Wohin der Wind uns trägt
Im Kino: Alyssa und Mehdi haben die Nase voll von Tunis. Sie wollen nach Europa. Und hoffen auf einen Talentwettbewerb.
Alyssa und Mehdi sind seit ihrer Kindheit beste Freunde. Die 19-jährige Alyssa geht noch zur Schule und muss sich nebenher um ihre jüngere Schwester Zeineb und ihre Mutter kümmern, die den Tod ihres Mannes nicht verkraftet hat. Seitdem steht seine Schreinerei leer. Die impulsive Oberschülerin sieht in Tunis keine Perspektiven und möchte nach Europa. Ihr Nachbar Mehdi ist Anfang 20 und hat Alyssas Vater vor Jahren versprochen, auf sie aufzupassen, wenn er stirbt. Mehdi hat zwar einen Hochschulabschluss, findet aber keinen ordentlich bezahlten Job, so oft er sich auch bewirbt. Seine Familie straft ihn dafür mit Verachtung. In seiner Freizeit füllt der begabte Autodidakt Notizblöcke mit seinen Zeichnungen und hofft insgeheim, irgendwann sein Talent beruflich nutzen zu können.
Als Alyssa ein Plakat zu einem Kunstwettbewerb auf der Insel Djerba entdeckt, bei dem ein sechsmonatiger Aufenthalt in Deutschland zu gewinnen ist, überredet sie Mehdi, sich zu bewerben. Ihr Plan: Wenn er den ersten Preis macht, soll er nach Deutschland gehen, sie heiraten und nachholen. Sobald Mehdi zugelassen wird, brechen die beiden mit einem clever beschafften Auto nach Djerba auf. Unterwegs warten jede Menge Abenteuer und Hindernisse, doch die impulsive Alyssa lässt sich immer wieder etwas einfallen, auch wenn Mehdi die Folgen ihrer spontanen Aktionen oft ausbaden muss.
In ihrem ersten langen Spielfilm erzählt die tunesische Drehbuchautorin und Regisseurin Ame Guellaty konsequent aus der Sicht des jungen Duos, das eine tiefe Freundschaft verbindet. Und das obwohl Mehdi und Alyssa so unterschiedliche Charaktere sind. Mehdi ist bedacht, hilfsbereit und eher vorsichtig. Er fühlt sich verantwortlich für die unvorhersehbare Alyssa, die ohne viel nachzudenken agiert, aber auch immer einen guten Einfall parat hat.
Wegen ihrer Spontaneität gibt es zwischen den beiden oft Reibereien, auf dem Road Trip nach Djerba geraten sie deswegen auch in heikle Situationen. Gleich zu Beginn stiehlt Alyssa in einem raffinierten Schachzug den Geländewagen eines lokalen Gangsters, später wird der Wirbelwind Opfer eines sexuellen Übergriffs. Eya Bellagha und Slim Baccar spielen das ungleiche Duo mit bemerkenswerter Intensität, sie machen die Vertrautheit der jungen Leute jederzeit anschaulich. Vor allem aber zeigen sie facettenreich, wie beschwerlich die Suche nach mehr Selbstvertrauen und einem Platz im Leben sein kann.
Alyssas rebellischer Geist und ihr Hang zu impulsiven Aktionen äußern sich gelegentlich in surrealen Sequenzen, die wegen ihrer leuchtenden Farben sofort ins Auge fallen. So sieht die junge Frau bei einem Besuch der reichen Verwandten Mehdis, dass diese Köpfe von Schweinen tragen. Ein anderes Mal schauen die Männer in einem Café Alyssa aufdringlich an – prompt sind die Gaffer in pastellfarbige weibliche Klamotten gekleidet. Dieser fantasievolle Tagtraum macht ihre Wut über sexistische Übergriffe und das Macho-Gehabe in der dortigen, patriarchalen Gesellschaft sichtbar. Parallel dazu erwachen manchmal auch Mehdis Zeichnungen zum Leben. Die abenteuerliche Reise des Duos wird je nach Anlass und Stimmung von zeitgenössischer Indie-Musik begleitet, aber auch von klassischen arabischen Liedern, die der Musiker Omar Aloulou beigesteuert hat.
Alyssa und Mehdi, die wie viele ihrer Altersgenossen von einem alternativen Leben in Europa träumen, stehen für eine junge Generation Tunesiens. Sie versuchen, in einem Land zurecht zu kommen, das aktuell eine schwierige politische Entwicklung durchläuft. Denn Tunesien war zwar das erste Land des Arabischen Frühlings, das 2011 seinen Machthaber durch Straßenproteste stürzte. Inzwischen hat ein autoritärer Präsident allerdings die demokratischen Strukturen geschwächt. In der jungen Generation macht sich nicht nur die Enttäuschung über die politische Erstarrung breit, sondern auch die Verärgerung über ein Übermaß an Bürokratie und eine Jugendarbeitslosigkeit, die bei 40 Prozent liegt. So wie Mehdi finden viele Hochschulabsolventen keine angemessene Arbeitsstelle.
Die beiden Hauptfiguren mögen zwar enttäuscht sein über die zunehmende politische Unterdrückung und die miserablen Jobaussichten, sie verlieren darüber aber nicht ihren bissigen Humor oder ihren Einfallsreichtum. Vor allem zu Beginn des leichtfüßigen und farbenfrohen Films bringt das ungleiche Duo das Publikum herzlich zum Lachen.
Reinhard Kleber
Tunesien, Frankreich, Katar 2025, Regie: Amel Guellaty, Kinostart: 16.04.2026, FSK: ab 12, Empfehlung: ab 14 Jahren, Laufzeit: 99 Min., Buch: Amel Guellaty, Kamera: Frida Marzouk, Schnitt: Amel Guellaty, Ghalya Lacroix, Malek Kammoun, Produktion: Asma Chiboub, Karim Aitouna, Verleih: Kairos Filmverleih, Besetzung: Eya Bellagha (Alyssa Jelizi), Slim Baccar (Mehdi Zbidi), Maya Blouza (Emna), Firas Khoury (Rabii), Zeineb Neji (Zeineb Jelizi), Lobna Mlika (Alyssas Mutter)
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