Die Legende des Wüstenkindes
Im Kino: Ein zweijähriges Kind geht in der Sahara verloren – und wird von einer Straußenherde aufgenommen. Nach einer wahren Begebenheit.
Dass Wölfe Menschenkinder aufziehen können, wissen die meisten spätestens seit Rudyard Kiplings Klassiker der Weltliteratur „Das Dschungelbuch“, der als Animations- und Realfilm mehrfach den Weg auf die Leinwand gefunden hat. Ein Kind, das unter Straußen aufwächst, wirkt dagegen fast unwirklich. Schließlich sind sie nicht nur die größten, sondern auch die schwersten Vögel der Welt. Die bis zu 2,8 Meter großen Tiere können mit einem Fußkick sogar einen Löwen töten. Und doch geht die Geschichte, die in „Die Legende des Wüstenkindes“ erzählt wird, auf mündlich überliefertes Wissen von Nomad*innen der Sahara zurück: Hadara ging als Kleinkind in den 1920er-Jahren bei einem Sandsturm verloren und wurde erst Jahre später wiedergefunden.
Die schwedische Journalistin Monica Zak hat über diese Überlieferungen Ende der 1990er-Jahre ein Buch veröffentlicht – und dürfte damit auch Gilles de Maistre auf den Plan gerufen haben, dessen Spielfilme seit „Mia und der weiße Löwe“ (2018) von realen Beziehungen zwischen jungen Menschen und Wildtieren handeln.
Zwar sollte es noch einige Jahre und mehrere Filme dauern, bis Gilles de Maistre auf Hadaras Geschichte zurückkam, doch sein neuer Spielfilm bietet nun nicht nur Unterhaltungs- und Schauwerte für die ganze Familie, sondern auch spannende Reflexionen über das Verhältnis von Realität und Fiktion sowie mediale Vermittlung und Verantwortung.
„Die Legende des Wüstenkindes“ ist eingebettet in eine schrittweise weitererzählte Rahmenhandlung. Darin wird die 15-jährige Sun – gespielt von einer Tochter des Regisseurs – mit einem Buchpreis für ihre „Gute-Nacht-Geschichte“ über Hadara ausgezeichnet. Die Legende über das von Straußen aufgezogene Wüstenkind hatte ihr der verstorbene Großvater erzählt. Aufgrund des Preises wird Sun von dem gleichaltrigen Nomadenmädchen Kharouba und deren Familie nach Marokko eingeladen, um die ihr bisher nicht bekannte Fortsetzung zu schreiben.
Von Kharouba erfährt sie, wie es mit Hadara weiterging: Er hat dank der Strauße überlebt, ist später zu den Menschen zurückgekehrt, hat lesen und schreiben gelernt und eine Familie gegründet. Vor Ort in der Sahara wird Sun zunehmend bewusst, dass Hadaras Geschichte tiefer reicht und ihr der Großvater ein wichtiges Geheimnis vorenthalten hat. Kharouba öffnet ihr und damit dem Publikum einen Blick auf die Hintergründe der Erzählung und ihre kulturellen Zusammenhänge.
Offensichtlich hat sich Gilles de Maistre die von Teilen des erwachsenen Publikums an seinen Filmen mehrfach geäußerte Kritik zu Herzen genommen. Die eurozentristische Perspektive wird hier aufgebrochen, indem es nicht bei Suns Nacherzählung von Hadaras Erlebnissen bleibt, sondern Kharouba eine eigene Version einbringt, die eng mit ihrer Familiengeschichte verbunden ist. Zentrale Aspekte treten so nach und nach zutage: etwa, dass ein amerikanischer Hollywood-Produzent auf Hadara aufmerksam wird, das große Geschäft wittert und gleich mehrere Filme über ihn realisieren möchte – ohne Rücksicht auf den Jungen und seine Lebensrealität zu nehmen. Auf diese Weise sensibilisiert der Film für Fragen nach medialer Aneignung und Verantwortung im Umgang mit Geschichten, Lebenswelten und kulturellen Gütern.
Auch „Die Legende des Wüstenkindes“ lebt von eindrucksvollen Naturbildern, die Strauße als fühlende und beachtenswerte Lebewesen in Szene setzen. Gilles de Maistres Film bleibt jedoch nicht bei einem opulenten Tier- und Abenteuerfilm stehen. Vielmehr reflektiert er das komplexe Verhältnis zwischen Mensch und Tier, Natur und Kultur – und die Verantwortung, die mit solchen Geschichten und ihrer Darstellung verbunden ist.
Holger Twele
Übrigens: Schon in seinen früheren Filmen hat Gilles de Maistre betont, dass er nicht mit dressierten Wildtieren arbeitet. Erst nach einem langwierigen Prozess, bei dem Mensch und Tier aneinander gewöhnt werden, beginnen die Dreharbeiten, bei denen die Tiere niemals zu etwas gezwungen werden sollen. Die zehn Strauße, die in „Die Legende des Wüstenkindes“ zu sehen sind, stammen aus einer Zuchtfarm der Lederindustrie. Die beiden Wüstenfüchse – ein solcher wird zum ständigen Begleiter von Hadara – wurden illegal als Haustiere gehalten und von den Behörden beschlagnahmt. Nach den Dreharbeiten fanden alle ein Zuhause in der Tierschutzstation Perle aux Oisseaux.
Frankreich 2026, Regie: Gilles de Maistre, Kinostart: 21.05.2026, FSK: ab 6, Empfehlung: ab 8 Jahren, Laufzeit: 92 Min., Kamera: Vincent van Gelder, Renaud Anciaux, Ton: Guilhem Donzel, Musik: Armand Amar, Schnitt: Aurélien Adjedj, Produktion: Mai Juin Productions, StudioCanal, in Koproduktion mit Umedia, Verleih: Studiocanal, Besetzung: Nahil Bouazzaoui (2-jährige Hadara), Zayn Sekkat (6-jährige Hadara), Nahil Tran (12-jährige Hadara), Neige de Maistre (Sun), Moon Ghazali (Kharouba), Kev Adams (Chris) u. a.
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