Ghost School
Entdeckt bei der Berlinale: Eine 10-Jährige fasst allen Mut zusammen, um dem Geheimnis ihrer plötzlich geschlossenen Schule auf die Spur zu kommen.
Ein Horrorfilm für Kinder? Das lässt der Filmtitel auf den ersten Blick vermuten. Und in der Tat ist in Seemab Guls Film von einem Geist, einem Dschinn die Rede, der ein Schulhaus für sich vereinnahmt hat und dort sein Unwesen treibt. Echte Horrorfans werden hier allerdings nicht auf ihre Kosten kommen, denn trotz einiger leichter Gruselelemente lassen sich kaum genretypische Elemente finden. Stattdessen fokussiert der Titel eine gesellschaftspolitische Realität in Pakistan. Denn dort werden Schulgebäude, die verlassen sind, als Geisterschulen bezeichnet. Was es damit auf sich hat und warum dieser Film auch für ein junges Publikum interessant ist, macht Rabias Geschichte deutlich.
Die 10-jährige Rabia ist ein aufgewecktes Mädchen, das sehr gerne zur Schule geht. Aus ihrer Schuluniform, die an pakistanischen Schulen getragen werden muss, ist sie herausgewachsen, doch für eine neue Uniform fehlt der Mutter das Geld. Kurzerhand trennt sie den Saum auf, damit die Bekleidung wenigstens etwas länger aussieht. Kaum an ihrer Schule angekommen, muss Rabia feststellen, dass sie geschlossen wurde und von einem Wachposten bewacht wird. Angeblich soll dort ein Dschinn sein Unwesen treiben und die letzten Lehrer in die Flucht geschlagen haben. Für einen ihrer Schulkameraden ist das kein Problem, denn sein Vater ist wohlhabend. Er kann sich eine bessere Schule in der Nachbarstadt leisten, die obendrein nur für Jungen zugelassen ist. Die meisten Kinder geben sich mit den Erklärungen des Wachpostens zufrieden, nicht aber Rabia. Beharrlich macht sie sich auf den Weg, um die wahren Hintergründe der Schulschließung zu erfahren. Und obwohl sie als verkleideter Geist gerne ihren jüngeren Bruder erschreckt, glaubt sie nicht wirklich an Geister. Zumindest ist sie nicht bereit, einen Talismann zu kaufen, der sie vor einem solchen Geist schützen soll. Von ihrem Lehrer, der erkrankt ist, erfährt sie, dass sein Vorgesetzter Bestechungsgelder von ihm verlangt hat, wenn er weiter als Lehrer beschäftigt sein möchte. Der Direktor der Schule, ein Großgrundbesitzer, der auf billige Arbeitskräfte setzt und daher gegen Bildung ist, hat den Lehrer daraufhin denunziert und behauptet, er sei besessen. Als Rabia den Direktor gegen den Willen ihres Onkels aufsucht, weist der Direktor jede Schuld zurück. Er behauptet, die Auswahl der Lehrer falle in den Zuständigkeitsbereich eines Distriktkommissars. Auch dort wird Rabia zusammen mit anderen erwachsenen Bittstellern eine demütigende, klare Absage erteilt. Vom Kutscher hat sie immerhin erfahren, dass er das Interesse an einem guten öffentlichen Schulsystem für gering hält, zumal die Reichen ihre Kinder alle auf Privatschulen schicken. Daraufhin fasst Rabia all ihren Mut zusammen, um wenigstens zu beweisen, dass es in der Schule keinen Geist gibt. Auch die Jungen an einer muslimischen Schule möchte sie davon überzeugen und wirft ihnen Feigheit vor. Das führt zu einer kleinen Katastrophe, die zum Glück noch nicht das Ende des Films markiert.
Die pakistanische Regisseurin Seemab Gul erzählt in ihrem Debütspielfilm, den sie auch selbst mit produziert hat, in langen ruhigen Bildern eine einfache Geschichte ganz aus der Perspektive ihrer jungen Protagonistin. Diese ist einesteils noch ganz in ihrer kindlichen Fantasiewelt verankert und glaubt daran, dass es fliegende Pferde gibt, die sie in eine Schule tragen können. Zugleich nimmt sie die Realität um sich herum aber bereits sehr bewusst wahr und glaubt vor allem nicht alles, was die Erwachsenen ihr erzählen. Mit einem grundsätzlichen Misstrauen hat das nichts zu tun. Sie möchte insbesondere als Kind und obendrein als Mädchen in einer männerdominierten Gesellschaft ernst genommen werden und ist daher fest davon überzeugt, dass es sich lohnt, alles erst zu hinterfragen, was andere behaupten. Rabia, die von der Kamera in vielen Großaufnahmen gezeigt wird, beobachtet ihr Umfeld stets mit offenen wachen Augen, ohne sich dabei überlegen zu fühlen oder gar als Führungspersönlichkeit hochstilisiert zu werden.
Der Regisseurin liegt die Bildung insbesondere auch die von Mädchen sehr am Herzen. Nur mit Bildung ließen sich große Probleme der Welt wie Überbevölkerung, Umweltverschmutzung und soziale Ungleichheit besser in den Griff bekommen. Der Entschluss für ihren Film reifte, als sie in Erfahrung brachte, dass es in Pakistan weit über 1500 solcher Geisterschulen gibt, aber auch Geisterkrankenhäuser. Sie entstanden durch Maßnahmen der Politik, ohne darauf zu achten, ob die finanziellen und strukturellen Mittel zur Verfügung stehen, die für den laufenden Betrieb dringend benötigt werden. Zwar ist in der Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen in Artikel 28 das „Recht auf Bildung“ fest verankert. Doch wie Rabia wird dieses Recht Millionen von Kindern weiterhin vorenthalten, insbesondere wenn sie aus armen Bevölkerungsschichten kommen und von den Reichen als billige Arbeitskräfte missbraucht werden. Auch Rabias Mutter möchte ihr Kind gerne als Haushaltshilfe einer reichen Frau sehen, die Rabia den Besuch einer Schule in der Stadt bezahlen will. Rabias Geschichte ermöglicht dem jungen Publikum hierzulande nicht nur einen Vergleich mit unterschiedlichen Lebenswelten. Sie steht darüber hinaus auch für ein Thema, auf das Kinder besonders sensibel reagieren: für Gerechtigkeit in einer als ungerecht empfundenen Welt.
Holger Twele
Pakistan, Deutschland, Saudi-Arabien 2025, Regie: Seemab Gul, Festivalstart: 14.02.2026, Kinostart: 03.09.2026, FSK: keine FSK-Prüfung, Empfehlung: ab 11 Jahren, Laufzeit: 88 Min., Buch: Seemab Gul, Kamera: Zamarin Wahdat, Musik: Anna Bauer, Schnitt: Raluca Petre, Produktion: Cinelava (Seemab Gul), mit Förderungen der MOIN Film Förderung Hamburg-Schleswig Holstein und des Red Sea Fund, Verleih: JIP, Besetzung: Nazualiya Arsalan (Rabia), Samina Seher (Mutter), Adnan Shah Tipu (Schulleiter), Vajdaan Sha (Kutscher), Muhammad Zaman (Lehrer) u. a.
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