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Nevrland

Ein packendes Jugenddrama zwischen Realität, Fantasie, Rausch und Albträumen.

Zehn Jahre lang sei sein Leben von einer teils sehr lähmenden Angststörung beeinflusst gewesen, erklärt der österreichische Filmemacher Gregor Schmidinger freimütig zu seinem ersten langen Spielfilm „Nevrland‟. In seinem Drehbuch, das auf dem Diagonale-Festival in Graz den Spezialpreis der Drehbuchjury erhielt, hat der 1985 in Linz geborene Regisseur nun eine überzeugende Form für die Psychokrise des 17-jährigen Protagonisten entwickelt, der sich einmal fragt: „Wie kann ich echt sein, wenn ich nichts fühle?‟ Während sich die Grenzen zwischen Realität, Fantasie, Rausch und Albträumen in dem packenden Jugenddrama für Jakob zunehmend auflösen, verstärken die pulsierende elektronische Musik und der manchmal geradezu verstörende Soundtrack des Wiener DJs Gerald VDH den starken Sog der Erzählung.

Der 17-jährige Jakob wohnt noch bei seinem grantigen Vater und dem zunehmend senilen Großvater in Wien. Um etwas Geld für das angestrebte Studium zu verdienen, jobbt er im Schlachthof, in dem sein wortkarger Vater arbeitet, zu dem er ein angespanntes Verhältnis hat. Jakob wird von immer schwerer zu kontrollierenden Angststörungen und Panikattacken heimgesucht und flüchtet sich in virtuelle oder fiktive Welten. In einem Sex-Video-Chat lernt er den 26-jährigen US-Künstler Kristjan kennen, der sich in Wien als Videokünstler versucht. Als sein Großvater stirbt, verliert Jakob den letzten familiären Halt. Nach der Beerdigung sucht er Trost bei Kristjan und trifft ihn in einem Museum. Bei gemeinsamen Besuchen auf lauten Techno-Parties und einem Drogentrip öffnet sich für Jakob die Tür zu einer Reise in die Tiefen seiner Fantasien, Ängste und Wahnvorstellungen. Getrieben vom Wunsch, die Wunden seiner Seele zu heilen, versinkt der 17-Jährige immer mehr im titelgebenden unergründlichen Nevrland.

Schmidinger, der vor seinem Langfilmdebüt die Kurzfilme „The Boy Next Door‟ (2008) und „Homophobia‟ (2012) gedreht hat, inszeniert Jakobs Kampf gegen seine inneren Dämonen erstaunlich stilsicher. Eher beiläufig baut er Anspielungen auf Sigmund Freuds Traumdeutung, Wilhelm Reichs Psychoanalyse-Theorien und die griechische Mythologie ein. Sein Drama, das trotz der integrierten homosexuellen Identitätssuche weit über eine Coming-Out-Chronik hinausgeht, besticht durch den visuellen Einfallsreichtum, der im furiosen Bildertaumel des Finales gipfelt, und die eindrucksvolle Darstellung eines verunsicherten Außenseiters durch den Newcomer Simon Frühwirth. Dieser hält auch locker mit dem österreichischen Charakterdarsteller Josef Hader mit, der den hilflos agierenden, patriarchalischen Vater gewohnt souverän verkörpert.

Bei der Uraufführung auf dem Filmfestival Max Ophüls Preis in Saarbrücken 2019 gewann Frühwirth für diese exzellente Leistung den Preis für den besten Schauspielernachwuchs, in Graz folgte kurz darauf ein zweiter Schauspielpreis. Auch die Jugendjury in Saarbrücken zeichnete „Nevrland‟ mit ihrem Preis aus.

Reinhard Kleber

© Salzgeber
16+
Spielfilm

Nevrland - Österreich 2019, Regie: Gregor Schmidinger, Kinostart: 17.10.2019, FSK: ab 16, Empfehlung: ab 16 Jahren, Laufzeit: 88 Min. Buch: Gregor Schmidinger. Kamera: Jo Molitoris. Schnitt: Gerd Berner. Musik: Gerald VDH. Produktion: Ulrich Gehmacher. Verleih: Salzgeber. Darsteller*innen: Simon Frühwirth (Jakob), Paul Forman (Kristjan/Liminal Boy), Josef Hader (Vater), Markus Schleinzer (Psychotherapeut), Wolfgang Hübsch (Großvater) u. a.

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