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Der Junge und die Wildgänse

Mit den Wildgänsen unterwegs durch Europa. Ein Abenteuerfilm mit ökologischer Botschaft.

Verleih mir Flügel“ bittet der französische Originaltitel, und als der Film diese Flügel bekommt – erst in Form der kleinen, gelb beflaumten Flügel niedlicher Küken, später in Form der Flügel eines Leichtflugzeugs – ja dann endlich ist das Zusehen eine Freude. Thomas’ Vater Christian hat einen ambitionierten Plan: Um eine bedrohte Wildgansart vor dem Aussterben zu bewahren, will er den ausgebrüteten Junggänsen eine neue, weniger gefährliche Migrationsroute beibringen. Thomas hilft bei den Vorbereitungen, die schon deswegen ulkig aussehen, weil er und Christian mönchsartige braune Kutten tragen, damit die Gänse nicht auch vor anderen Menschen die Scheu verlieren. Spaziergänge mit dem Rasenmäher sollen die Tiere an das Motorengeräusch gewöhnen und auch panisches Weglaufen vor einem „Jäger“ gehört zum Training. Im Austausch gegen die Unterstützung bringt Christian seinem Sohn den Umgang mit dem Ultraleichtflugzeug bei, obwohl dieser mit 14 Jahren eigentlich noch zu jung dafür ist und die Mutter ihm das Fliegen explizit verboten hat. Als das Projekt in Norwegen, von wo aus der gemeinsame Flug nach Südfrankreich starten soll, zu scheitern droht, macht sich Thomas alleine mit den Gänsen auf die lange Reise.

Bis kurz vor Schluss, als sich alles (aber auch wirklich alles) in Wohlgefallen auflöst, hält der Film der realistischen Erzählweise, welche die Darstellung der Reisevorbereitungen prägt, die Treue. Es braucht keine Soldat*innen in Alarmbereitschaft wie in Carrol Ballards „Amy und die Wildgänse‟ (1996) um zu zeigen, dass Thomas kein ganz ungefährliches Wagnis eingeht – widrige Wetterbedingungen, die Begegnung mit einem Luchs oder seine zunehmende körperliche Erschöpfung sind Herausforderung genug. Und statt auf einen Einfall wie ein spektakuläres Flugmanöver durch Hochhausschluchten zu setzen, vertraut Regisseur Nicolas Vanier darauf, dass die Anmut der Landschaftsaufnahmen ausreicht, um die Aufmerksamkeit der Zuschauer*innen zu fesseln. Die wunderbaren Bilder aus luftiger Höhe wecken die Reiselust und die Sehnsucht danach, selbst zu fliegen und die Welt von oben betrachten zu können. Im besten Fall verbindet sich der ästhetische Genuss sogar mit dem pädagogischen Anspruch der Erzählung und die Aufnahmen stärken das Bedürfnis danach, die bedrohte Vielfalt und Schönheit unserer Welt zu bewahren.

Zu schade, dass sich der Film nicht halb so elegant ausnimmt, wenn es darum geht, seinen jungen Protagonisten zu porträtieren. Stattdessen watschelt er so unbeholfen drauflos, dass man kaum glauben mag, wie viel Erfahrung Vanier („Belle und Sebastian, 2013) bereits mit Coming-of-Age-Geschichten mitbringt. Thomas ist zunächst nichts weiter als ein kurz umrissenes Klischee: Ein Vierzehnjähriger, den man nur mit dem Kappen der Internetverbindung von seinem Computerspiel trennen kann und der keine Lust hat, die Sommerferien bei seinem Vater auf dem Land zu verbringen. Nach nur einer Szene hat sich das Interesse der Exposition an Thomas bereits erschöpft; sie wendet sich lieber einer ganz anderen Figur zu, von der man erst nach gut acht Minuten erfährt, dass es sich um besagten Vater handelt. Er diskutiert mit seinem Chef, er wimmelt eine Journalistin ab, er trifft verschiedene, etwas rätselhaft wirkende Vorbereitungen – ob junge Zuschauer*innen es so spannend finden, ihm dabei zuzuschauen? Selbst wenn er dabei deutlich liebevoller und differenzierter charakterisiert wird als sein Sohn? Auch im weiteren Verlauf erfahren wir mehr über das Innenleben und die Entwicklung der erwachsenen Charaktere als über Thomas. Bei einem Zwischenstopp nach dem Namen gefragt, nennt Thomas sich übrigens „Nils Holgersson“ – als wüsste die Figur selbst darum, wie austauschbar sie wirkt.

Das Tierrettungsabenteuer funktioniert trotz dieser Schwächen: Der Film belehrt und berührt, belustigt und bezaubert, begeistert mit seinen Bildern. Aber hätte das Skript den jungen Protagonisten auch nur einmal vor eine schwierige Entscheidung gestellt (und damit dem jungen Publikum mehr Komplexität zugetraut) – um wie viel höher hätte der Film dann fliegen können!

Natália Wiedmann

© Capelight
9+
Spielfilm

Donne-moi des ailes - Frankreich 2019, Regie: Nicolas Vanier, Homevideostart: 09.04.2020, FSK: ab 0, Empfehlung: ab 9 Jahren, Laufzeit: 113 Min. Buch: Christian Moullec, Matthieu Petit. Kamera: Éric Guichard. Musik: Armand Amar. Schnitt: Raphaele Urtin. Produktion: Clément Miserez, Matthieu Warter. Anbieter: Capelight. Darsteller*innen: Jean-Paul Rouve (Christian), Mélanie Doutey (Paola), Louis Vazquez (Thomas), Frédéric Saurel (Bjorn), Lilou Fogli (Diane) u. a.

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Altersempfehlung 6-9 Jahre

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