Euphoria (Staffel 1)
Über Sucht, Einsamkeit, Freundschaft und die Sehnsucht, den eigenen Dämonen zu entkommen.
Kein Wunder, dass die Veröffentlichung von „Euphoria“ für Furore sorgte, denn in ihrer Intensität und Schonungslosigkeit geht die erste Staffel definitiv ein paar Schritte weiter als viele andere Serien jener Zeit.
Rue ist süchtig. So sehr, dass sie mit 17 nach einer Überdosis von ihrer jüngeren Schwester halbtot aufgefunden wird und für mehrere Tage im Koma liegt. Jetzt kommt sie gerade aus dem Entzug zurück, verspricht ihrer Ma, dass sie nun clean bleibt – um kurze Zeit später doch wieder bei ihrem Dealer zu sitzen. Für anstehende Drogentests hat sie sich längst Strategien zum Schummeln zurechtgelegt – zum Beispiel mit dem Urin ihrer einst besten Freundin Lexi, die anfällig dafür ist, ausgerechnet dann zu helfen, wenn sie es besser lassen sollte. Rue weiß das. Sie ist zwar tendenziell eher lieb und freundlich zu allen, aber auch rücksichtslos, sobald ihre Überlebensmechanismen einsetzen. Dass sie die Menschen um sich herum ständig belügt, passiert automatisch. Die Sucht ist längst zu etwas Selbstverständlichem geworden, und diese muss eben getarnt werden.
Rue ist als Mittelklassenkind in einem amerikanischen Vorort aufgewachsen. Nach außen hin alles halbwegs okay, doch innen Chaos mit Diagnose-Marathon: Angststörung, Zwangsstörung, ADHS, womöglich gar bipolar? Die Welt ist ihr viel zu schnell und ihr Kopf oft zu langsam. Schon als Kind nimmt sie zahlreiche Tabletten täglich. Doch das allererste Mal Ruhe und Frieden verspürt Rue erst, als sie eine Valium bekommt: Schlagartig wird die Welt still und sie fühlt sich sicher vor ihren Gedanken. Das ist der Anfang. Doch es geht weiter: Mit 13 die erste Oxy vom todkranken Vater stibitzt, später Party-Exzesse mit Alkohol und anderen Drogen, die immer mehr zur Gewohnheit werden.
Das sind die Voraussetzungen, als wir sie kennenlernen. Und dann kommt Jules in die Stadt und an die Schule – und damit neue Bewegung, nicht nur in Rues Leben. Wir erfahren erstmal nicht viel über Jules' Vergangenheit, können aber erahnen, dass sie als trans Frau und nach der Scheidung ihrer Eltern nun bei ihrem wirklich lieben Vater lebt und ebenfalls einige Päckchen mit sich trägt. Für sie wiederum scheint es normal, sich regelmäßig über Grindr mit wesentlich älteren Männern in abgelegenen Hotelzimmern zu treffen – was später in der Serie große Kreise innerhalb der Highschool-Community ziehen wird, weil wir einen dieser „Daddys“ bereits von anderer Stelle kennen. Doch erstmal entsteht zwischen Rue und Jules eine innige Verbindung, die beiden Stabilität und Perspektive gibt und die schon von Anfang an nur einen Hauch davon entfernt scheint, über die Freundschaft hinauszugehen. Für Jules versucht Rue das allererste Mal ernsthaft mit den Drogen aufzuhören – das wird nicht die einzige Herausforderung bleiben. Doch „Euphoria“ bleibt nie nur bei der Geschichte von Rue und Jules. Die Serie nutzt ihren Blick auf die beiden vielmehr als Ausgangspunkt für ein Ensemble aus Figuren, die auf unterschiedliche Weise mit Einsamkeit, Erwartungen, Begehren oder dem Wunsch nach Anerkennung ringen.
Da sind zum Beispiel Maddy und Nate mit ihrer absolut toxischen On-off-Beziehung, die Schaden weit über sie beide hinaus verursacht. Da ist Kat, deren erste sexuelle Erfahrung plötzlich als Video die Runde in der Schule macht – was sie aber kurzerhand umzudrehen weiß. Da sind die Schwestern Cassie und Lexi, die auf gegensätzliche Weise zu gefallen versuchen, mit zweifelhaftem Erfolg. Und da sind noch jede Menge Menschen über diesen engsten Kreis hinaus, die nur stellenweise vorkommen und doch weit über einfache Nebenfiguren hinausgehen. Allen voran Fez, der wohl den sensibelsten Drogendealer spielt, den die Welt je auf der Leinwand gesehen hat.
„Euphoria“ reißt mit, schockiert und hallt nach. Was die Serie von vielen anderen Jugendserien unterscheidet, ist dabei allerdings nicht nur die Härte der Geschichten, sondern auch die Inszenierung. Rauschzustände, Panikattacken oder Verliebtheit werden hier nicht erklärt, sondern erfahrbar gemacht. Leuchtende Farben, schnelle Montagen und ein ständig wechselnder Rhythmus erzeugen eine Atmosphäre, die zwischen Euphorie und Absturz pendelt. Gerade weil „Euphoria“ immer wieder Humor, Popkultur, Freundschaft und erste Verliebtheit neben die Abstürze stellt, wird die Serie nie zu einer reinen Elendsgeschichte. Sie besitzt eine enorme erzählerische Energie, die auch dann trägt, wenn die Figuren Entscheidungen treffen, die nur schwer auszuhalten sind.
Trotz der Härte ist „Euphoria“ eben nicht nur eine Serie, die aufwühlt. Sie erzählt von Jugendlichen, die ständig zwischen Selbstzerstörung und dem Wunsch nach Nähe, Kontrolle oder einem Neuanfang schwanken. Und gerade weil die Serie ihre Figuren dabei weder schont noch vorschnell verurteilt, hinterlässt sie lange Nachwirkungen. Sie überfordert bewusst – entwickelt daraus aber eine erzählerische Wucht, der man sich nur schwer entziehen kann.
Marius Hanke
USA 2019, Serien-Idee: Sam Levinson, Regie: Augustine Frizzell, Sam Levinson, Jennifer Morrison, Pippa Bianco, Homevideostart: 06.10.2019, FSK: ab 16, Empfehlung: ab 16 Jahren, Laufzeit: 55 bis 69 Min., Buch: Sam Levinson, Produktion: A24 Television, The Reasonable Bunch, Little Lamb, DreamCrew, Tedy Productions, Verleih: HBO Max, WOW, Besetzung: Zendaya (Rue), Hunter Schafer (Jules), Alexa Demie (Maddy), Sidney Sweeney (Cassie), Jacob Elordi (Nate), Maude Apatow (Lexi), Angus Cloud (Fez), Barbie Ferreira (Kat) u. a.
Altersempfehlung 14-18 Jahre
» Fünfzehn Tage sind für immer
» Verstoßene – Kein Zuhause bei Maman
» Immortals – Bagdads Jugend erhebt ihre Stimme
» Babystar
» The Testaments: Die Zeuginnen
» Romería – Das Tagebuch meiner Mutter
» Enzo
» A Family
» Jupiter
» Der geheimnisvolle Blick des Flamingos
» Stabil
» Kingdom – Die Zeit, die zählt
» Boots
» Euphorie
» Karla
» Soft
» Wednesday (Staffel 2, Teil 1 & 2)
» Yurt
» Boarders ‒ Welcome to St. Gilbert's (Staffel 1)
» Forever
» Toxic
» Mit der Faust in die Welt schlagen
» Baby
» Bird
» Christy
» Hungry
» Blitz
» Tandem – In welcher Sprache träumst du?
» Samia
» A Good Girl's Guide To Murder
» Tiger
» T・P Bon
» Boy
» Ellbogen
» Animalia
» Elaha
» Bottoms
» Forever
» Sorcery
» L‘amour du monde – Sehnsucht nach der Welt
» Boyz
» Fanfic
» Suzume
» Sara Mardini – Gegen den Strom
» Wann wird es endlich wieder so wie es nie war
» Sonne
» Belle
» Nico
» Warum ich euch nicht in die Augen schauen kann
» Platzspitzbaby – Meine Mutter, ihre Drogen und ich
» Everbody’s Talking About Jamie
» CODA
» Freda
» Fighter
» Moxie. Zeit, zurückzuschlagen
» Wir Kinder vom Bahnhof Zoo (2021)
» Jugend
» Stichtag
» Yes, God, Yes – Böse Mädchen beichten nicht
» Wildherz – Auf der Reise zu mir selbst
» Lovecut
» Mein etwas anderer Florida Sommer
» Niemals Selten Manchmal Immer
» Yalda
» All die verdammt perfekten Tage
» Weathering With You – Das Mädchen, das die Sonne berührte
» Monos – Zwischen Himmel und Hölle
» Away – Vom Finden des Glücks
» Jumbo
» Auerhaus
» Ich habe meinen Körper verloren
» Nevrland
» Harajuku
» Paranza: Der Clan der Kinder
» Roads
» mid90s
» Club der roten Bänder – Wie alles begann
» Raus
» Yuli
» Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot
» Fünf Dinge, die ich nicht verstehe
» Girl
» Schmeißt die Schlampe in den Fluss
» Ava
» Genesis
» Letztendlich sind wir dem Universum egal
» 303
» Mustang
