Enzo
Im Kino: Eine queere Coming-of-Age-Story zwischen jugendlicher Rebellion und aktueller Kriegspolitik.
Der 16-jährige Enzo wächst in einem bildungsbürgerlichen Umfeld auf: Sein Vater Paolo ist Professor, seine Mutter Marion Ingenieurin, sie wohnen in einer Villa mit Pool und Blick auf das französische Mittelmeer. Doch Enzo fühlt sich – anders als sein älterer Bruder – immer mehr fremd in dieser Welt: Er hat die Schule abgebrochen und macht stattdessen eine Ausbildung als Maurer. Auf einer Baustelle lernt er die beiden ukrainischen Flüchtlinge Vlad und Miroslav kennen, die ihn beeindrucken, vor allem der Mittzwanziger Vlad: Er ist kräftig gebaut, weiß sich zu behaupten, spricht direkt und teilweise derbe. Zwischen den beiden entspinnt sich eine Freundschaft und gleichzeitig nähern sie sich auch körperlich an.
In „Enzo“ von Robin Campillo (nach einer Idee und Ausarbeitung des kurz vor dem Drehstart verstorbenen Laurent Cantet) wird stark mit visuellen Spiegelungen gearbeitet: Die Fensterscheiben, das Wasser, die Schweißperlen auf der Haut, überall Glanz und Projektion. Diese Spiegelungen werden auch inhaltlich und in der Rauminszenierung aufgegriffen: Auf der einen Seite steht mit Enzos Vater eine Männerfigur, die sich durch Eloquenz und kulturellen Habitus definiert, auf der anderen Seite der direkt und teilweise vulgär kommunizierende Vlad. Hier wird die Villa mit ihren offenen Räumen gezeigt, dort die enge und pragmatisch eingerichtete Wohnung der beiden Ukrainer. Enzo ist ein Grenzgänger zwischen diesen beiden Welten und gleichzeitig ein Fremdkörper: Zu der einen Welt möchte er nicht mehr gehören und in die andere passt er nicht – er ist handwerklich eher untalentiert und seine musisch trainierten Hände bluten ständig. Enzo fungiert als irritierendes Element, als Störung – aus Sicht der Eltern ebenso wie der Bauarbeiter. Doch ihm geht es vor allem um die Provokation und die jugendliche Rebellion: Er stellt sich gegen seinen privilegierten Status und lehnt sich auf – gegen den Opportunismus seiner nach außen weltoffenen Eltern, gegen die Spießigkeit, gegen die soziale Ungerechtigkeit. Im Film wird ein Generationenkonflikt verhandelt, der sich vor allem in Form einer Vater-Sohn-Konfrontation äußert.
Vlad fungiert im Film als Symbolfigur, anhand derer moralische Fragen verhandelt werden: Während Enzo sich bewusst für eine Abgrenzung und eine Flucht aus dem bekannten Umfeld entscheidet, aber jederzeit zurückkehren kann, ist der Ukrainer aus einem Kriegsgebiet geflohen und der ständigen Gefahr ausgeliefert, zum Militärdienst eingezogen zu werden. Es ist also für beide Figuren eine Flucht, nur steht auf der einen Seite eine adoleszente Aufmüpfigkeit und auf der anderen Seite eine existenzielle Grundsituation. Diesen Kontrast führt der Film immer wieder – auch in Form von Spiegelungen – eindrucksvoll vor: Enzo deutet – alkoholisiert und emotional überfordert – bei einer Feier seines Bruders mit einer fingierten Pistole einen Selbstmord an, während Vlad später tatsächlich an die Front und mit echten Waffen kämpfen muss.
In „Enzo“ geht es auf den ersten Blick um adoleszente Identitätsfindung und das homosexuelle Erwachen, ein Film über die Übergangsphase Jugend, in der vieles fließt und Unsicherheiten dominieren. Er unterläuft aber immer wieder die Erwartungshaltung der Zuschauenden: Während die Ausgangssituation stark an moderne Klassiker des Queer-Coming-of-Age-Films wie „Call Me by Your Name“ (Luca Guadagnino, 2017) erinnert, was sich auch durch die sommerlichen Bilder, das ruhige Erzählverhalten, die Inszenierung von Körperlichkeit äußert, bricht der Film im Laufe der Erzählung damit. Campillo stellt der jugendlichen Überforderung eine existentielle Lebenssituation gegenüber. Aus einer sich anbahnenden Sommerromanze wird so ein politischer und in seinen Facetten auch sehr komplexer Film.
Am Ende der Erzählung ruft Vlad Enzo aus Cherson an, im Hintergrund sind Bombeneinschläge zu hören. Enzo befindet sich zu diesem Zeitpunkt im Sommerurlaub in Italien. Auf der einen Seite sehen wir historische Ruinen als Touristenstätte, auf der anderen Seite die Ruinen eines aktuellen Krieges, in dem Menschen ermordet werden. Die Jugenderzählung wird immer wieder und am Ende mit Nachdruck mit der Kriegspolitik der Gegenwart gespiegelt, von ihr überlagert. Diese Kombination ist es, die den Film wirkmächtig macht.
Frank Münschke
Frankreich, Belgien, Italien 2025, Regie: Robin Campillo, ein Film von Laurent Cantet, Kinostart: 26.03.2026, FSK: ab 16, Empfehlung: ab 16 Jahren, Laufzeit: 102 Min., Buch: Robin Campillo, Laurent Cantet, Gilles Marchand, Kamera: Jeanne Lapoirie, Ton: Julien Tan-Ham Sicart, Schnitt: Robin Campillo, Produktion: Les Films de Pierre, Verleih: Salzgeber, Besetzung: Eloy Pohu (Enzo), Pierfrancesco Favino (Paolo), Elodie Bouchez (Marion), Maksym Slivinskyi (Vlad), Nathan Japy (Victor), Vladyslav Holyk (Miroslav), Malou Khebizi (Amina), Philippe Petit (Corelli)
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