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Run me wild

Entdeckt beim Max Ophüls Preis: Toni verliebt sich in Anna – und kämpft zugleich mit den Folgen eines sexuellen Übergriffs.

Toni trainiert wie verrückt. Im Fitnessstudio powert sie sich aus, stemmt Gewichte, bis die Hände zittern. Ansonsten stürzt sich die 19-Jährige in die Arbeit in der Gärtnerei ihrer Eltern. Als sie neue Pflanzen im Vorgarten der Villa einer wohlhabenden Familie setzt, lernt sie die lebenslustige Anna kennen, die sofort mit ihr zu flirten beginnt. Anna genießt das Leben und bringt etwas Leichtigkeit in Tonis durchgetakteten Alltag. Aus der ersten Vertrautheit wird schnell Anziehung.

Toni ist noch unsicher, lässt sich aber auf die reizvolle Liebelei ein. Doch sie verschweigt Anna, dass sie vor einem Jahr Opfer eines sexuellen Übergriffs wurde. Die Erinnerungen daran überfallen sie noch immer. Unterdessen macht in der Gegend ein Gerücht die Runde: Ein Tiger soll frei herumstreunen. Je mehr Anna Toni herausfordert, desto häufiger taucht der mysteriöse Tiger in Tonis Träumen auf. Kurz darauf verliert sie auf einer Party die Kontrolle über ihre Wahrnehmung und ihren Körper. Und dann rastet sie auch noch im Fitnessstudio aus.

In ihrem ersten langen Spielfilm, der im Wettbewerb des Filmfestivals Max Ophüls Preis 2026 lief, erzählt die Regisseurin Catharina Lott einfühlsam von der Unsicherheit und Identitätssuche einer 19-Jährigen, die unter den Folgen eines sexuellen Übergriffs leidet. Was vor etwa einem Jahr genau passiert ist, erfahren wir nicht. Kurze Flashbacks und Nahaufnahmen ihres Nackens deuten im Verbund mit einer dramatischen Tonkulisse die Gewalterfahrung nur an. Man spürt jedoch, wie Berührungen und körperliche Nähe die junge Frau belasten.

Die Nachwirkungen des traumatischen Ereignisses zeigen sich zum Beispiel bei einem Aufenthalt in einem vollbesetzten Vorlesungssaal an der Universität. Für Toni sind die vielen Menschen um sie herum unerträglich. Schon nach kurzer Zeit bricht sie das Studium der Agrarwissenschaft ab, jobbt lieber in der kleinen Gärtnerei der Eltern. Dort wird sie mit ihrem androgynen Erscheinungsbild oft als männlich gelesen.

Groß ist der Kontrast zur extrovertierten etwa gleichaltrigen Anna. Die hübsche Blondine ist sich ihrer erotischen Anziehungskraft bewusst und setzt sie gezielt ein, um Toni zu umgarnen. Toni geht vorsichtig auf die Avancen ein, schreckt aber mehrmals zurück, als Anna sie berührt. Noch größer ist ihre Irritation, als Anna andeutet, dass sie es beim Liebesspiel auch mal härter mag. 

Anna ist nicht nur in ihrem Erscheinungsbild ein stereotyp femininer Gegenentwurf zu Toni. Auch sozial trennen die beiden Welten. Toni kommt aus eher einfachen Verhältnissen, der Gärtnereibetrieb der Eltern steht vor der Insolvenz. Anna stammt aus einem wohlhabenden Elternhaus, in dem Geld keine Rolle zu spielen scheint. Sie lässt das Toni zwar nicht spüren, unsicher fühlt sich Toni in der noblen Villa offensichtlich dennoch.

Catharina Lott, die mit diesem Film ihr Studium an der Münchner Hochschule für Film und Fernsehen abgeschlossen hat, erzählt konsequent aus der Perspektive Tonis. Die Kamera von Lea Dähne bleibt oft nah dran an der Protagonistin. Abhängig von Tonis Gemütszustand bleibt die Kamera mal statisch und beobachtet nur, mal folgt sie dynamisch ihren Bewegungen.

Als surreales Element bringt der Tiger neuen Schub in die Orientierungssuche der Protagonistin. Erscheint das mächtige Raubtier zunächst nur als fantastisches Schreckensbild, das Furcht verbreitet, so avanciert es nach und nach zu einem Gewaltsymbol: Im Tiger kehrt gleichsam die Gewalt zurück, die Toni erlitten hat und die sie bisher mit exzessivem Sport und konsequentem Schweigen - auch gegenüber den Eltern – verdrängt hat.

Tonis Auseinandersetzung mit dem Leid ist schmerzhaft, aber unausweichlich. Aus Rückschlägen geht sie schließlich gestärkt hervor. Als sie sich nach einem Gewaltausbruch verletzt zusammensackt, kann sie sich öffnen und die Hilfe ihrer Mutter zulassen. Luna Jordan spielt diese traumatisierte junge Frau eindrucksvoll und facettenreich: Sie macht die innere Verhärtung ebenso spürbar wie die Unsicherheit angesichts der Annäherungsversuche Annas und die ersten Impulse wieder aufkeimender Lebenslust. Als impulsive Gegenfigur und dramaturgischer Katalysator sammelt Renée Gerschke jede Menge Sympathiepunkte, auch wenn ihre Anna eine deutlich geringere existenzielle Fallhöhe hat.

Abgesehen von einigen Längen im letzten Drittel gelingt Catharina Lott auch dank der soliden Besetzung ein stilsicheres Frauenporträt, das verständlich macht, wie beschwerlich der Weg aus einem Trauma sein kann und wie Hoffnung und Zuversicht gerade dann gedeihen können, wenn vermeintliche Schwäche zugelassen wird.

Reinhard Kleber

Diese Kritik entstand im Rahmen der Berichterstattung zur Aufführung des Films beim Filmfestival Max Ophüls 2026.

© Lea Dähne
14+
Spielfilm

Deutschland 2026, Regie: Catharina Lott, Festivalstart: 20.01.2026, FSK: ab 12, Empfehlung: ab 14 Jahren, Laufzeit: 86 Min., Buch: Madeleine Hartung, Kamera: Lea Dähne, Schnitt: Catharina Lott, Jonas Riedinger, Musik: Raphael Lott, Produktion: Apollonia Film, Narrative Way, Besetzung: Luna Jordan (Toni Wurm), Renée Gerschke (Anna), Johanna Wokalek (Petra), Thomas Loibl (Viktor)

Altersempfehlung 14-18 Jahre

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» Run me wild

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