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Petite Maman

Entdeckt auf der Berlinale: Eine neue Freundin eröffnet einem Mädchen auch eine Tür in die Vergangenheit ihrer Familie.

Manche Filme lassen sich nur unzureichend besprechen, ohne vom Inhalt und den Überraschungsmomenten etwas vorwegzunehmen. Der Film von Céline Sciamma mit dem vielsagenden Titel „Kleine Mutter“ im Wettbewerb der Berlinale ist ein solches Werk, wobei die Filmemacherin selbst ganz offen darüber spricht, es gehe darin um die Begegnung und Freundschaft eines achtjährigen Mädchens mit ihrer eigenen Mutter, nur eben nicht als Erwachsener, sondern im gleichen Alter von acht Jahren. Diese magische Begegnung, die allen Gesetzen der Logik zuwiderläuft und eher an eine Zeitreise aus dem Science-Fiction-Genre denken lässt, entwickelt sich aus der Geschichte aber so selbstverständlich heraus wie sie nur in der Vorstellungskraft von Kindern sein kann. Die Aufhebung der zeitlichen Grenzen wird noch dadurch verstärkt, dass Mutter Marion und Tochter Nelly im Film von einem achtjährigen Geschwisterpaar verkörpert werden.

Sciamma selbst ist davon überzeugt, dass ihr Film für Kinder und Erwachsene gleichermaßen geeignet ist und im günstigsten Fall sogar einen echten Dialog zwischen den Generationen in Gang setzen kann. Problemlos hätte er in der Wettbewerbssektion Kplus bei Generation seinen Platz gefunden und dort möglicherweise sogar das Rennen gemacht. Durch die Platzierung im Wettbewerb um die Goldenen Bären aber wird dem Film eine internationale Aufmerksamkeit zuteil, die er bei Generation Kplus möglicherweise nicht erhalten hätte.

Die Ausgangslage des Films macht nachvollziehbar, warum es zu der außergewöhnlichen Begegnung der beiden Kinder aus unterschiedlichen Zeitepochen kommt. Nellys Großmutter ist gerade im Seniorenwohnheim gestorben und ihre Enkelin verabschiedet sich von den anderen Alten, die ihr durch häufige Besuche offenbar sehr vertraut sind. Danach fährt Nelly mit der Mutter aufs Land in das Haus der Oma inmitten einer herbstlich gefärbten Natur. Dort hatte Nellys Mutter Marion ihre eigene Kindheit verbracht. Auch Nellys Vater hilft beim Aufräumen und Ausmisten des Hauses, in dem sich alte Erinnerungsstücke in nahezu jeder Ecke finden. Viel zu viele Erinnerungen für Nellys Mutter, die in ihrer Trauer dringend Abstand benötigt und kurzerhand alleine abreist.

Auf der Suche nach einem Baumhaus im Wald, von dem die Mutter immer vorgeschwärmt hat, begegnet Nelly der achtjährigen Marion, die offenbar gerade dabei ist, dieses Baumhaus zu errichten. Nach einem heftigen Gewitterschauer freunden sich die beiden Mädchen ohne viele Worte an und versuchen in den nächsten Tagen jede freie Minute miteinander zu verbringen und zu spielen. Verwunderlich für Nelly ist nur, dass die neue Freundin denselben Vornamen wie ihre Mutter hat und Marions Mutter wiederum ebenso gehbehindert ist wie Nellys verstorbene Oma. Es steht zu befürchten, dass auch Marion unter dieser Krankheit zu leiden hat und auch das trifft auf Nellys Mutter zu. Die gemeinsame Zeit mit Marion regt Nelly an, mehr über ihre Eltern nachzudenken. Sie löchert den Vater mit Fragen und möchte wissen, wie ihre Eltern früher einmal waren, wie sie wurden was sie sind. Beispielsweise hatte ihr Vater als Kind Angst vor seinem Vater und die Mutter sah in ihrem Schlafzimmer einen schwarzen Panther.

Das Imaginäre und das Reale, Vorgefundenes und Erfundenes verschmelzen in dieser einfach strukturierten und zeitlich nicht genau fixierten Geschichte zu einer Einheit. Das ist auch eine Fähigkeit, über die Kinder dank ihrer Fantasie noch verfügen und die ihnen manchmal sogar hilft, ihre Kindheit unbeschadet zu überstehen. Während die Außenaufnahmen dort entstanden, wo die Regisseurin ihre eigene Kindheit verbrachte, wurden die Innenaufnahmen komplett im Studio gedreht. Jedes Ausstattungsdetail einschließlich der Bekleidung der beiden Mädchen sowie die Lichtsetzung ließ sich auf diese Weise genau planen. Vielleicht nur aufgrund dieser Akribie kann der Film seine berührende und bezaubernde Wirkung voll entfalten und auch sein Publikum zum Nachdenken anregen. Etwa über die eigene Kindheit und die der Eltern und Großeltern, das Abschiednehmen, die Vergangenheit und sogar die Zukunft. Denn vor einer gemeinsamen Bootsfahrt auf dem See möchte die kleine Marion am Ende von Nelly wissen, wie denn die Musik der Zukunft klingt.

Holger Twele

© Lilies Films
10+

Petite Maman - Frankreich 2021, Regie: Céline Sciamma, Festivalstart: 01.03.2021, FSK: ab , Empfehlung: ab 10 Jahren, Laufzeit: 72 Min. Buch: Céline Sciamma. Kamera: Claire Mathon. Musik: Jean-Baptiste de Laubier. Schnitt: Julien Lacheray. Produktion: Lilies Films. Verleih: Alamode (Starttermin noch offen). Darsteller*innen: Joséphine Sanz (Nelly), Gabrielle Sanz (Marion), Nina Meurisse (Mutter), Stéphane Varupenne (Vater), Margot Abascal (Großmutter) u. a.