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Der Räuber Hotzenplotz

Im Kino: Unterhaltsame Neuverfilmung des Buchklassikers von Otfried Preußler.

Der Anfang ist (fast) genauso wie im berühmten Kinderbuch-Klassiker von Otfried Preußler (1923-2013): Da lugt ein ungepflegter Geselle durch ein Astloch im Zaun und trampelt barfuß durch ein Salatbeet, um der Großmutter ihr Allerliebstes zu stehlen: eine Kaffeemühle, die ihr Kasperl und Seppel zum Geburtstag schenkten und die beim Drehen der Mahlkurbel eine wunderbare Melodie spielt. „Erlauben Sie mal!“, ruft die alte Dame entrüstet. „Wie kommen Sie da herein – und was fällt Ihnen ein, mich so anzuschreien? Wer sind Sie denn eigentlich?“ Der garstige Bärtige mit den auffallend ungepflegten Zähnen aber lacht, „dass die Feder an seinem Hut nur so wackelt“, wie es im Buch heißt. „Sie lesen wohl keine Zeitung, Großmutter? Denken Sie mal scharf nach!“

Nun, heute lesen leider nicht nur Kinder immer weniger die Zeitung, dafür aber kennen immerhin etliche Leseratten aus inzwischen mehreren Generationen den vor 60 Jahren erschienenen Roman und seine Titelfigur: den Räuber Hotzenplotz, vor dem alle Leute Angst haben, „sogar der Wachtmeister Dimpfelmoser, und der war immerhin von der Polizei“. Schon zum dritten Mal nach 1973 und 2005 wurde das Kinderbuch nun verfilmt. Zunächst spielte Gert Fröbe die Titelrolle, später dann Armin Rohde. Hinzu kommt noch Peter Kern in der Fortsetzung „Neues vom Räuber Hotzenplotz“ (1978), sodass der Wiener Burgschauspieler Nicholas Ofczarek für den neuen Film in durchaus illustre Fußstapfen tritt – und ihm dennoch die wohl beste Darstellung gelingt: Sein Hotzenplotz ist der schmutzigste, wildeste und hinterhältigste, zugleich aber auch der hintersinnigste Rabauke, der nicht selten an sich und seiner Profession zweifelt und fürchtet, dem Ruf seines ebenfalls räuberischen Vaters nicht gerecht werden zu können.

Überhaupt hat der neue Film einiges zu bieten, und heutige Kinder, die dem Stoff – zumindest im Kino – zum ersten Mal begegnen, bekommen ein pralles, süffig erzähltes, höchst unterhaltsames Stück filmisches Kasperle-Theater geboten. Konnte man den früheren Adaptionen bei allem Humor und aller Spielfreude noch eine gewisse Schwerfälligkeit nicht absprechen, segelt der neue „Hotzenplotz“ mit prächtig geblähten Segeln elegant über die kleine, charmante Fantasie und erweckt die betont einfach erdachten Figuren zum herrlichen Eigenleben auf dem schmalen Grat zwischen Spielfreude, Klamauk und (selbst-)ironischer Übertreibung. Ob Nicholas Ofczarek als Hotzenplotz, August Diehl als exzentrisch agierender Zauberer Zwackelmann, Hedi Kriegeskotte als weltfremde, aber pfiffige Großmutter, Christina Paul als leicht mysteriöse Hellseherin Frau Schlotterbeck oder Olli Dittrich als rotbäckiger, preußisch übereifriger Polizist Dimpfelmoser – sie alle bieten komische Kabinettstücke, vor deren Hintergrund Kasper (Hans Marquardt) und Seppel (Benedikt Jenke) glänzen dürfen. Mal unbekümmert handelnd, mal mutig und selbstlos reagierend sind die aufgeweckten Jungs sympathische Identifikationsfiguren, wohl auch für Mädchen, zumal sie frisch und freundlich nicht mehr die ursprünglichen Muster von „klug“ und „dumm“ bedienen.

Eine besondere Rolle spielt indes die Filmmusik, mit der dem erfahrenen Komponisten Niki Reiser ein kleines Meisterstück glückte: Während er die eingängige Melodie aus Großmutters Kaffeemühle aufgreift und zum dichten Filmscore weitet, befreit er sie ebenso einfallsreich immer mal wieder aus ihrer untermalenden Rolle und macht gerade den Räuber zum fröhlich trällernden Gesellen, der trotz seines „Berufs“ ein sehr vitaler, facettenreicher Charakter mit verborgenen Qualitäten ist.

Sollte tatsächlich noch jemand die Handlung nicht kennen, sei sie hier in Kürze nachgeholt: Kasperl und Seppel wollen Großmutters Kaffeemühle zurückholen und stellen Hotzenplotz eine Falle. Jedoch unterschätzen sie ihn sträflich, werden gefangen und stiften allerlei Verwirrung, weil sie ihre Rollen wechseln – wobei es wie im Buch reicht, dass sie lediglich ihre Mützen tauschen, der Rest ist eine Sache der Fantasie, die attraktiv bedient wird, etwa mit dem detailfreudig ausgestatteten Domizil des hässlichen Zauberers Petrosilius Zwackelmann, der einen möglichst dummen Diener zum Kartoffelschälen sucht und glaubt, ihn im Tausch gegen einen Sack Schnupftabak Marke „Nasentrost“ von Hotzenplotz bekommen zu haben. Bis Kasperl endlich auf die in eine Unke verwandelte Fee Amaryllis stößt, gibt es viel atmosphärischen Fantasyzauber mit hübschen Tricks und Effekten, während die Romanhandlung mit Zutaten aus der Fortsetzung „Neues vom Räuber Hotzenplotz“ angereichert wird. So wird auch Kasperls Großmutter von Hotzenplotz entführt, Frau Schlotterbeck darf geheimniskrämerisch ihren Dackel Waldi verbergen und Wachtmeister Dimpfelmoser ihr verliebte Augen machen. Darüber hinaus wird auch noch eine Hotzenplotz-Erzählung von Susanne Preußler-Bitsch zitiert, wenn Kasperl und Seppel in der Rahmenhandlung an einer Mondrakete basteln.

Selbstverständlich geht am Ende alles gut und gerecht aus wie ihm traditionellen Kasperle-(Puppen-)Theater, dazu gibt es Pflaumenkuchen mit Schlagsahne, und man möchte mit niemandem tauschen, selbst mit dem Kaiser von Konstantinopel nicht.

Horst Peter Koll

© StudioCanal
6+
Spielfilm

Der Räuber Hotzenplotz - Deutschland, Schweiz 2022, Regie: Michael Krummenacher, Kinostart: 08.12.2022, FSK: ab 0, Empfehlung: ab 6 Jahren, Laufzeit: 106 Min. Buch: Matthias Pacht, nach den Kinderromanen „Der Räuber Hotzenplotz“ und „Neues vom Räuber Hotzenplotz“ von Otfried Preußler sowie Motiven der Erzählung „Der Räuber Hotzenplotz und die Mondrakete“ von Susanne Preußler-Bitsch. Kamera: Marc Achenbach. Musik: Niki Reiser. Schnitt: Max Fey. Produktion: Claussen + Putz/Zodiac Pictures/StudioCanal/ZDF/SRF/SRG. Verleih: StudioCanal. Darsteller*innen: Nicholas Ofczarek (Räuber Hotzenplotz), Hans Marquardt (Kasperl), Benedikt Jenke (Seppel), August Diehl (Zauberer Petrosilius Zwackelmann), Hedi Kriegeskotte (Großmutter), Christina Paul (Frau Schlotterbeck), Olli Dittrich (Wachtmeister Dimpfelmoser) u. a.

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