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Der Pfad

Im Kino: Die fesselnde Geschichte einer großen Kinderfreundschaft vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkriegs.

Es beginnt ähnlich idyllisch wie im Roman: An einem trüben Morgen spielt Rolf am Mittelmeerstrand leidenschaftlich eine Szene aus „King Kong“ nach und scheint alles um sich herum zu vergessen. Bis ihn ein Mann auf Englisch anspricht und ihm ein Eis anbietet. Es ist Rolfs Vater, Ludwig Kirsch, doch das verlockende Eis ist nur eine Kugel aus Sand – eine Illusion, das Versprechen auf eine bessere Zukunft. Es ist das Jahr 1940, Vater und Sohn sind in Marseille gestrandet, verfolgt vom nationalsozialistischen Regime, das Ludwig als unliebsamen Schriftsteller und Journalisten auf eine Fahndungsliste der Gestapo gesetzt hat. Rolfs Mutter Katja glückte die Flucht nach New York, doch Rolf und Ludwig bleibt nur der titelgebende „Pfad“: eine gefährliche Passage zu Fuß von Südfrankreich aus über die Pyrenäen, um über Spanien nach Lissabon und dort an eine Schiffspassage nach Amerika zu gelangen.

Mit wenigen Szenen skizziert der Film die heikle Ausgangslage: ein Café in Marseille, in dem deutsche Flüchtlinge auf ihr Weiterkommen hoffen, ihr verzweifeltes Ausharren, die Hoffnung auf gefälschte Papiere, die Ludwig und Rolf von Anna, einer Bekannten aus Berlin, erhalten. Und das in allerletzter Sekunde: Vor einer Razzia flüchten sie in die Küche, wo sich Rolf als Küchenhilfe ausgibt und seinen geliebten Hund Adi im Kochtopf versteckt. Ahnt der Polizist etwas? Jedenfalls entzündet er die Gasflamme im Herd, weil eine „Fischsuppe“ doch kochen müsse …

So nimmt der Film Fahrt auf, fängt intensiv die lebensbedrohliche Gefahr ein, ohne das Geschehen mit Fakten und Informationen zu überfrachten. Die spannende Szene in der Küche jedenfalls bleibt in Erinnerung und hallt im Lauf des weiteren Geschehens ähnlich nach wie ein Spiel, das Rolf und Ludwig spielen: Auf die Frage „Wer ist gut, wer ist böse?“ teilen sie die Menschen auf Grund ihres Äußeren ein – und liegen mit ihrem Urteil mitunter arg daneben. Später wird sich Rolf daran erinnern und seine Wahrnehmungen entsprechend justieren. Gut und Böse sind halt keine eindeutigen Begriffe.

Nun erst folgt das eigentliche Abenteuer. Die äußere Handlung ist ereignis- und wendungsreich, bleibt aber insofern stets wahrhaftig, weil sie konsequent aus der Sicht des zwölfjährigen Jungen erzählt wird. Rolf weiß zwar aus eigener Erfahrung mehr über die schwierigen Zeiten als heutige Zuschauer*innen in seinem Alter, doch das ständige Wechselbad seiner Empfindung ist auch für sie nachvollziehbar. In seiner kindlichen Wahrnehmung vermag Rolf die Gefahr nicht immer angemessen einzuschätzen und trifft sogar eine falsche Entscheidung – mit fatalen Folgen.

Zuvor finden Rolf und Ludwig in einem einsamen Dorf eine kundige Pfad-Führerin übers Gebirge: Núria ist ein spanisches Mädchen in Rolfs Alter, das sich streng und hart gibt, nicht zuletzt, um die Trauer um seine Eltern zu verbergen, die als Partisan*innen ums Leben gekommen sein sollen. Núria verbietet Rolf, seinen Hund mitzunehmen, Vater Ludwig schließt sich schweren Herzens dem Verbot an. Rolf ist entsetzt und verletzt, fühlt sich hintergangen. Heimlich schmuggelt er Adi mit auf den Pfad, wo das Schlimmste passiert: Adi macht eine Patrouille auf sie aufmerksam, Ludwig lässt sich verhaften, um seinen Sohn zu schützen. Fortan sind die Kinder auf sich allein gestellt. Verzweifelt hadert Rolf mit seiner vermeintlichen Schuld, will Ludwig unbedingt befreien und gerät in weitere Gefahren mit deutschen Soldaten und mutig kämpfenden Partisanen. Ein ums andere Mal ist er auf Núrnias Hilfe angewiesen, bis er Verantwortung übernimmt und ihr selbstlos und mutig zur Seite steht.

Denn das ist „Der Pfad“ im Kern: die fesselnde Geschichte einer großen Kinderfreundschaft, die Rolf und Núrnia gleich im doppelten Sinn an Grenzen führt und die sich doch bewährt. Die Idee dazu kam Kinder- und Jugendbuchautor Rüdiger Bertram, als er die Autobiografie „Mein Weg über die Pyrenäen“ von Lisa Fittko las, einer österreichischen Kommunistin und Widerstandskämpferin gegen die nationalsozialistische Diktatur, die viele Flüchtlinge über die Pyrenäen führte. Einmal schrieb sie: „Wenn Kinder dabei waren, war es fast ein Spaziergang.“ Dies wurde zur Initialzündung für den Roman, dessen authentischen Hintergrund Rüdiger Bertram in Südfrankreich und Spanien recherchierte. So folgte er auch dem Pfad über die Pyrenäen, den vor 80 Jahren viele Emigrant*innen nahmen, darunter Berühmtheiten wie Walter Benjamin, Franz Werfel, Alma Mahler-Werfel, Golo und Heinrich Mann, Alfred Polgar und Lion Feuchtwanger. Im Buch wie im Film legt Rolf einen Teil des Weges mit seinem Vater zurück, der in Berlin ein bekannter Journalist war – sein Name Ludwig Kirsch erinnert an den „rasenden Reporter“ Egon Erwin Kisch (1885-1948), der einen Tag nach dem Reichstagsbrand am 28. Februar 1933 verhaftet wurde.

Der aufwändige, nicht nur darstellerisch geglückte Spielfilm wurde mit vielen attraktiven Landschaftsbildern vor Ort in Spanien gedreht. Vieles blieb vom Roman erhalten, vor allem zwei Dinge wurden jedoch zugunsten der filmischen Dramaturgie geändert: Aus dem jungen Fluchthelfer Manuel im Roman wurde im Film das Mädchen Núrnia, und mit Rolfs Ankunft auf Ellis Island in New York gibt es nun ein handfestes Happy End – beide Veränderungen tun der Emotionalität des Films ausgesprochen gut.

Eine weitere schöne Ebene des Romans blieb erhalten: Auch im Film ist Rolfs Lieblingsbuch Erich Kästners berühmter Klassiker „Der 35. Mai“, der ihn auf der Flucht begleitet. Geht es bei Kästner um eine fantastische Reise bis zur Südsee durch einen Wandschrank, weist er Rolf und Núrnia ihren Weg durch das „verrückte“ (Kriegs-)Geschehen, auf dem sie viel Trost und Ermutigung benötigen. Dass sie damit nicht allein sind, verkündet eine Texttafel am Ende des Films: Auch heute noch sind zahllose Kinder überall auf der Welt auf der Flucht.

Erwachsene mögen diesen Hinweis für zu vage halten, womöglich das Fehlen von mehr Fakten bemängeln. Für die eigentliche Zielgruppe dürfte dies nicht vordringlich wichtig sein: Das junge Publikum erlebt eine rundum fesselnde, bei aller Tragik unterhaltsame Abenteuergeschichte, die es in keinem Moment ratlos zurücklässt. Vielmehr regt der Film zu vielen, weiterführenden Fragen an, denn kaum jemandem in der jungen Zielgruppe dürfte der historische Hintergrund vertraut sein. Vieles erklärt der Film, noch viel mehr aber lässt sich nachträglich über dieses historisch wichtige Kapitel deutscher Geschichte vermitteln – was mindestens so spannend und oft auch beklemmend ist wie dieser attraktive Spielfilm.

Horst Peter Koll

© Warner
11+
Spielfilm

Der Pfad - Deutschland, Spanien 2021, Regie: Tobias Wiemann, Kinostart: 17.02.2022, FSK: ab 6, Empfehlung: ab 11 Jahren, Laufzeit: 100 Min. Buch: Jytte-Merle Böhrnsen, Rüdiger Bertram, nach dem gleichnamigen Roman von Rüdiger Bertram. Kamera: Martin Schlecht. Musik: Arnau Bataller. Schnitt: Andreas Radtke. Produktion: Eyrie Ent., Warner Bros. Lemming Film, Fasten Films. Verleih: Warner Bros. Darsteller*innen: Julius Weckauf (Rolf), Nonna Cardoner (Núria), Volker Bruch (Ludwig, Rolfs Vater), Bruna Cusí (Esther), David Bredin (Karl), Anna Maria Mühe (Katja, Rolfs Mutter), Lucas Prisor (Theo), Jytte-Merle Böhrnsen (Anna) u.a.

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