Nulpen
Bald im Kino: Ein Tag im Leben von zwei Abiturientinnen, die sich an der Schwelle zur Erwachsenenwelt befinden und ziellos durch Berlin flanieren.
Es ist heiß in Berlin: Nico und Ramona haben gerade die Schule abgeschlossen und hängen am liebsten zu Hause ab. Mit einem Stein zerstören sie das Fenster eines Nachbarn, doch dieser verlangt überraschenderweise kein Geld von ihnen – stattdessen sollen sie für ein paar Tage auf seinen Vogel aufpassen. Diesen lassen sie allerdings frei und die beiden Freundinnen bekommen direkt einen neuen Auftrag: Sie sollen den Vogel wieder einfangen. Nico und Ramona haben aber weder Lust dazu noch einen wirklichen Plan und schlendern ziellos durch die Straßen Berlins. Dabei verlieren sie sich in Gesprächen über Belanglosigkeiten, Zukunftsängste und die große Frage, was nach den Ferien – und überhaupt aus ihrem Leben – werden soll.
Slacker-Filme sind aus der Mode gekommen. Waren gerade in den 1990er-Jahren Produktionen wie „Dazed and Confused“ (Richard Linklater, 1993) und „Clerks“ (Kevin Smith, 1994) Aushängeschilder des amerikanischen Independent-Kinos, sucht man nach aktuellen Vertreter*innen vergebens: Adoleszente Verweigerung scheint in Zeiten von digitaler Selbstinszenierung und Selbstoptimierung medial weniger sichtbar zu sein. Sorina Gajewskis „Nulpen“ setzt hier einen interessanten Gegenpol, denn Nico und Ramona haben keine intrinsische Motivation: Sie sitzen zu Hause, während vor dem Fenster Gleichaltrige gegen die Klimaerwärmung demonstrieren; oder lassen sich durch die Straßen Berlins treiben. Am Ende der filmischen Erzählung gibt es keine genretypische Reifung oder zentrale Erkenntnis: Der Film verweigert sich den dramaturgischen Konventionen des Coming-of-Age-Films und des (urbanen) Roadmovies. Ebenso erfrischend ist es, einen Film über Jugendliche zu sehen, der die Themen Sexualität und romantische Beziehungsanbahnung komplett ausspart.
Als Kontrastfigur zu den beiden orientierungslosen Hauptfiguren fungiert Ramonas jüngerer Bruder Noah: Er steht für kindliche Energie und Entdeckergeist. Er ist es auch, der die beiden überhaupt dazu antreibt, den entflogenen Vogel zurückzuholen. Für das Ende der Kindheit findet der Film immer wieder prägnante Bilder: Etwa wenn Nico und Ramona auf dem Weg zu einer Kirche einem Nachbarskind begegnen, das mit Holzstöckchen spielt – und Nico das Gebilde absichtlich umtritt. Die beiden sind schon längst keine Kinder mehr, wollen aber auch keine Erwachsenen sein. Jugend wird hier als existentieller und krisenhafter Schwellenzustand inszeniert, aus dem scheinbar nicht ausgebrochen werden kann.
So unfertig wie die beiden Figuren wirkt an einigen Stellen auch die filmische Inszenierung: Überbelichtungen und Unschärfen prägen einzelne Einstellungen, die Handkamera wackelt manchmal etwas zu stark, oftmals dominiert eine diskontinuierliche Montage, die sich handlungslogisch nicht immer erschließt oder Szenen zu sehr verstärkt. Gleichzeitig entsteht gerade dadurch – ebenso wie durch die verwendete Jugendsprache – eine Form von filmischem Realismus. Die Bilder wirken in vielen Momenten spontan und dokumentarisch. Diese Authentizität wird allerdings immer wieder durch Szenen gebrochen, denen etwas Magisches und Symbolisches anhaftet: Ein Auftritt zweier Clowns in einem Park etwa, bei dem genau jene Spielkarte hervorgezaubert wird, die Ramona zuvor an einem anderen Ort verloren hat. Oder ein brennender Luftballon als Verweis auf die Klimakrise. Solche Szenen eröffnen zwar Metaebenen, wirken im Kontext des ansonsten sehr unmittelbaren Films jedoch überhöht. Ebenso klingen einige Dialoge – zum Beispiel wenn ein Späti-Besitzer philosophische Fragen stellt – zu sehr nach Drehbuchtext.
Die stärksten Momente hat „Nulpen“ immer dann, wenn die Figuren einfach gehen und reden dürfen. In diesen Momenten ist „Nulpen“ ein sehr genau beobachtendes Portrait einer aktuellen Slacker-Kultur in der Generation Z.
Frank Münschke
Deutschland 2025, Regie: Sorina Gajewski, Kinostart: 18.06.2026, FSK: ab 12, Empfehlung: ab 13 Jahren, Laufzeit: 81 Min., Buch: Sorina Gajewski, Kamera: Hannes Schulze, Musik: Lucas Castillo, Ton: Nils Plambeck, Andre Goetters, Artem Funk, Malte Audick, Elisabeth Hoscheck, Schnitt: Raffaéllo Lupperger, Produktion: Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin, Besetzung: Pola Geiger (Nico), Bella Lochmann (Ramona), Rio Kirchner (Noah)
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