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Memoiren einer Schnecke

Im Kino: Die herzzerreißend schmerzhafte, verzweifelte und zugleich lebensfrohe Geschichte einer Außenseiterin. Beglückend schräg animiert!

Mit Pinkys letzten Worten – „The potatoes!“ – beginnt der Film. An ihrem Sterbebett und anschließend in Pinkys Garten sitzt Grace Purdel, eine Frau mit Schneckenhut, und erzählt ihre Lebensgeschichte. Einzige Zuhörerin: Graces Schnecke Sylvia, die ihr Zwillingsbruder Gilbert nach Sylvia Plath benannt hat, der Lieblingsautorin ihrer Mutter. Stimmt natürlich nicht ganz. Denn auch das Publikum lauscht gebannt dem bewegten Weg, der hinter Grace liegt.

Die Mutter stirbt früh, der Vater wird kurz nach der Geburt der Zwillinge von einem betrunkenen Autofahrer schwer verletzt. Eigentlich war er Trickfilm-Regisseur und Straßenkünstler in Paris, die Liebe brachte ihn nach Australien. Auch wenn die Verzweiflung ihn in den Alkohol treibt, verliert er nicht seine überbordende Lebensfreude. Die glückliche Kindheit von Gilbert und Grace wird trotzdem zu früh enden.

Als ihr Vater stirbt, werden die zwei Kinder, engstens verbunden, wie es vielleicht nur Zwillinge sein können, getrennt. Während Graces Pflegefamilie in Canberra halbwegs erträglich miserabel ist, landet der Tiere und Streichhölzer liebende Gilbert auf dem Land bei religiösen Fanatikern, die ihn für einen Hungerlohn zwingen, in ihrem Apfelhandel mitzuarbeiten, Fleisch zu essen und in die Gottesdienste zu gehen. Die Geschwister versuchen, den Kontakt zu halten – doch Gilberts Briefe werden mit der Zeit immer weniger.

Adam Elliots „Memoiren einer Schnecke“ ist von Grau- und Brauntönen dominiert, nur Feuer und Pinkys leuchtendrote Brille bringen wirklich Farbe in diese Stop-Motion-Plastilinwelt. Oberflächlich gesehen entspricht das dem Unglück über Unglück, das sich in Grace Purdels Welt anhäuft: ihre fortwährende Einsamkeit, Trennung von all jenen Menschen, mit denen sie sich wirklich verbunden fühlt. Wie Grace damit umgeht? Sie zieht sich zurück. Und füllt die entstandene Leere mit einer riesigen Sammlung von Schnecken (echten und Abbildern als Gemälde, Nippes, Dekoration) sowie mit einer scheinbar unkontrolliert wachsenden Schar an Meerschweinchen. Ihrem Bruder geht es, objektiv betrachtet, noch schlechter. Zwar schreibt er in seinen Briefen von der Hoffnung, Grace bald wiederzusehen, doch die Filmbilder zeigen, dass die Wahrheit weniger positiv ist.

Begegnungen mit der alten Dame Pinky – deren wilde Vergangenheit („Exotische Tänzerin in einer Schnitzel-Bar, Sex mit John Denver, Ping Pong mit Fidel Castro“) und ungebrochener Lebenswille beeindrucken – sowie mit Ken, Graces „Canberra Adonis“, bringen punktuell Hoffnung in Graces Leben – Momente völliger Erschütterung und Trauer werden jedoch nicht von ihrer Seite weichen.

„Memoiren einer Schnecke“ ist neben Vielem anderen auch ein Sittenportrait von Australien, das wenig mit Figuren à la „Crocodile Dundee“ (Peter Faiman, 1986) oder gelassenen Surfern zu tun hat. Stattdessen richtet Elliot den Blick auf die Abgründe menschlicher Selbstbezogenheit – und auf die Hoffnung, die entsteht, wenn Menschen wirklich aufeinander Acht geben. Etwas, das schon sein erstes Meisterwerk „Mary & Max – oder: Schrumpfen Schafe, wenn es regnet?“ (2009) ausmachte und hier vielleicht sogar noch schärfer fokussiert wird.

Unser Leben, das zeigen Elliots Bilder in all ihrer gebrochenen Schönheit, entspricht keinen glatten ästhetischen Idealen, selten ist es bunt, leuchtend und einfach. Und um Letzteres zu erkennen, müssen wir manchmal stehenbleiben, ganz genau hinsehen, um es nicht zu übersehen. Dass in seinem Animationsstil die Menschen mit ihren großen, verletzlichen Augen den Tieren, die sie sich zum Trost halten, nicht unähnlich sehen, macht nicht nur alle Existenzen in der Welt (mehr oder weniger) gleich hilflos. Es sorgt mitunter auch dafür, dass eine Schnecke froh und mitfühlend lächeln kann!

Graces Geschichte offenbart darüber hinaus: Verletzungen, die wir uns selbst oder andere uns zufügen, sind Teil unseres Lebens. Und unsere Obsessionen können manchmal Hilfe, manchmal Gefängnis, manchmal Gefahr sein. Aber, und darin ist „Memoiren einer Schnecke“ ein zutiefst humanistischer, liebevoller Film: Unsere Vergangenheit bestimmt uns nicht vollständig. Denn sie bereichert Graces Leben auch, füllt es ebenso mit Schmerz wie mit Schönheit, Erinnerung und Warnung.

Doch damit – das gibt Pinky der reminiszierenden, zurückblickenden Grace noch posthum mit – ist es nie zu Ende. In Variation auf ein Zitat von Søren Kierkegaard schreibt sie ihr, des Lebens und der Erfahrung voll: „Life is not about looking backwards, it's about living forwards“. Und so schenkt der Film Grace und uns am Ende nicht nur ein reinigendes, farbenfrohes Feuer, sondern auch einen Neuanfang und ein herzzerreißend versöhnliches Ende.

Rochus Wolff

© Capelight
15+
Animation

Memoir of a Snail - Australien 2024, Regie: Adam Elliot, Kinostart: 24.07.2025, FSK: ab 12, Empfehlung: ab 15 Jahren, Laufzeit: 95 Min., Buch: Adam Elliot, Kamera: Gerald Thompson, Musik: Elena Kats-Chernin, Schnitt: Bill Murphy, Produktion: Adam Elliot, Liz Kearney, Verleih: Capelight Pictures

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Altersempfehlung 14-18 Jahre

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