Kritiken > Filmkritik
Kritiken > Altersempfehlung 10-13 Jahre > Lampenfieber

Lampenfieber

Große Aufregung und große Träume: Der Dokumentarfilm wirft einen Blick hinter die Kulissen eines Kinder- und Jugendensembles.

Viele Menschen haben Lampenfieber vor einer Prüfung, einer schwierigen Aufgabe oder vor einem öffentlichen Auftritt. Das gilt in besonderer Weise vor einer Theaterpremiere. Selbst eingefleischte Profis bleiben davon nicht verschont, können durch Erfahrung allenfalls besser damit umgehen als Neulinge. Um solche „Newcomer“, vier Kinder und zwei Jugendliche, geht es in dem Dokumentarfilm „Lampenfieber“ von Alice Agneskirchner.

Der große Traum der Kinder und Jugendlichen ist es, auf der Bühne zu stehen, zu tanzen und zu singen und Teil des Kinder- und Jugendensembles im Friedrichstadt-Palast Berlin zu werden, der 1919 gegründet wurde und über die größte Theaterbühne weltweit verfügt. Er bietet jedes Jahr mehr als 500 Kindern und Jugendlichen zwischen sieben und 16 Jahren eine Plattform, um sich für die Mitgliedschaft im jungen Ensemble des Palastes zu qualifizieren, das insgesamt 280 Ensemblemitglieder umfasst. Wer die erste Hürde überwindet, muss noch eine Probezeit bestehen. Erst dann geht es ans Einstudieren einer sogenannten Kindershow, die einige Monate später vor Kindern und Erwachsenen öffentlich aufgeführt wird. Jedes Kind im Ensemble wird bis zu zehn Jahre lang begleitet, ausgebildet und betreut. Daher gilt das Ensemble als Sprungbrett für eine spätere berufliche Karriere, wie es beispielsweise für Paula Beer, Alina Levshin oder Lucas Reiber der Fall war.

In ihrem Film konzentriert sich Agneskirchner auf sechs Kinder und Jugendliche und begleitet sie von der ersten Bewerbung beziehungsweise den ersten Proben bis zur Premiere vor vollbesetztem Haus. Die persönlichen Motivationen und das Privatleben kommen genauso zur Sprache wie die Geschichte des Friedrichstadtpalasts, die Erfahrungen der langjährigen Leiterin und der künstlerische Schaffensprozess hinter den Kulissen, um eine aufwändige Show mit Hunderten von Beteiligten zu realisieren. Ein hochgestecktes Ziel, das ausführliche Informationen bietet und immer wieder fasziniert, aber mit der Zeit zu einer fast schon beliebigen Aneinanderreihung von Stationen und Momentaufnahmen gerät, die allein durch die konsequente Chronologie der Ereignisse zusammengehalten werden.

Dabei beginnt der Film wirklich vielversprechend und lässt sich genau die Zeit, die er benötigt, um mit den Protagonist*innen vertraut zu machen. Die anfangs neunjährige Maya ist noch etwas schüchtern, aber bereits hoch motiviert, die zehnjährige Luna gibt sich eigenwillig und keck, der elfjährige Nick ist selbstkritisch und kann sein Glück gar nicht fassen, nachdem er die Probezeit gut überstanden hat. Die 14-jährige Amira mit ihrem Migrationshintergrund lässt sich nicht unterkriegen und ist selbstbewusst, der YouTuber-Star Oskar „Ossy Glossy“ pflegt gekonnt seine Extravaganzen und die 16-jährige Alex, die den Krebstod ihrer Mutter verarbeiten musste, fühlt sich schon fast wie ein Profi. Eigentlich möchte man niemanden im Film missen und noch viel mehr über sie erfahren, wobei Oskar mit seinem genderüberschreitenden Ansatz sogar eine eigene Dokumentation wert gewesen wäre. So beeindruckend gerade diese Szenen mit ihm auch sind, hätte es dem Film wahrscheinlich zum Vorteil gereicht, sich mehr auf die „unbekannteren“ jungen Gesichter und ihre Geschichten zu fokussieren, so dass dann mehr Zeit für die langen Proben, die Interaktionen zwischen den Darsteller*innen und die weitere Entwicklung der anderen Ensemblemitglieder geblieben wäre. Die letzten Monate vor der Premiere kommen einfach zu kurz, bleiben nichtssagend und werden zu elliptisch abgehandelt, um das geweckte Interesse des ersten Teils zu halten.

Besonders hervorzuheben ist dagegen, dass der Film Mut macht, zu sich und den eigenen Wünschen und Bedürfnissen zu stehen, bei den Kindern allemal, aber sogar im Fall der Leiterin, der ihr Lehrer in der Schulzeit nie zugetraut hätte, dass sie einmal Karriere machen würde. Momente wie diese tragen den Film und machen ihn auch für diejenigen sehenswert, die nicht vorhaben, selbst einmal auf einer großen Bühne stehen zu wollen.

Holger Twele

© NFP
10+
Dokumentarfilm

Lampenfieber - Deutschland 2019, Regie: Alice Agneskirchner, Kinostart: 14.03.2019, FSK: ab 0, Empfehlung: ab 10 Jahren, Laufzeit: 92 Min., Buch: Alice Agneskirchner, Kamera: Marcus Winterbauer, Schnitt: André Nier, Musik: Benjamin Schlez, Bernd Intelmann, Produktion: gebrueder beetz filmproduktion, Verleih: NFP, Mitwirkende: Alex Gebhardt, Amira Pauletta Pollmann, Luna Mohrmann, Maya Mashlah, Nick Kosching, Oskar „Ossi Glossy“ u. a.

Lampenfieber - Lampenfieber - Lampenfieber - Lampenfieber - Lampenfieber - Lampenfieber -