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Der Club der hässlichen Kinder

„1984‟ und „Schöne neue Welt‟ lassen grüßen in dieser visuell starken Dystopie nach einem niederländischen Jugendbuch.

„Geht Präsident Isimo zu weit?“, will Paul von seiner Familie wissen, die er für sein Bewerbungsvideo als Jugendreporter interviewt. Kurz darauf findet er selbst die Antwort: Paul, der seine imposanten Segelohren immer unter einer Mütze versteckt, wird nach einem Fotoshooting in der Schule zusammen mit anderen Kindern ausgewählt – angeblich für einen Ausflug in den Vergnügungspark. Paul misstraut den Regierungsleuten und kann gerade noch entkommen. Seine Mitschülerin Sara versteckt ihn vor Isimos Kopfgeldjäger*innen, während immer mehr Kinder abgeholt werden. Höchste Zeit für den „Club der hässlichen Kinder“, im Untergrund mobil zu machen gegen Isimos Diktatur, die nur makellose Kinder duldet.

Visuell ist diese Dystopie nach dem gleichnamigen Jugendbuch von Koos Meinderts mit ihren Anklängen an „1984‟ sowie „Schöne neue Welt‟ äußerst gelungen: In der unwirtlichen Atmosphäre einer streng reglementierten Stadt dominieren kalte Grau- und Grüntöne. Umso aggressiver wirkt das Schwarz-Weiß-Rot des Isimo-Regimes, das nicht von ungefähr an die Farben des Nationalsozialismus erinnert. Auch der Plot spart nicht mit faschistischen Bezügen: Das Motto zur Ideologie „Sauber bleiben“ als Gruß mit entsprechender Handbewegung begleitet die Säuberungsaktionen, Deportation und Lagerinternierung. Das Untergrund-Versteck hinter der Wand erinnert an Anne Frank. Das alles schreit geradezu nach schulpädagogischer Aufbereitung von Themen wie Totalitarismus, Gesellschaft und Meinungsbildung. Besonderes Augenmerk richtet der Film auf die Rolle und die Macht von (Massen-)Medien. Kritische Journalist*innen werden ersetzt und „verschwinden“. Pauls Vater lässt sich aus Angst um seinen Job als TV-Nachrichtensprecher instrumentalisieren. So funktionieren Fake News und Gleichschaltung.

Natürlich ist die Diskriminierung des vermeintlich Hässlichen als Metapher gemeint, als Platzhalter für beliebige Inhalte. Schönheit liegt bekanntlich im Auge der Betrachtenden. Diese Willkür und Austauschbarkeit wird deutlich, wenn Paul zum #MeisterderFlucht avanciert und seine bislang verspotteten Segelohren jede Menge „Likes“ bekommen. Es sind die Kinder und Jugendlichen, die gegen die Diktatur aufbegehren. Über soziale Medien organisieren sie sich, Guerilla-Aktionen gehen viral, immer mehr demonstrieren mit. Da ist ganz klar die Generation „Fridays For Future“ angesprochen.

Als cooler Actionfilm mit starken jugendlichen Held*innen, einer „Gemeinsam sind wir stark“-Botschaft und einem adrenalingeladenen Showdown hat „Der Club der hässlichen Kinder“ großes Potenzial. Es ist durchaus spannend mitzuerleben, wie Paul und seine Freunde den Verfolgern entkommen, wie sich der Widerstand manifestiert – und ob die Revolution der Kinder gelingt. Andererseits sind die Rollen von Beginn an klar verteilt, es mangelt an überraschenden Wendungen. Dass der Film nicht recht überzeugen will, hängt jedoch vor allem mit einer Schieflage zusammen: Es geht nicht wirklich um die Auseinandersetzung mit Totalitarismus oder Faschismus. Diese werden trivialisiert, verkommen zu Effekthascherei für starke Bilder und Nervenkitzel. Größer könnte die Diskrepanz zum auslösenden „Schönheitsdiktat“ nicht sein, naiv kommt die Konfliktlösung daher. Der Despot, der die „saubere“ Ideologie und Deportationen verantwortet, wird zur Lachnummer, als hätte er den Kindern bloß Bonbons geklaut. Die drastische Inszenierung etwa von Kindern, die in Container verladen werden, lediglich um zu vermitteln, dass man sich nicht vorschreiben lassen soll, wie man auszusehen oder zu sein hat, das ist mindestens ambivalent.

Ulrike Seyffarth

 

Die Besprechung erfolgte im Rahmen der Erstausstrahlung im KiKA am 23.4.2021.

© Umami Media/NDR
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Spielfilm

De Club van Lelijke Kinderen - Niederlande 2019, Regie: Jonathan Elbers, Homevideostart: 23.04.2021, FSK: ab , Empfehlung: ab 10 Jahren, Laufzeit: 91 Min. Buch: Jeroen Margry, nach dem Roman von Koos Meinderts. Kamera: Thijmen Doornik. Musik: Vidjay Beerepoot. Schnitt: Jurriaan van Nimwegen. Produktion: Umami Media, Shooting Star Filmcompany BV. Verleih: offen. Darsteller*innen: Sem Hulsmann (Paul de Wit), Faye Kimmijser (Sara Simons), Narek Awanesyan (Kai Rigo), Jeroen van Koningsbrugge (Filidoor de Wit, Pauls Vater), Maan de Steenwinkel (Joy, Pauls Schwester), Mika Peeters (Bob Zomers), Roeland Fernhout (Präsident Isimo), Jelka van Houten (Pauls Mutter) u. a.

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