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Mister Link

Ein Sasquatch und ein Entdecker suchen auf einer abenteuerlichen Weltreise nach Anerkennung. Ein „Familienfilm“ im Laika-Style.

„Führen Sie mich von hier fort! Ich bin einsam, wissen Sie?“ Mit wenigen Sätzen und herzerweichenden Blicken nimmt das große Wesen mit dem roten Fell das Publikum für sich ein. Es ist nicht schön, einsam zu sein. Im Falle des Sasquatches ist es besonders tragisch. Er wird nicht etwa ausgestoßen, sondern ist schlichtweg der Letzte seiner Art. Die nächsten Verwandten, so vermutet er, müssten die Yetis im Himalaya sein. Und genau dorthin soll ihn der Entdecker Sir Lionel Frost bringen, der sich als Erforscher sagenumwobener Kreaturen in der adeligen britischen Wissenschaftsgesellschaft Ende des 19. Jahrhunderts einen Namen machen will. Lionel erhält Belege für die Existenz des Sasquatches und damit vielleicht sogar für das mögliche Bindeglied zwischen Affe und Mensch. Dafür findet der Sasquatch ein neues Zuhause. Eine Win-Win-Situation. Wäre da nicht ein anderer Entdecker aus Großbritannien, dem es gar nicht behagt, was die Erkenntnisse von Lionel im Erfolgsfall für sein schönes, klar strukturiertes konservatives Weltbild bedeuten könnten. Fortschritt ist ein zweischneidiges Schwert – das hat auch der Sasquatch zu spüren bekommen: „Ihre Welt wird immer größer und meine fällt ihr zum Opfer. Für mich bleibt hier nichts mehr übrig“, sagt er einmal.

Ins Viktorianische Zeitalter und damit in eine Epoche großer gesellschaftlicher Umwälzungen und wegweisender Entdeckungen und Erfindungen führt der mittlerweile fünfte Film aus den Laika-Studios, bei dem erneut der Brite Chris Butler die Regie übernahm. Nach seiner liebenswerten Stop-Motion-Zombie-Komödie „ParaNorman“ (2012) und der Drehbuchmitarbeit am epischen Samurai-Coming-of-Age-Film „Kubo“ (Travis Knight, 2016) hat er zum ersten Mal einen Film gedreht, in dem keine Kinder oder Jugendliche im Mittelpunkt stehen, der sich aber mit seinem Look, seinem Humor und seinem Kernthema am ehesten an ein jüngeres Publikum (ab etwa 9 Jahren) richtet. Die düsteren Untertöne, die vor allem die ersten Laika-Produktionen ausgezeichnet haben – Henry Selicks „Coraline“ hat 2009 Maßstäbe gesetzt – sind hier weitgehend verschwunden. Stattdessen ist „Mister Link“ ein farbenfrohes Roadmovie auf den Spuren von Jules Verne, mit einem Hauch fantastischem Abenteuer-Pulp im Sinne von Indiana Jones.

Von Großbritannien führt die Reise zunächst in den pazifischen Nordwesten, von dort quer durch den Mittleren Westen nach New York, von dort zurück nach Europa und schließlich über den jüngst eröffneten Suezkanal und den indischen Dschungel nach Tibet. Atemberaubend ist dabei die Animation. Während die zentralen Figuren reale, per Hand animierte Puppen sind, werden viele Hintergründe mittlerweile wie bei „Kubo“ digital hinzugefügt, wodurch die Bilder eine enorme Tiefe erhalten. Die jeweiligen Fortbewegungsmittel sind ein Kapitel für sich: Mal zu Fuß, mal auf dem Pferd, mal mit der Postkutsche, mal mit dem Dampfer, mal mit dem Zug, mal auf einem Elefanten reisen Lionel und der als Mensch verkleidete Sasquatch durch die Weltgeschichte und streifen markante Erfindungen und Bauten jener Zeit. An ihre Seite gesellt sich bald die burschikose Adelina Fortright, die Witwe und ehemalige Geliebte von Lionel, die ihre Selbstständigkeit schon durch ihre Kleidung zur Schau stellt: Im Gibson-Girl-Look steht sie für die moderne junge Frau, die sich nicht in die vorherrschenden Rollenbilder der damaligen Zeit pressen lässt und die auch am Ende des Films keinen Mann an ihrer Seite braucht, um Abenteuer zu erleben. Überhaupt liebt Chris Butler, der schon in „ParaNorman“ eine schwule Nebenfigur eingeführt hat, das Spiel mit Geschlechterrollen. Als der Sasquatch sich selbst einen Namen aussuchen darf, entscheidet er sich für Susan. Das sorgt bei Lionel erst einmal für Irritationen. Aber danach wird darüber kein Wort mehr verloren. So ist das eben.

Während die stetigen Schauplatzwechsel viel zum Staunen bieten und keine Langeweile aufkommen lassen – die Szenenbildner*innen von Laika haben mit ihren detaillierten realen und virtuellen Kulissen wieder einmal ganze Arbeit geleistet und eine ungemein stimmige Miniaturwelt gestaltet – und ein Killer, der auf Lionel und Susan angesetzt wird, für dramatische Szenen sorgt, dreht sich „Mister Link“ im Kern doch um ein ganz universelles Thema. Immer wieder geht es um den Wunsch, dazuzugehören und anerkannt zu werden. Lionel sehnt sich danach, in die Riege eines elitären Entdeckerclubs aufgenommen zu werden, Susan sucht eine Ersatzfamilie. Sie alle werden am Ende eine emotionale Heimat finden, wenngleich nicht so, wie sie es sich zunächst vorgestellt haben. In Form eines Abenteuerfilms vor historischem Hintergrund erzählt „Mister Link“ so über das Aufbrechen und Ankommen, über Zusammengehörigkeit, eine Quasi-Patchwork-Familie und Freundschaften. Die Doppelbödigkeit der anderen Laika-Filme fehlt dieses Mal, dafür ist das Herz umso größer.

Stefan Stiletto

© Entertainment One
9+
Animation

Mister Link - USA 2019, Regie: Chris Butler, Kinostart: 30.05.2019, FSK: ab 6, Empfehlung: ab 9 Jahren, Laufzeit: 94 Min. Buch: Chris Butler. Kamera: Chris Peterson. Musik: Carter Burwell. Schnitt: Stephen Perkins. Produktion: Arianne Suttner, Travis Knight. Synchronsprecher*innen: Christoph Maria Herbst (Sir Lionel Frost), Mister Link/Susan (Bastian Pastewka), Collien Ulmen-Fernandes (Adelina Fortnight) u. a.

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