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Der Fleck

Im Kino: Irgendwo zwischen Magischem Realismus und künstlerischem Experiment! Willy Hans inszeniert einen Tag im Leben des jugendlichen Simon.

Der 17-jährige Simon möchte nicht am Sportunterricht teilnehmen und verlässt spontan das Schulgelände. Warum er flieht, erfahren wir nicht. Ohnehin wird in „Der Fleck“ kaum etwas über die Motivation und die soziokulturellen Hintergründe Simons erzählt. Auf dem Heimweg trifft er einen Bekannten, der ihn in seinem Auto mitnimmt. Sie fahren an einen Fluss, der inmitten der Natur liegt. Dort verweilt eine kleine Gruppe von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, sie rauchen, erfrischen sich im Wasser, die Gespräche drehen sich im Kreis. Dann wird Simon von einem Volleyball getroffen, er blutet und geht in den Wald. Dort lernt er Marie kennen, die gerade neu zur Clique gestoßen ist. Die beiden wollen sich etwas zu Essen holen, irren durch den Wald, teilen sich an einer Autobahnraststätte eine Portion Pommes, mäandern wieder durch die Natur, unterhalten sich kaum. Am Ende der filmischen Erzählung – es ist bereits Nacht – kehren sie zu den anderen zurück.

„Der Fleck“ bricht mit gängigen Erzählkonventionen. Willy Hans' Film entzieht sich einer direkten Psychologisierung seiner Figuren, vielmehr sehen wir assoziativ wirkende Bilder. Gerade in der ersten Hälfte werden Momente der Langeweile und der scheinbaren Belanglosigkeit eingefangen: Wir beobachten die Gruppe am Fluss beim Trinken, Rauchen, Reden, Schweigen; teilweise in Groß- und Detailaufnahmen, bei denen die Gesichter von der Kamera nicht eingefangen werden. In einer Einstellung wird das Bild plötzlich unscharf, andere wollen nicht enden, immer wieder kommt es zu visuellen Irritationen. Der Film verweigert sich insgesamt etablierten Standards des Erzählkinos, steht vielmehr in der Tradition des Experimentalfilms, ist rätselhaft, kryptisch, verträumt.

Simon ist zu Beginn der Erzählung oftmals am Rand des Filmbildes positioniert, später am Fluss sitzt er abseits der Gruppe und beobachtet das Verhalten der anderen. Er wird als Außenseiter eingeführt, wirkt introvertiert, ist wortkarg, auch mit Marie redet er kaum, stattdessen werden über Blicke, kurze Berührungen, jugendliche Gesten und assoziative Bilder Informationen über Simon freigelegt. Immer wieder unterbrechen Naturaufnahmen die Handlung und es scheint durchgängig so, dass die Bilder von Ästen, Steinformationen, Wiesen und Flüssen viel mehr über die Figuren und ihr Verhältnis zueinander erzählen als die karge Figurensprache. In einer solchen Sequenz gegen Ende erscheint die Natur plötzlich wild und bedrohlich, die zuvor ruhigen Naturgeräusche gehen in eine dumpf-surrende und sphärische Soundkulisse über; die dunklen Bilder wirken drückend und hypnotisch, Regen setzt ein. Natur und Körper bilden den ganzen Film über eine Symbiose, die sich hier am stärksten manifestiert und gleichzeitig Raum für Interpretationen lässt: Handelt es sich um eine Adoleszenz-Metapher? Stehen die kryptischen Bilder für die körperliche Annäherung der beiden Hauptfiguren? Oder wird hier als Interlude ein experimenteller Videoclip in die Handlung eingeflochten? In den Bildern dieser Sequenz und des ganzen Films steckt eine Polyvalenz, die einer inneren Erzähl- und Bildlogik entspringt und die die Faszination von „Der Fleck“ ausmacht, irgendwo zwischen magischem Realismus und künstlerischem Experiment.

Was „Der Fleck“ auf jeden Fall ist: Eine Geschichte über Jugend. Es werden plastische – und damit einhergehend auch immer symbolisch konnotierte – Orte der Adoleszenz gezeigt: Brücken, geheime Orte in der Natur, eine Party. Räume, die nicht unter der Kontrolle der Erwachsenen und gesellschaftlicher Zwänge stehen, Räume eines psychosozialen Moratoriums, in die Gesten und Unsicherheiten der Jugend eingeschrieben sind. Der Film erzählt von einem verträumt-hypnotischen Mäandern durch einen Tag, der als Symbol für eine ganze Lebensphase steht, für die Belanglosigkeit und gleichzeitig für den (inneren) Aufbruch. Willy Hans und sein Kameramann Paul Spengemann finden dafür eindrucksvolle Bilder und fordern die Zuschauer*innen gleichzeitig heraus. An dem Film lässt sich durchaus vorbeischauen, vieles könnte willkürlich wirken. Doch wenn wir uns auf die sperrig-assoziative Narration einlassen, erscheint alles ganz bewusst gesetzt: die Blicke, die scheinbar belanglosen Gespräche und die meditativen Naturaufnahmen, die in den stärksten Momenten des Films an die Naturbilder Andrei Tarkowskis erinnern. Und am Ende spielt es auch gar keine Rolle, warum Simon den Schulunterricht geschwänzt hat. Denn es geht hier weniger um die Flucht, vielmehr um die äußere Reise, die mit einer inneren Reifung einhergeht – auf dieser Ebene ist der „Der Fleck“ dann viel näher an gängigen Coming-of-Age-Erzählmustern als es auf den ersten Blick den Anschein macht.

Frank Münschke

© Grandfilm
14+
Spielfilm

Deutschland, Schweiz 2024, Regie: Willy Hans, Kinostart: 10.07.2025, FSK: ab 12, Empfehlung: ab 14 Jahren, Laufzeit: 94 Min., Buch: Willy Hans, Kamera: Paul Spengemann, Musik: isolée, Daniel Hobi, Christoph Blawert, Ton: Marco Teufen, Schnitt: Willy Hans, Produktion: Fünferfilm UG, Verleih: Gradnfilm, Besetzung: Leo-Konrad Kohn (Simon), Alva Schäfer (Marie), Shadi Eck (Enes) u. a.

Der Fleck - Der Fleck - Der Fleck - Der Fleck - Der Fleck -

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