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Guillermo del Toros Pinocchio

Auf Netflix: Noch einmal die Geschichte der lebenden Holzpuppe, aber wunderbar neu interpretiert, düster und tiefgründig.

Guillermo del Toro liebt die düsteren Seiten von Märchen: die unheimlichen Wälder, die Ungeheuer, die magischen Wesen. Einen Kinderfilm hat er bislang noch nicht gedreht, wohl aber Filme wie „Pans Labyrinth‟ (2006) und „The Devil’s Backbone‟ (2001), in denen es auch um Kinder in fantastischen Welten ging. Nun konnte er, nach etwa eineinhalb Jahrzehnten, mit der Adaption des Kinderbuchs „Pinocchio‟ von Carlo Collodi ein Herzensprojekt umsetzen. Und es ist ein großes Glück, dass er dabei nicht so seelen- und ideenlos vorgeht wie zuletzt Robert Zemeckis bei seinem CGI-/Live-Action-Remake (2022) und nicht so skurril wie Matteo Garrone in seiner Verfilmung des Stoffs aus dem Jahr 2020. Denn ausgerechnet dem genrefilmerprobten del Toro ist es gelungen, seinem Stil treu zu bleiben, einen Kosmos zu entwerfen, der ganz und gar dunkel und existenzialistisch ist, sich zugleich aber die klassische Geschichte auch zu eigen zu machen, modern zu deuten – und ja, gewissermaßen sogar gegen den Strich zu lesen – und letztlich mit all ihren Ecken und Kanten auch zu einem Film zu machen, der älteren Kindern ab etwa zehn Jahren tatsächlich etwas bedeuten kann.

In Collodis Roman musste die freche, unartige Holzpuppe Pinocchio, das „Bengele‟, noch lernen, sich anzupassen und „brav‟ zu werden – ein typischer Bildungs- und Erziehungsroman mit klar formulierter pädagogischer Botschaft. Bei del Toro hingegen entwickelt sich Pinocchio zwar auch und reift moralisch. Aber er muss sich nicht mehr unterordnen, muss nicht mehr zu etwas geformt werden, das er nicht ist. Daraus entsteht zunächst der zentrale Konflikt. Als der Tischler Gepetto eines morgens erkennt, dass die Holzpuppe, die er in der Nacht zuvor aus einem Kiefernstamm geschnitzt hat, lebendig geworden ist, kann er sein Glück kaum fassen. Nach dem Tod seines Sohnes Carlo, an dem er sich mitschuldig fühlt, war Gepetto in ein tiefes Loch gefallen. Nun könnte die Holzpuppe eine zweite Chance für ihn sein. Doch diese verhält sich nicht so, wie Gepetto sich das vorstellt. Sie quengelt, sie macht viel kaputt, sie bringt ihn im Dorf in Bedrängnis. Kurzum: Sie wird eine Last für ihn – was zum Zerwürfnis zwischen Gepetto und Pinocchio führt. Eines nachts läuft der zutiefst enttäuschte Pinocchio fort.

Immer wieder greift der großartig animierte Puppentrickfilm diesen Widerspruch zwischen Anpassung und Auflehnung, Unterordnung und Eigenständigkeit auf. Als „Elternteil‟ hat Gepetto in dieser Hinsicht mehr zu lernen als sein hölzerner Ziehsohn. Der Alte muss erkennen, dass er Pinocchio zwar begleiten, aber nicht nach seinen Willen formen kann. Ein Thema, dass sich auch in dem historischen Hintergrund spiegelt, vor dem del Toro die Handlung angesiedelt hat. Der Film spielt zur Zeit des italienischen Faschismus. Mit bitterer Ironie nutzt der Animationsfilm die ungelenken Puppen, um die Gleichschaltung der Menschen zu visualisieren. Nachdem Pinocchio sich bei einer Theateraufführung vor Mussolini über diesen lustig macht, landet auch er in einem militärischen Ausbildungslager. In Collodis Roman steht an dieser Stelle das Land der Spielereien und das hemmungslose Vergnügen (in dessen Folge alle beteiligten Kinder in Esel verwandelt werden), hier wird daraus eine Kriegsvorbereitung, eine körperliche Transformation ist nicht mehr nötig, um die Abgründe aufzuzeigen.

Der Tod ist immer nah in diesem Film, von der Rückblende zu Beginn, die erzählt, wie Carlo beim Abwurf einer Bombe auf eine Kirche im Ersten Weltkrieg ums Leben kommt, bis hin zur Begegnung Pinocchios mit dem Geist des Todes. Zunächst ist Pinocchio unsterblich. Wenn ihm etwas geschieht, kann er nach einem kurzen Aufenthalt in der Zwischenwelt wieder ins Leben zurückkehren. So greift der Film sowohl in den realistischen als auch in den märchenhaften Augenblicken ziemlich große Themen auf. Um Trauer geht es, um das Umgehen mit einem Verlust, um Bedrohungen durch Kriege, später auch um das Loslassen und um Vergänglichkeit. Damit wird die abenteuerliche Reise von Pinocchio, die manche bekannte Passagen des Romans streift, manche auch zusammenfasst, zu einem kleinen Lehrstück in Philosophie.

„Kinder brauchen Märchen‟ lautet der Titel eines Buchs des Psychologen Bruno Bettelheim, auf den sich del Toro oft beruft. Tatsächlich scheint es so, als ob dieses Sachbuch ihn zu seinen filmischen Märchen inspiriert hat. Was del Toro hier als Ideengeber und Ko-Regisseur (neben dem Animationskünstler Mark Gustafson) angestoßen hat, ist keine oberflächliche, weichgespülte Adaption mit bekannten Versatzstücken, sondern ein aufregender Ausflug in eine märchenhafte Welt, die sich aber als ungemein tiefgründig erweist.

Stefan Stiletto

© Netflix
10+
Animation

Guillermo del Toro’s Pinocchio - USA 2022, Regie: Guillermo del Toro, Mark Gustafson, Kinostart: 24.11.2022, Homevideostart: 09.12.2022, FSK: ab 12, Empfehlung: ab 10 Jahren, Laufzeit: 116 Min. Buch: Guillermo del Toro, Patrick McHale, nach dem Roman von Carlo Collodi. Kamera: Frank Passingham. Musik: Alexandre Desplat. Schnitt: Ken Schretzmann. Produktion: ShadowMachine. Verleih/Anbieter: Netflix

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