Momo
Im Kino: Neuverfilmung von Michael Endes Kinderbuchklassiker, die einige Elemente der Originalgeschichte vermissen lässt.
Filme sind immer Zeugnisse ihrer Entstehungs-Zeit. Sieht man sich heute Johannes Schaafs Verfilmung von Michael Endes Momo aus dem Jahr 1986 an, merkt man schnell, was in den 2020ern nicht mehr funktioniert. Dieses Umtriebige, das laute Durcheinanderlaufen der Kinder, die sich um das Waisenkind Momo scharen, wirkt entrückt, die langsame Erzählung von damals mag heutzutage viele Kinder und Jugendliche nicht mehr erreichen. Und doch ist genau diese Langsamkeit etwas, das den Zauber von „Momo“ (1986) ausmachte, das den Kern der Geschichte traf und sie – gerade für das junge Publikum – verständlich machte.
2025 nun hat Christian Ditter eine Neuverfilmung des Stoffs vorgelegt. Langsam ist hier nichts mehr. Im Schnelldurchlauf wird die Geschichte von Momo erzählt, dem Mädchen, das plötzlich in einer nicht weiter benannten Stadt auftaucht und so gut zuhören kann – eben, weil es sich Zeit für seine Mitmenschen nimmt oder für den Vogel, der schon lange nicht mehr singt; Momo hört ihm auch dann zu, wenn er still ist, und ja, dann singt er plötzlich wieder. Das Mädchen hört sich in die Herzen der Menschen in der Stadt, die kurz darauf von den Mitarbeiter*innen der Zeitfirma „Grey“ aufgesucht wird.
Auch sie sprechen die Bewohner*innen der Stadt an, hören aber nicht zu, sondern reden auf sie ein und machen ihnen in einer persönlichen Zeitanalyse deutlich: Jede und jeder vergeude seine Zeit mit sinnlosen Tätigkeiten, sie hätten im Leben nur noch so und so viele Sekunden, die sie ab jetzt nur gut nutzen sollten. Ja, sie sollten Zeit sparen, heißt es. Dabei helfe ihnen ein Armband, das ihnen anzeige, wann sie Nutzloses täten: „Liebe ist unwichtig, Freunde sind unwichtig, das Wertvollste auf diesem Planeten ist Zeit“, sagen die Greys. Mit ihren Zeitrechnungen überzeugen sie nach und nach die Menschen in der ganzen Stadt und ziehen sie auf ihre Seite. Wenn Momo nun auf einen Plausch vorbeischaut und sich erkundigt, wie es ihnen ginge, sagen sie: „Ich habe keine Zeit.“
Als eine Mitarbeiterin von Grey versucht, auch Momo das Zeitsparen nahezubringen, hört diese erneut so eindringlich zu, dass sie der Agentin das Geheimnis der Zeitfirma entlockt: Die gesparte Zeit der Menschen werde von den Grauen gebraucht, sie stählen den Menschen die Zeit. Auf sich allein gestellt, versucht Momo daraufhin, die Zeitdiebe zu bekämpfen und bekommt Unterstützung – ausgerechnet von einer Schildkröte, die sie langsam, aber beharrlich an der grauen Bande vorbei und zu Meister Hora, dem Hüter der Zeit, führt. Gemeinsam suchen sie nach einer Strategie, um den Menschen ihre Zeit zurückzugeben.
Das alles wird im Eiltempo erzählt. Wer das Buch oder den alten Film kennt, kann sich auch in Ditters „Momo“ (2025) anhand der Figuren und Schlüsselszenen orientieren, gewinnt aber auch schnell den Eindruck, dass so manche Szene eher abgehakt als auserzählt wird. Ein Beispiel dafür ist der Moment, in dem Beppo Straßenkehrer Momo erklärt, wie es sich mit den großen Herausforderungen des Lebens verhält und wie man Schritt für Schritt und einem Atemzug dazwischen seinen Zielen näherkomme. Für diesen wunderschönen Teil gibt der Film dem alten Mann aber keine Zeit, lässt ihn keine Pausen machen, sondern seinen Text abspulen, ihn nicht innehalten, um seine Worte wirken zu lassen. Die Kamera nimmt ihn in halbnaher Einstellung auf, wechselt zwischen ihm und Momo hin und her und fokussiert dann auf eine Hand, die Popcorn aufsammelt und verbildlichen soll, wovon die Rede ist, die aber eher ablenkt, als den wichtigen Worten Ruhe zu geben. Das ist schade, denn im Rausch der Erzählung werden viele Zuschauer*innen den Kern der Geschichte nicht erfassen und viele Fragen haben (für die sie dann eine Antwort in der alten Verfilmung oder natürlich auch im Buch finden können).
Das hohe Tempo passt dafür gut zum Look des Films, der als Science Fiction inszeniert ist. Die bombastischen Bilder, unterlegt mit passendem Score, suchen den Weg zum zeitgenössischen Publikum und verleihen auch den dunklen Seiten der Geschichte eine faszinierende Schönheit. Inhaltliche Elemente passen die Geschichte an diese Welt der Zukunft aus heutiger Sicht an: Aus den Zigarren der grauen Herren werden in Ditters Version Inhalatoren, Fremdenführer Gino ist nun auch Pizzalieferant und wird Influencer, fliegende Bots sollen zu besten Freunden werden, die Zeitrechnungen sind längst digital erfasst und werden auf technischen Geräten – leuchtende Bänder namens Greycelets – gespeichert. Damit kommentiert der Film auch die Gegenwart, in der viele ihren körperlichen Zustand über Armbanduhren messen und sich von ihnen sagen lassen, wann sie ins Bett gehen oder sich einmal wieder bewegen sollten. In der wir, wie die Menschen unter der Herrschaft der grauen Kreaturen, Nachrichten lesen, während wir Filme ansehen, Serien streamen, während wir in der Warteschlange stehen. An diesen Stellen fühlt man sich als Zuschauer*in ertappt, hier packt der Film die – schon in den 1970er Jahren angelegten – gesellschaftskritischen Aspekte der Geschichte in eine zeitgenössische Form. Und das funktioniert.
Verena Schmöller
Deutschland 2025, Regie: Christian Ditter, Kinostart: 02.10.2025, FSK: ab 6, Empfehlung: ab 10 Jahren, Laufzeit: 92 Min., Buch: Christian Ditter, nach dem Roman Momo von Michael Ende, Kamera: Christian Rein, Musik: Fil Eisler, Schnitt: Friedemann Schmidt, Sandy Saffeels, Produktion: Christian Becker, Verleih: Constantin, Besetzung: Alexa Goodall (Momo), Martin Freeman (Meister Hora), Araloyin Oshunremi (Gino), Kim Bodnia (Beppo), Claes Bang (Richter) u. a.
Altersempfehlung 10-13 Jahre
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