Diese Punkte reißt ein Lehrer in einem Vortrag an, der zu Beginn mehrere Minuten lang zu sehen ist. Ins Visier nimmt der Film zudem einen Aspekt, der aktueller kaum sein könnte: Wie blicken wir auf das Fremde? Welche Vorurteile schwingen in unseren Beobachtungen und Haltungen mit? Bei aller Offenheit sehen Fanny und ihre Freundinnen die aus einem anderen Kulturkreis kommende Mélissa als eine exotische Person an, vor der sich einige von ihnen zunehmend fürchten. Dass man manche – aus unserer westlichen Perspektive – merkwürdig erscheinende Phänomene auch ganz anders betrachten kann, unterstreicht Bonello gegen Ende, wenn Mélissa das Wesen des Voodoo und dessen Verständnis des Zombie-Motivs erläutert. Im Mainstream-Horrorkino werden Rituale aus dem Karibikraum zumeist auf platte Weise ausgeschlachtet. „Zombi Child“ hingegen legt Wert auf eine ernsthafte Auseinandersetzung. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass Fannys persönliche Geschichte zum Schluss einige Klischees bedient.

Bonellos achter abendfüllender Spielfilm entwickelt trotz seiner politischen und philosophischen Diskurse mitunter eine erfrischende Direktheit, da der Regisseur das Lebensgefühl der Jugendlichen nicht ausblendet. Der Wunsch, respektiert zu werden, einer Gang anzugehören, die ständige Verbindung mit dem Smartphone und der Schmerz einer enttäuschten Liebe kommen hier ebenfalls zum Tragen. Aspekte, die vielleicht die Bereitschaft fördern, sich auf die assoziative, sprunghafte Erzählweise und die komplexeren Fragestellungen einzulassen.

Christopher Diekhaus

© Grandfilm
16+

Zombi Child - Frankreich 2019, Regie: Bertrand Bonello, Kinostart: 08.10.2020, FSK: ab 16, Empfehlung: ab 16 Jahren, Laufzeit: 103 Min. Buch: Bertrand Bonello. Kamera: Yves Cape. Musik: Bertrand Bonello. Schnitt: Anita Roth. Produktion: Bertrand Bonello und Judith Lou Lévy. Verleih: Grandfilm. Darsteller*innen/Mitwirkende: Louise Labeque (Fanny), Wislanda Louimat (Mélissa), Mackenson Bijou (Clairvius Narcisse), Katiana Milfort (Katy), Adilé David (Salomé) u. a.

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