A Few Moments of Cheers
Stolpern mit Ansage? Highschool-Schüler Kanata will das perfekte Musikvideo produzieren – und kommt dabei an seine Grenzen.
Unsichere Linien, verlaufene Farben, grobe Pinselstriche. Visuell läuft es in „A Few Moments of Cheers“ nicht glatt – und das gleich doppelt. Hin und wieder stolpert die Animation. Nicht unclever, dass der Film selbst thematisiert, wie negative Kritik ein natürliches Nebenprodukt kreativer Prozesse ist. Eine bewusste Vorwegnahme möglicher Einwände? Nicht unwahrscheinlich.
Inhaltlich dagegen wirkt dieser experimentelle Anime auf den ersten Blick fast zu glatt, zu vorhersehbar. Doch wer genauer hinsieht, entdeckt, dass diese Coming-of-Age-Geschichte viel darüber verrät, wie Menschen Grenzen sprengen, aber ebenso übergehen, wenn sie für etwas brennen.
Beispielhaft dafür steht der Highschool-Schüler Kanata, der im Erstellen von Musikvideos seine Passion gefunden hat. Tags und vor allem nachts sitzt er vor dem Rechner, um die Emotionen von Songs in Bilder zu übersetzen. Als er eines Abends einer Musikerin auf der Straße zuhört, ist er elektrisiert. Er will wissen, wer sie ist, wie ihr Song heißt – und natürlich ein Video dazu kreieren. Umso größer die Überraschung, als die geheimnisvolle Interpretin am nächsten Tag vor ihm in der Klasse steht: Yū Orie, seine neue Englischlehrerin. Eigentlich will sie das Leben als Kreative hinter sich lassen, doch Kanata ist fest entschlossen, sie zum Weitermachen zu bewegen – und sitzt längst an einem Musikvideo zu ihrem Song.
„A Few Moments of Cheers“ fängt eine Lebensphase ein, in der Leidenschaft alles überstrahlt. Kanata verliert sich im Erstellen von Musikvideos wie andere im Sport oder Zeichnen. Wer das als Platzhalter nimmt, findet leicht Zugang. Und genau hier zeigt der Film, wie Menschen funktionieren, wenn sie für etwas brennen: Leidenschaft als Motor, aber auch als Risiko. Sie kann antreiben – und auffressen. Diese Mechanik macht die Begegnung zwischen Kanata und Yū Orie spannend: Beide lernen voneinander. Yū Orie holt sich Stück für Stück etwas von der Leidenschaft der Jugend zurück, während Kanata lernt, den Überschwang zu zügeln, wenn es der Sache dient. Ihr Zusammentreffen ist wie eine ausgedehnte Atemübung für beide.
Unter diesem Aspekt funktioniert „A Few Moments of Cheers“, der sich mit 68 Minuten gerade so auf Spielfilmlänge streckt, wie ein erweiterter Coming-of-Age-Film – nicht nur für den Jugendlichen, sondern auch für die Erwachsene, die sich zurückerinnert an eine Zeit voller Möglichkeiten. Dabei bleibt es nicht bei Nostalgie: Der Film übersetzt sie in konkrete Handlungsanweisungen. Er hinterfragt subtil nicht nur Kanatas Obsession, sondern auch die gesellschaftliche Fixierung auf die Vergangenheit. Früher war alles besser? Meistens nicht – es war nur früher. Und selbst wenn sich dort Dinge verbergen, die objektiv besser waren, bringt es wenig, sie wie unter Glas zu betrachten. Auseinandersetzung ist gefragt. Genau dafür stehen Kanata und Yū Orie: Sie zeigen, dass Zukunft aus einer Vergangenheit entsteht, die die Gegenwart nicht ausblendet.
Jan Noyer
Japan 2024, Regie: POPREQ, Homevideostart: 29.08.2025, FSK: ab 6, Empfehlung: ab 12 Jahren, Laufzeit: 68 Min., Buch: Jukki Hanada, Musik: Tomoyuki Kono, Produktion: Hurray! & 100studio, Verleih: Polyband Medien GmbH
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