Andor Hirsch
Im Kino: Im Ungarn der 1950er-Jahre hofft ein Junge auf die Rückkehr seines totgeglaubten Vaters. Dann taucht ein Mann auf, der alles infrage stellt.
In seinem dritten Spielfilm nach dem oscarprämierten „Son of Saul“ (2015) und „Sunset“ (2018) beschäftigt sich der ungarisch-jüdische Regisseur László Nemes erneut mit der Geschichte seines Landes. Er greift diesmal allerdings ganz unmittelbar auf die eigene Familiengeschichte zurück, insbesondere auf die Kindheit seines Vaters, des Filmregisseurs András Jeles, sowie auf die Erzählungen seiner Großmutter, und verwebt sie mit kollektiven Erfahrungen der Nachkriegszeit.
Der überwiegend 1957 angesiedelte Film spielt einige Monate nach dem ungarischen Volksaufstand von 1956, der mit Studentenprotesten begann und von der sowjetischen Besatzungsmacht brutal niedergeschlagen wurde. Darum geht es im Film jedoch nicht. Im Mittelpunkt steht vielmehr der zwölfjährige Andor, dessen Eltern angeblich ums Leben gekommen sind, als 1944 auch die ungarischen Juden deportiert und zu 95 Prozent ins Konzentrationslager nach Auschwitz gebracht wurden. Andors Vater soll im Lager ums Leben gekommen sein. Doch Andor glaubt das nicht.
Einige Jahre nach dem Krieg taucht seine Mutter Klára plötzlich wieder auf und holt den Jungen, der bis dato im Waisenhaus lebte, zu sich nach Budapest. Andor wächst nun mit einem von der Mutter propagierten idealisierten Bild des Vaters auf und hofft noch immer, dass dieser eines Tages vor der Tür steht. Wenn Andor nicht mehr weiter weiß, führt er sogar im Heizungskeller des Mietshauses Zwiegespräche mit ihm. Aber das brummende Heizungsrohr vermag ihm keine Antworten auf seine so drängenden Fragen zu geben.
Andor vermisst und idealisiert seinen Vater. Umso mehr ist es für den Jungen ein Schock, als plötzlich der grobschlächtige Metzger Berend auftaucht, sich unverhohlen an die Mutter heranmacht und allen Ernstes behauptet, Andor sei sein leiblicher Sohn, der alsbald auch seinen Nachnamen tragen soll. Je mehr sich Berend in seiner unbeholfenen Art bemüht, auf den Jungen einzugehen, desto mehr beginnt sich Andor zu sträuben. Der Konflikt zwischen den beiden spitzt sich immer weiter zu, zumal die Mutter auf Andors Nachfrage nicht darüber spricht, warum sie den Krieg und die Verfolgung der Juden überlebt und welche Rolle Berend dabei spielte. Am Ende sieht Andor nur noch einen Ausweg, um seine „Traumfamilie“ zu schützen und die Vorstellung seines Vaters zu bewahren.
„Andor Hirsch“ besticht insbesondere in filmästhetischer Hinsicht: Bewusst gedreht auf etwas grobkörnigerem 35mm-Farbfilm und ganz in Sepiatönen gehalten, glaubt man sich unmittelbar in die damalige Zeit versetzt. Das fahle Licht und die Ausstattung mit verschlissenen Dekors, alten Vorhang- und Kleiderstoffen, verschmutzten Fenstern und verrottenden Gegenständen vermitteln eine Atmosphäre der Unsicherheit, der Bedrohung und des Niedergangs. Cadrage und Kameraführung heben den fragmentierten Blick auf eine aus den Fugen geratenen Welt hervor, in der auch die Familie keinen sicheren Halt mehr bietet.
Nemes gelingt es, sich voll und ganz auf Andor einzulassen und sein Trauma zu visualisieren. Konsequent aus seiner Perspektive zu erzählen, hat allerdings Licht- und Schattenseiten: Andor weiß anfangs nichts über die Hintergründe der Deportation der Juden oder den Volksaufstand. Die politischen Umbrüche, die Folgen und die Geheimnisse seiner Familie erscheinen hier deshalb nicht als erklärbare Zusammenhänge, sondern als Bruchstücke einer Erwachsenenwelt, die Andor nach und nach zu begreifen versucht. Ein Unterfangen, das in einer von verdrängten Erfahrungen geprägten Gesellschaft zwangsläufig an Grenzen stößt.
Ob diese Form der Geschichtsvermittlung aufgeht, dürfte auch vom Vorwissen des Publikums abhängen. Wer die historischen Hintergründe nicht kennt, wird manche Andeutungen nur schwer einordnen können. Hinzu kommt, dass sich der mit 132 Minuten sehr lange Film vergleichsweise spät auf seinen zentralen Konflikt konzentriert.
Andor kann Berend nicht akzeptieren. Hauptdarsteller Barabás Boitorián gelingt es dabei überzeugend, die Verletzlichkeit seiner Figur ebenso sichtbar zu machen wie ihre Wut und das daraus erwachsende Gewaltpotenzial. Gerade darin zeigt sich, wie tief die Verletzungen sitzen, die die Taten der Vergangenheit hinterlassen haben, und dass Traumata nicht einfach verschwinden, sondern bis in die Gegenwart nachwirken.
Holger Twele
Árva (Orphan) - Ungarn, Frankreich, Deutschland, Großbritannien 2025, Regie: László Nemes, Kinostart: 14.05.2026, FSK: ab 12, Empfehlung: ab 14 Jahren, Laufzeit: 132 Min., Kamera: Mátyás Erdély, Sounddesign: Tamás Zányi, Musik: Evgueni Galperine, Sacha Galperine, Schnitt: Péter Politzer, Produktion: Mike Goodridge, Gregory Jankilevitsch, Ildikó Kemény, Alexander Rodnyansky, Ferenc Szále, Verleih: MUBI, Darsteller*innen: Barabás Bojtorján (Andor), Andrea Waskovics (Klára), Gregory Gadebois (Berend), Elíz Szabó (Sári), Sándor Soma (Tamás) u. a.
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