Pferd am Stiel
Im Kino: Wie eine 13-Jährige dem Social Media-Einerlei trotzt, zu einem merkwürdigen Hobby steht und dabei zu sich selbst findet.
Tanzen können viele. Backen und Smokey eyes schminken auch. Sarah und Dilek sind beste Freundinnen und versuchen sich in all dem, nichts aber funktioniert so richtig. „Wir brauchen etwas, das nur wir können“, stellt Sarah fest. Nur damit könne es ihnen gelingen, mit ihrem Kanal durchzustarten und in der Social Media-Welt gesehen zu werden. Eben dort entdeckt die 13-Jährige kurz darauf eine Sportart, die es vor allem in Finnland gibt und dort eine große Sache ist. Es gibt sogar eine nationale Meisterschaft, findet sie heraus: Hobby Horsing – mit einem Steckenpferd Sprünge machen und Dressurreiten nachahmen, also Choreografien tanzen, in denen die eigenen Beine zu den Beinen des Pferdes werden und der Oberkörper die reitende Person darstellt. Sarah ist sofort fasziniert, findet aber vor allem Spaß an der Sache und lacht so laut und ausgelassen wie schon lange nicht mehr.
Bestie Dilek dagegen runzelt mit der Stirn: Steckenpferde – echt jetzt? Das ist doch schräg, eher Kindergartenniveau und vor allem eins: peinlich. Trotzdem macht sie auf Sarahs Drängen hin erst einmal mit: Gemeinsam basteln die Mädchen sich die Pferde am Stiel aus Stöcken und Stoffresten und schüren ein Zaumzeug. Sarah färbt ihrem Tier, das sie Lucky tauft, die Haare, so wie sie sie selbst trägt – mit pinkfarbenen Spitzen. Und sie probiert es direkt aus: Am Samstag auf dem verlassenen Schulhof, auf einem Feld am Stadtrand, in einer verlassenen Reithalle. Dort lernen die beiden auch eine gleichaltrige Turnierreiterin, Beatrice, kennen, die auf einem ‚echten‘ Pferd trainiert und von ihrer Mutter durch die Halle gescheucht wird.
Als Mitschüler die beiden Mädchen mit Stockpferd heimlich filmen und das Video seine Runde in der Klasse macht, schämt sich Dilek in Grund und Boden. Es kommt zum Streit und einstweiligen Bruch zwischen den Freundinnen. Doch Sarah hat längst Feuer gefangen und macht weiter – dann eben ohne Dilek. Sie meldet sich für die finnische Meisterschaft an und wird angenommen. Nur: Wie kommt sie jetzt nach Finnland? Die alleinerziehende Mutter ist ohnehin ständig knapp bei Kasse, und auch der Vater macht nicht mit. Da ruft Beatrice an, der gerade ein Wochenendtrip nach London gestrichen wurde, weil ihr Vater wieder einmal arbeiten muss. Und so tun sich die beiden zusammen, buchen einen Flug und machen sich heimlich auf nach Finnland.
„Pferd am Stiel“ ist zunächst eine sorgfältige Beobachtung der sozialen Milieus, in denen er spielt, insbesondere des Münchner Stadtteils Neuperlach, in dem Sarah und Dilek aufwachsen. Aus der Milieustudie wird dann ein Sportfilm und ein bisschen Roadmovie, was in seiner Struktur nicht immer überzeugt, aber durch die vermittelten Kuriositäten freudig überrascht: Im Bus fahren die Mädchen durch die waldreiche Fremde, lernen freundliche Menschen und Gewohnheiten kennen und bugsieren sich durch die Welt des Hobby Horsing, die dann doch anders funktioniert als das, was Beatrice von herkömmlichen Reiturnieren gewöhnt ist. Dennoch hilft ihre selbstbewusste Routine in der Wettbewerbswelt, und sie ist Sarah ein guter Coach. Die gesellschaftlichen Unterschiede zwischen den Mädchen werden immer wieder thematisiert und zielführend aufgelockert, zum Beispiel durch einen finnischen Meister im Luftgitarrenspielen oder einen Vater, der von einer Karriere als Foodfluencer träumt. Dann wird deutlich: Jede und jeder hat eigene Träume, und wenn sie auch noch so außergewöhnlich sind, wir sind alle einfach anders – und genau das ist gut so und viel besser, als in einer Masse mitzuschwimmen und bei Dingen mitzumachen, die einen nicht interessieren.
Die Sozialen Medien sind von Anfang an Thema – auch auf der visuellen Ebene des Films, der immer wieder plötzlich in orange- bis pinkfarbene Filter getaucht wird. Zu Beginn des Films meint man, das sei ein Instagram-Feature, das Sarah und Dilek benutzen, wenn sie ihr heimisches Viertel mit ihren Handykameras dokumentieren: die Dönerbude von Dileks Eltern, das Nagelstudio, in dem Sarahs Mutter arbeitet, die Tanzvideos, die die Mitschülerinnen für TikTok drehen. Über Sarahs und Dileks Aufnahmen wird ihr Umfeld eingefangen und eben rosa aufgepudert, um sie ein bisschen schöner und aufregender zu machen. Denn, dass Geld Mangelware ist und die Möglichkeiten klein sind, erfährt man aus den Gesprächen zwischen Sarah und ihrer Mutter.
Die rosafarbenen Bilder tauchen jedoch auch später auf, und zwar immer dann, wenn sich Sarah wohlfühlt oder aber, wenn sie sich nach dem Streit mit Dilek, wieder selbst einfängt und glückliche Momente erlebt. Deshalb wirkt der Film auch weniger dokumentarisch als andere Filme, die Milieus einfangen, sondern eher wie Insta-Reels, die mal unscharfe Nahaufnahmen integrieren, mal Nebensächliches in den Fokus nehmen und Randschauorte beleuchten, die dadurch frisch und authentisch wirken und genauso viel über die außermediale Wirklichkeit erzählen wie Dokumentarfilme.
Überhaupt bleibt „Pferd am Stiel“ sehr nah dran an der Zielgruppe: Schulalltag, Mobbing, ein wenig Verliebtsein, ganz unterschiedliche Musikstücke, vor allem aber der Versuch besonders von Sarah, nach dem zu suchen, was sie ausmacht, was sie kann, was ihr Spaß macht. Nicht nur machen, was alle machen oder – wie im Fall Beatrice – was sich die Eltern wünschen, sondern jeweils ihr Ding machen. Die Jungdarstellerinnen sind überzeugend, vor allem Manon Debaille als Sarah und Chiara Kitsopoulou als Dilek, aber auch Aurelia Ott in der Rolle der Beatrice. Positiv überrascht, dass der Plot nicht alle vorhersehbaren Routen nimmt, sondern auch Abweichungen wagt. Dass nicht immer alles rosarot und gut ist, sondern dass das Leben eben Ecken und Kanten hat – eben so wie jede Figur und jede Person im echten Leben.
Verena Schmöller
Deutschland, Litauen 2026, Regie: Sonja Maria Kröner, Kinostart: 23.04.2026, FSK: ab 6, Empfehlung: ab 9 Jahren, Laufzeit: 81 Min., Buch: Gerlind Becker, Kamera: Julia Daschner, Musik: Inéz Demian Kappenstein, Ton: Sebastian Schmidt, Schnitt: Ulrike Tortora, Produktion: Philipp Budweg, Lieblingsfilm GmbH, Verleih: Port au Prince Pictures GmbH, Besetzung: Manon Debaille (Sarah), Aurelia Ott (Beatrice), Chiara Kitsopoulou (Dilek), Lana Cooper (Jenny Maier), Valerie Neuenfels (Katharina) u. a.
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