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I Am Greta

Ein Dokumentarfilm über die junge Klimaaktivistin, sehr persönlich, aber ohne Heroisierung.

Weder der Filmtitel noch der Film selbst lassen Zweifel, worum es hier geht: um Greta Thunberg als Person, um ihren Werdegang von der schüchternen Schülerin, die 2018 ganz allein mit einem Schulstreik für das Klima begann und binnen kürzester Zeit zur weltweit bekannten Ikone der Bewegung „Fridays for Future“ wurde. Es ist ihre Perspektive, die der Film weitgehend einnimmt, indem er sievor der Kamera und zugleich als Off-Kommentatorin zu Wort kommen lässt. Zudem geht er den Fragen nach, was die Jugendlichewohl befähigt haben mag, in aller Öffentlichkeit untätigen Politiker*innen und Klimaleugner*innen die Leviten zu lesen, und was der plötzliche Ruhm, aber auch die Hasstiraden bin hin zu Morddrohungen in ihr auslösten. Es geht alsonicht um die weltweite Jugend-Klimabewegung, die sich schon lange vor Gretaformierte, wie vor allem „Youth Unstoppable“ (2020) von Slater Jewell-Kemker zeigt, der einige Wochen nach „I Am Greta“ in den deutschen Kinos startet. Schon gleich gar nicht geht es um den Klimawandel selbst und seine Folgen.

Der schwedische Dokumentarfilmer und Fotograf Nathan Grossman wurde auf Greta durch Freund*innen aufmerksam, kurz nachdem sie vor dem Schwedischen Parlament ihren Schulstreik begonnen hatte. Er filmte sie, noch ohne zu wissen, wie er diese Aufnahmen verwenden würde. Schließlich gewann er ihr Vertrauen und das der Familie, begleitete sie auf ihren Reisen zu Politiker*innen wie dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron und zu Klimakonferenzen und war zusammen mit Greta und ihrem Vater auch auf dem Segelboot über den Atlantik zum UN-Klimagipfel in New York 2019. Dieser in beeindruckenden Aufnahmen eingefangene Trip war alles andere als eine lustige Bootspartie, schon gar nicht für Greta, wie zu sehen und zu hören ist.

Neben dem öffentlichen Bildmaterial über Gretas Reden, das zum Teil aus den Nachrichten bekannt ist, konnte Grossman auf zum Teil ältere Aufnahmen der Familie zurückgreifen, die Greta in ihrem privaten Lebensumfeld zeigen, ihre Liebe zu Pferden etwa. Selbst das „öffentliche“ Bildmaterial unterscheidet sich in wichtigen Details von den üblichen Einstellungen, die Greta frontal im Bild erfassen und nicht von der Seite oder gar von hinten. Auf diese Weise fängt die Kamera viel stärker auch die Reaktionen der Zuhörenden auf ihre Reden ein. Sie zeugen keineswegs immer von Respekt, lassen mitunter „zwischen den Zeilen“ anklingen, dass man sie nicht ernst genug nimmt und der Beifall für sie daher mitunter wie eine Pflichtübung wirkt. Als der ehemalige Präsident der Europäischen Kommission Jean-Claude Juncker nach einer Rede von Greta vor dem Europäischen Parlament zu einer Ausführung über „Toilettenspülungen“ ansetzt, legt Greta demonstrativ ihre Kopfhörer beiseite, in denen sie die Übersetzung hört. Unverblümt kommentiert Greta solche und andere Szenen mit dem Vorwurf, dass viele Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft zwar Versprechungen abgeben, aber dennoch nichts oder nicht genügend für den Klimaschutz tun. Nicht minder kritisch beurteilt sie manche „Straßenbekanntschaften“, die lediglich darauf aus sind, ein Selfie mit ihr zu machen. Dabei betont sie wiederholt, dass ihr die Aufgabe und die Rolle der Mahnerin nicht auf den Leib geschrieben wurde, aber da sich die Staatsoberhäupter wie Kinder verhalten, „müssen die Kinder eben Verantwortung übernehmen“. Und sie ist sich dabei sicher, dass die Veränderung kommt, „ob Sie es wollen oder nicht“. Es ist ihr offenbar egal, ob sie beliebt ist, und man nimmt ihr diese Behauptung sogar ab, zumal sie vor ihrer Berühmtheit schwere Zeiten hinter sich hatte, in denen viele Jahre Menschen und insbesondere Kinder „sehr gemein“ zu ihr waren und sie auch damit zurechtkommen musste.

Grossman führt ihre wiederkehrenden Rückzugstendenzen, aber auch ihre Beharrlichkeit, selbst gegen große äußere Widerstände an ihrer Aufgabe festzuhalten, auf das Asperger-Syndrom zurück. Aber da es um Greta und nicht um etwaige Rollenzuschreibungen an sie oder gar eine Heroisierung ihrer Person geht, gehören Szenen, die in teilnehmender Beobachtung gedreht wurden, zu den stärksten und wichtigsten des Films. Szenen etwa, in denen Greta mit sich ringt, in denen nicht einmal der Vater zu ihr durchdringt, in denen sie ihre selbst geschriebenen Reden auf dem Computer immer wieder neu durchgeht und nach Perfektion strebt. Gerade weil sie sich nicht in den Vordergrund stellen möchte, kann sie Klartext reden statt schöner Worte. Sie hat ein nahezu fotografisches Gedächtnis, mit dem sie Bücher über den Klimawandel weitaus besser erinnert als viele Entscheidungsträger*innen in Sachen Klima. Und so sehr es auch frustrieren mag, dass das, was Greta fordert und im Einklang mit wissenschaftlichen Forschungsergebnissen steht, immer noch zu wenig Gehör in Politik und Wirtschaft findet, gibt sie zugleich ein ermutigendes positives Beispiel dafür ab, wie wichtig Menschen für eine Gesellschaft sind, die sich zwar etwas „anders“ verhalten, aber genauso ein Recht darauf haben, akzeptiert und gehört zu werden – wie weitere Kinder überall auf der Welt, die Gretas Aufgabe inzwischen übernommen haben und zu ihrer eigenen machen.

Holger Twele

 

© Filmwelt / B-Reel Films AB
12+
Spielfilm

I Am Greta - Schweden, Deutschland, USA, Großbritannien 2020, Regie: Nathan Grossman, Kinostart: 16.10.2020, FSK: ab 0, Empfehlung: ab 12 Jahren, Laufzeit: 101 Min. Buch: Nathan Grossman. Kamera: Nathan Grossman. Musik: Jon Petter Ekstrand, Rebekka Karijord. Schnitt: Hanna Lejonqvist, Charlotte Landdelius. Produktion: B-Reel Films, in Koproduktion mit HULU, WDR/SWR/rbb, BBC, DR und SVT. Verleih: Filmwelt. Mitwirkende: Greta Thunberg, Svante Thunberg, Emmanuel Macron, Justin Trudeau, Luisa Neubauer, Anuna De Wever u. a.

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