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Dickinson

Auf AppleTV+: Die Jugendjahre der berühmtesten amerikanischen Dichterin des 19. Jahrhunderts, erzählt als rebellisches Popmärchen.

Geschichte ganz anders und frei vom Korsett der Fakten erzählt, mit aktueller Popmusik, schrillen Figuren und dem Mut zur rebellischen Neuinterpretation, um in das Herz der Geschichte vorzudringen – das ist aktuell ein Trend im Filmschaffen. Sofia Coppola traute sich 2006 als eine der ersten mit „Marie Antoinette“, jüngst verzichtete die von Julia von Heinz inszenierte Serie „Eldorado KaDeWe“ (2021) auf historische Ausstattung und Genauigkeit zugunsten von Inneneinsichten in das Schicksal zweier sich liebender Frauen, aber auch in das Deutschland zwischen den Weltkriegen. Die Serie „Dickinson“ geht fröhlich und beherzt einen großen Schritt weiter und macht aus Emily Dickinson, der berühmtesten Dichterin Amerikas, eine Art Popstar, der ihrer Zeit weit voraus war.

In Emilys kitschig-jugendlicher Fantasie ist der Tod ein hipper Typ, der in einer weißen Fantasy-Hochzeitskutsche durch die Lande zieht und seinen Job macht. Emily als morbide Liebhaberin des Todes darf ein sexy rotes Kleid zu Lippenstift tragen und tiefsinnige Gespräche mit ihm führen, denn schließlich versteht sie auf Erden kein Mensch. So fühlt sich Jungsein an und Emily ist anders, in jeder Hinsicht. Sie liebt ihre beste Freundin Sue, sie kann ihrer Hipster-Clique um die konventionelle und intrigante Jane nichts abgewinnen, sie macht gerne Party und lässt sich mit Hilfe von Opium zu HipHop Musik ekstatisch gehen, sie lässt ihren schwarzen Bediensteten Shakespeares „Othello‟ rezitieren, und sie will auf keinen Fall in die Zwänge und Pflichten einer Ehe schliddern.

Emily Dickinson lebte von 1830 bis 1886 im puritanischen und provinziellen Amerika und konnte zu Lebzeiten gerade mal eine Handvoll Gedichte veröffentlichen. Ihr Vater verbot es ihr, es schickte sich nicht für eine Frau der Oberschicht. Diese mussten sich in das Korsett der Konventionen einschnüren lassen und heiraten, fertig aus. Sie durften weder studieren noch wählen noch allein zu öffentlichen Veranstaltungen oder Verabredungen gehen, sie durften keine eigenständigen Wege in die Unabhängigkeit einschlagen oder eigene Träume haben. Wie fühlt es sich an, anders als die anderen zu sein, eine junge Frau zu sein und nichts zu dürfen? Wie ist es, den Tod als besten Freund zu haben, während die dominante Männerwelt auf Konventionen beharrt? Wie ist es, den Kopf voll überbordender Vorstellungskraft zu haben und diese zu Papier zu bringen, aber allein für die Schublade? Wie einsam fühlt es sich als Poetin an, nicht gelesen zu werden – oder besser gesagt: nicht gelesen werden zu können? Die Dichterin Emily Dickinson wird hier zur Poetry Slammerin ohne Publikum, zu einer Jugendlichen, die ihre Stimme gefunden hat, aber nicht gehört wird.

Die ersten drei Staffeln der Serie machen aus der historischen Person, die in ihrem Leben als Schriftstellerin unerkannt und unentdeckt blieb, eine junge Frau, die vom Schreiben besessen ist, die Natur – ganz im Geist der Zeit – liebt, die immer wieder aufbegehrt gegen ihr Frauenschicksal und sich doch von den Eltern immer wieder in die Zwänge derer Vorstellungen pressen lässt. Die Serie erzählt diese Geschichte mit den Mitteln der überzeichneten Komödie und liebevoll in der Zeichnung aller Charaktere. Da ist Emilys Schwester Lavinia, die im Schatten ihrer brillanten und unkonventionellen Schwester steht und schließlich im weiblichen Begehren ihre eigene kleine Rebellion anzettelt. Da ist der tumbe, aber liebenswerte Bruder, der ausgerechnet Emilys große Liebe Sue heiratet. Da ist der strenge Vater, der heimlich Emily bevorzugt, ihr gleichzeitig aber ihre große Profession verbietet. Und da ist die Mutter, die perfekteste aller Hausfrauen, die in gelegentlichen Alkoholexzessen ihre kleinen Fluchten sucht. Popkulturelle Verweise und fröhliche Übertreibungen zu schrillen aktuellen Popsongs und schrägen Sounds machen aus den halbstündigen Episoden ein kurzweiliges Vergnügen, leider aber auch zu Ungunsten einer etwas komplexeren Geschichte oder gar Anklage über die an allen Ecken und Enden lauernden Ungerechtigkeiten, mit denen Frauen seit Jahrhunderten in ihrer Ausdruckskraft beschnitten und durch die ureigene Lebenswege und Träume ignoriert und sanktioniert werden.

„Dickinson‟ schafft für die Verse ihrer verhinderten Heldin ein probates Mittel der Darstellung: Sie tauchen als Episodentitel und Zitate auf, immer wieder auch ziehen sie in geschwungener Handschrift über die Filmbilder und illustrieren den Schaffensprozess der Dichterin. Hailee Steinfeld gibt ihrer jugendlichen Heldin eine große Portion Widerstandsgeist und Schlagfertigkeit, die aber auch Familie über alles stellt und diesen inneren Konflikt nicht lösen kann. Ihre Zerrissenheit und Impulsivität werden immer wieder in die Schranken gewiesen.

Wer die Anarchie dieser Neuinterpretation zulässt, der wird an der Serie Spaß haben. Schade, dass doch zu viele Außenstehende, vor allem auch Männer, im Verlauf der drei Staffeln angeblich Emilys Genialität erkennen und fördern wollen: ihre besten Freunde George und Ben, ein Herausgeber, sogar ihr Vater letztendlich. Hier hätte ein bisschen mehr historische Genauigkeit die explosivere und auch abgründigere Geschichte erzählt. Auch das ist als Komödie und mit einer großen Portion Unernst und Lust an der Übertreibung möglich.

Christiane Radeke

© AppleTV+
12+
Spielfilm

Dickinson - USA 2019-2021, Regie: David Gordon Green, Lynn Shelton, Silas Howard, Stacie Passon, Patrick Norris, Christopher Storer, Rosemary Rodriguez, Rachel Holder, Keith Powell, Heather Jack, Alena Smith, Homevideostart: 05.11.2021, FSK: ab , Empfehlung: ab 12 Jahren, Laufzeit: 26-34 Min., 30 Folgen in 3 Staffeln. Showrunner: Alena Smith. Kamera: Tim Orr. Musik: Drum & Lace, Ian Hultquist. Schnitt: William Henry, Kyle Gilman, Jane Rizzo, Mollie Goldstein, Camiila Toniolo, Colin Patton, Jesse Gordon, Alex Minnick, Anthony Muzzatti, Vincent F. Welch. Produktion: Anonymous Content, AppleTV, The Domain Group, wiip studios. Anbieter: AppleTV+. Darsteller*innen: Hailee Steinfeld (Emily Dickinson), Ella Hunt (Sue Gilbert), Anna Baryshnikov (Lavinia Dickinson), (George), Wiz Khalifa (Tod) u. a.

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