Die kleine Amélie oder der Charakter des Regens
Im Kino: Amélie spricht zwei Jahre lang nicht; sie macht sich komplexe Gedanken über die bunte Welt um sich herum. Und lernt sehr viel.
„Am Anfang war nichts, außer Gott.“ Was sich in den ersten Momenten als Schöpfungsgeschichte gibt, ist eine Selbstbeschreibung – und nur ein kleines Kind kann wahrscheinlich ausreichend ichbezogen und unschuldig zugleich sein, um sich so ins Zentrum des Universums zu setzen, ohne dass man es ihm übel nehmen könnte.
Amélie also ist Gott, zumindest für sich selbst. Ein seltsames Kind, das bis zu seinem zweiten Lebensjahr regungslos und ohne bewusste Interaktion mit der Welt bleibt, sich in einer Blase sieht, schwebend, die Welt um sie herum in leicht grellen Pastellfarben, flächig und weich, zugleich mit harten Kontrasten, Licht und Schatten, stellenweise fast pointillistisch hingetupft – die Menschen umso klarer konturiert.
Dann kommt ihr zweiter Geburtstag, der 13. August 1968, ein Erdbeben erschüttert Japan, Amélies Blase platzt: „Gott öffnet sich“. Auf einmal ist sie Teil vom Leben, auch orientierungslos – das Kind schreit und brüllt und tobt. Nur ihre Großmutter Claude, die aus Belgien zu Besuch kommt, kann sie beruhigen – mit einem Stück belgischer weißer Schokolade. Für das kleine Kind eine Art Ambrosia. „Der Genuss von weißer Schokolade zeigte mir, dass ich Gott war. So wurde ich geboren im Alter von zweieinhalb Jahren… durch die Gnade weißer Schokolade.“
„Die kleine Amélie oder der Charakter des Regens“ ist entstanden nach dem im Jahr 2000 erschienenen autobiographisch, sagen wir: angehauchten, Roman von Amélie Nothomb. Diese Amélie wird als Tochter belgischer Eltern in Japan geboren, zwei ältere Geschwister gibt es schon, Juliette und André, die aber zunächst zu dem seltsamen Kind, trotz aller Bemühungen, nicht recht durchdringen können.
Das gelingt neben der Großmutter nur Nishio-San, einer jungen Frau, die sich für die Familie eigentlich nur um den Haushalt kümmern soll, aber sehr schnell zur engen Bezugsperson von Amélie wird – Kindermädchen, Welterklärerin. Die beiden teilen einen offenen und neugierigen Blick auf die Welt, und Nishio-Sans Geduld für das kleine, ungeduldige Kind mit seinen seltsamen Ideen und Vorlieben macht sie zum perfekten Gegenüber.
Der Film von Maïlys Vallade und Liane-Cho Han fokussiert sich vor allem auf dieses dritte Lebensjahr Amélies; an ihrem dritten Geburtstag wird es wieder ein (reales und figuratives) Erdbeben geben, auf dem Weg dorthin gibt es Sehnsüchte, Missverständnisse, Verlust und Verzweiflung. Wie es sich für so ein kleines Kind gehört, sind die Emotionen oft dramatische Berge und Abgründe; Amélie, für sich selbst: Gott, kommentiert alle Dinge aus dem Off in einer sprachlichen Sicherheit, die selbstverständlich nichts Kindliches hat, und in der sich zugleich doch, wie beschrieben, kindliche Grandeur mit kindlicher Unschuld verbinden.
Die Gestaltung der Bilder, wesentlich von Eddine Noël (der zum Beispiel schon bei „Der lange Weg nach Norden“ (2015) und „Calamity, Martha Jane Cannarys Kindheit“ (2020) von Rémi Chayé mitgearbeitet hatte) mit den Regisseur*innen entwickelt, lehnt sich nur vorsichtig an japanische Traditionen an; die Versuchung muss groß gewesen sein, die Bilder in Richtung Studio Ghibli zu entwickeln.
Stattdessen findet sich hier ein sehr eigener Stil, in dem vor allem die Farben – meist leicht ins Gelbliche changierend – dafür sorgen, dass das Fantastische der Erzählstimme sich auch ins Bild überträgt; während in der Außenwelt Formen – von Gingko-Blättern bis zu Karpfen – und Schattierungen oft ineinander überzugehen scheinen, sind die Menschen klar abgesetzt. Sie sind für Amélie auch weitaus weniger Quell des Staunens als die Welt, vor allem das Wasser: Nie wirkte das Teilen von angeströmtem Meerwasser entschlossener als bei dieser Dreijährigen. Zugleich fantastischer und ambivalenter als eine vergleichbare Szene in „Vaiana“ (Ron Clements, John Musker, 2016).
„Die kleine Amélie oder der Charakter des Regens“ erzählt ruhig, witzig und mit wunderschönen Bildern eine kleine Menschwerdung – wer weiß schon, was wirklich im Kopf einer Zweijährigen passiert? „Mit drei Jahren bemerkt man alles und versteht nichts,“ spricht sie am Schluss aus dem Off, und womöglich verstehen die Zuschauer*innen ein wenig mehr: Weil der Film ganz nebenher auch ein kleines bisschen über japanische Geschichte erzählt, über die Folgen von Krieg, über Verlust und die Frage, ob allein die Existenz kleiner Kinder manchmal nicht auch Wunden heilen kann – weil („ich bin Gott“) mit jedem Kind eben auch wieder Unschuld und Staunen auf die Welt kommt. Bis irgendwann die Blase platzt, das Erdbeben zuschlägt, und mit der Schokolade und dem Schmerz wir dann doch unweigerlich alle Menschen werden.
Rochus Wolff
Amélie et la métaphysique des tubes - Frankreich, Belgien 2025, Regie: Maïlys Vallade, Liane-Cho Han Jin Kuang, Kinostart: 11.06.2026, FSK: ab 6, Empfehlung: ab 10 Jahren, Laufzeit: 77 Min., Buch: Liane-Cho Han, Aude Py, Maïlys Vallade, Eddine Noël nach dem Roman „Metaphysik der Röhren“ von Amélie Nothomb, Art Direction: Eddine Noël, Musik: Mari Fukuhara, Ton: Aymeric Dupas, Schnitt: Ludovic Versace, Produktion: Nidia Santiago, Edwina Liard, Claire La Combe, Henri Magalon, Verleih: Piece of Magic Entertainment, Besetzung: (Synchronstimmen) Nelia Olbrich (Amélie), Kristina von Weltzien (Nishio-San), Ela Nitzsche (Kashima-San), Dagmar Dreke (Großmutter Claude), Jens Wendland (Vater), Katharina von Keller (Mutter)
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