Kritiken > Filmkritik
Kritiken > Lieblingsfilme > Sommer 85

Sommer 85

Im Kino: Alles scheint möglich für Alexis im flirrenden Sommer 1985, atmosphärisch inszeniert von François Ozon.

Ein Tsunami der 1980er-Jahre-Nostalgie flutet seit ein paar Jahren aus Bildschirmen, Radios und Modehäusern. Nun labt sich auch Regisseur François Ozon mit seinem Coming-of-Age-Film „Sommer 85“ im grobkörnigen Super 16-Format an der satten Farbpalette der allerorts wiederbelebten Ära und untermalt seine Bilder mit pulsierendem New Wave-Sound. Vor der Kulisse der Normandie entfaltet sich im Sommer 1985 ein Wechselbad der Gefühle für den 16-jährigen Alexis, als dieser den unzähmbaren David trifft. Für 6 Wochen, 1008 Stunden, 3.628.800 Sekunden verdichtet sich sein Zeiterleben: Unmögliches scheint möglich – bis die Blase junger Ekstase jäh zerplatzt.

„Das ist er, der künftige Leichnam“ verkündet Alexis, der gerade mit seiner kleinen Segeljolle auf offener See gekentert ist und sich angesichts eines aufkommenden Unwetters in akuter Lebensgefahr befindet, aus dem Off. Aber damit meint er nicht sich selbst, sondern seinen nahenden Retter: Der zwei Jahre ältere David ist zur rechten Zeit am rechten Ort, zieht Alexis aus dem Wasser und bringt ihn ohne viel Federlesens zu sich nach Hause. Von einem Moment auf den anderen ist Alexis‘ Leben völlig umgestülpt und er wird vom Sog, den der Wildfang David ausübt, mitgerissen. David ist unbändig und frei und nimmt sich, was er will. Zum Beispiel Alex, dem er in Windeseile gehörig den Kopf verdreht. Im Nu wird aus dem homoerotischen Knistern eine wahrhaftige Sommerliebe mit schwindelerregenden Höhen und klaffenden Tiefen.

Mit der Verfilmung von Aidan Chambers Roman „Tanz auf meinem Grab“ erfüllte sich François Ozon, der das Buch als Teenager laut eigener Aussage förmlich verschlang, einen langgehegten Traum. Sein Film setzt ein, als Alexis gerade in Handschellen abgeführt wird und dem Publikum sein seltsames Faible für den Tod preisgibt. Animiert von seinem Französischlehrer und literarischen Mentor Monsieur Lefèvre macht sich der verstörte Alexis an die Niederschrift seiner Sommer-Memoiren, denn „alles, was sich nicht aussprechen lässt, lässt sich leichter schreiben‟. Damit wird unter anderem die Erzählstruktur des Films vorgegeben, der die Geschehnisse rückwirkend aus Alexis‘ Perspektive aufrollt.

„Sommer 85“ besticht durch starke Darsteller*innen-Leistungen sowie durch detailgetreues Setting und die erlesene Songauswahl von The Cure über Bananarama bis hin zu Rod Stewart. Wenn Ozon schlussendlich nie vollständig in die Seelen seiner Protagonisten durchdringt, so mag das an dem zuweilen behutsam-nüchternen Blickwinkel liegen, der zum Auf und Ab der Emotionen sowie ihrem verklärenden, aber nie verklärten Pathos eingenommen wird. „Das einzig Wichtige ist, dass wir alle irgendwie aus unserer Geschichte kommen!“ heißt es am Ende etwas rätselhaft. Nach den etwa 100 bittersüßen Minuten leuchtet einem die verborgene Wahrheit dieses sanft nachklingenden Satzes jedenfalls voll und ganz ein.

Nathanael Brohammer

 

 

© Wild Bunch
15+
Spielfilm

Été 85 - Frankreich 2020, Regie: François Ozon, Kinostart: 08.07.2021, FSK: ab 12, Empfehlung: ab 15 Jahren, Laufzeit: 100 Min. Buch: François Ozon, nach dem Roman „Tanz auf meinem Grab‟ von Aidan Chambers. Kamera: Hichame Alaoui. Schnitt: Laure Gadette. Musik: Jean-Benoît Dunckel. Produktion: Mandarin Films, FOZ, France 2 Cinéma, Playtime Productions, Scope Pictures, Radio Télévision Belge Francophone. Verleih: Wild Bunch. Darsteller*innen: Félix Lefebre (Alexis), Benjamin Voisin (David), Philippine Velge (Kate), Valeria Bruni-Tedeschi (Madame Gorman), Melvil Poupaud (Monsier Lefèvre) u. a.

Sommer 85 - Sommer 85 - Sommer 85 -

Lieblingsfilme

» Herr Bachmann und seine Klasse

» Räuberhände

» Ein bisschen bleiben wir noch

» Tito und die Vögel

» Psychobitch

» CODA

» Mirai – Das Mädchen aus der Zukunft

» Die Adern der Welt

» Erdmännchen und Mondrakete

» Morgen gehört uns

» Sommer 85

» Nachtwald

» Catweazle

» Frühling in Paris

» Raya und der letzte Drache

» Yes, God, Yes – Böse Mädchen beichten nicht

» Soul

» Wolfwalkers

» Glitzer & Staub

» Wildherz – Auf der Reise zu mir selbst

» Hexen hexen (2020)

» Und morgen die ganze Welt

» Yakari – Der Kinofilm

» Lovecut

» Zombi Child

» Milla Meets Moses

» Enola Holmes

» Niemals Selten Manchmal Immer

» Jim Knopf und die Wilde 13

» Mignonnes

» Futur Drei

» Nackte Tiere

» Meine wunderbar seltsame Woche mit Tess

» Binti - es gibt mich!

» Yalda

» Felix

» Kokon

» Max und die Wilde 7

» Into the Beat – Dein Herz tanzt

» Sunburned

» Meine Freundin Conni – Geheimnis um Kater Mau

» Weathering With You – Das Mädchen, das die Sonne berührte

» Nur die halbe Geschichte

» Monos – Zwischen Himmel und Hölle

» Away – Vom Finden des Glücks

» Zu weit weg

» Onward: Keine halben Sachen

» Little Women

» Romys Salon

» Crescendo

» Auerhaus

» Die Götter von Molenbeek – Aatos und die Welt

» Die Eiskönigin II

» Zoros Solo

» Das Geheimnis des grünen Hügels

» Nevrland

» Fritzi – Eine Wendewundergeschichte

» Systemsprenger

» Ein leichtes Mädchen

» Mein Lotta-Leben – Alles Bingo mit Flamingo!

» A Toy Story: Alles hört auf kein Kommando!

» Die drei !!!

» Don’t Give a Fox

» Stranger Things 3

» Roads

» Mister Link

» Die kleinen Hexenjäger

» Supa Modo

» mid90s

» Unheimlich perfekte Freunde

» Tito, der Professor und die Aliens

» Kommissar Gordon und Buffy

» The Hate U Give

» Ailos Reise

» Drachenzähmen leicht gemacht 3: Die geheime Welt

» Capernaum – Stadt der Hoffnung

» Yuli

» Checker Tobi und das Geheimnis unseres Planeten

» Der Junge muss an die frische Luft

» Hilda

» Mary Poppins’ Rückkehr

» Mellow Mud

» Astrid

» Sandstern

» Schwimmen

» Blue My Mind

» Girl

» Ava

» Pettersson und Findus – Findus zieht um

» Fannys Reise

» I Kill Giants

» Fridas Sommer

» 303

» Love, Simon

» Your Name