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Roads

Leben und Freundschaft im Hier und Jetzt, aber vielleicht für ein ganzes Leben, in einem Roadmovie zwischen Poesie und Politik.

Manche Freundschaften halten ein ganzes Leben, andere nur für den Moment. Bei Gyllen und William, beide gerade achtzehn, vermutet man zunächst letzteres. Zu unterschiedlich sind ihre bisherigen Leben, die Voraussetzungen für eine gemeinsame Zukunft. Am Strand von Marokko, wo die einen Urlaub machen und andere fliehen, treffen sie aufeinander. Gyllen aus England hat seinem Stiefvater das Wohnmobil geklaut und will damit zurück zu seinem leiblichen Vater, der in Frankreich lebt. William, der Kongolese, hat sich auf die beschwerliche Fluchtroute über Marokko nach Europa gemacht, um seinen in Calais verschollenen Bruder zu suchen. Die Wohlstandsprivilegien, die Gyllen als selbstverständlich nimmt, kennt er nicht. Aber er weiß, wie man ein Wohnmobil startet. Aus Dankbarkeit oder Neugier, darüber wird nicht gesprochen, lässt der Ausreißer den Flüchtling mitreisen und bringt ihn illegal über die Grenze. Es ist der Beginn eines großen gemeinsamen Abenteuers mit ungewissem Ausgang.

Mit „Roads“ liefert Sebastian Schipper eine Momentaufnahme aus der europäischen Wirklichkeit – aber auch einen Film über die Freundschaft zweier Jugendlicher in unsicheren Zeiten. Die sogenannte Flüchtlingskrise, von der Gyllen vermutlich nur vage aus den Medien weiß, bildet den politischen Kontext sowie den Erzählrahmen der Geschichte. Doch weite Teile des episodisch strukturierten Roadmovies könnten auch auf den nur scheinbar so fern liegenden Straßen Berlins oder Hamburgs spielen. Wie sich diese Freundschaft entwickelt, hat der deutsche Filmemacher so oder so ähnlich schon in früheren Filmen durchgespielt, bereits in seinem Debüt „Absolute Giganten“ (1999) und zuletzt noch in seinem großen Erfolg „Victoria“ (2015). Auch in diesem atemlosen Filmexperiment ohne Schnitt wurde behelfshalber Englisch gesprochen und von einer Jugend erzählt, für deren Lebensgefühl nationale Grenzen keine Rolle mehr spielen.

William und Gyllen verstehen sich einfach, es funkt auf Anhieb. Sie müssen einander nichts erzählen. Sie sind keine kleinen Philosophen wie Jule und Jan in Hans Weingartners jüngstem Film „303“ (2018), auch dies ein Roadmovie vor europäischer Kulisse. Bevor die großen Familienprobleme ausgepackt werden, tut es erst mal eine Flasche Bier. Nach der skurrilen Begegnung mit einem deutschen Hippie, gespielt von Moritz Bleibtreu, der einen Block Hasch vergisst, wird das Wohnmobil zur Räucherkammer. In einem bekifften Assoziationsspiel malen sie sich die Zukunft aus: Weltklasse-Dart-Spieler, Missbrauchsopfer, Fussballstar, Sonnenbrillenverkäufer? Sie sind ebenso abgeklärt wie naiv, Kinder des Internetzeitalters. William macht sich keine Illusionen über das Leben in Europa, streng genommen ist er auch kein Flüchtling – sondern sucht seinen Bruder. Gyllen hat vor ein paar Jahren seinen kleinen Bruder verloren, und man könnte mutmaßen, dass er in William einen Ersatz sucht, ein wenig Halt in seinem „kaputten“ Leben. Doch Schippers gewohnt kluge Dialogregie lässt solche psychologischen Motive in der Schwebe. Die ungemein authentisch wirkenden Darsteller Fionn Whitehead und Stéphane Bak füllen manch dramaturgische Lücke mit Charme und vermitteln den Eindruck eines Lebens im Hier und Jetzt.

Doch eben diese Unbeschwertheit erweist sich notwendig als Illusion, die der Realität nicht standhält. Aus dem Leben in den Tag hinein wird eine Reise ins Herz der europäischen Finsternis, beschworen in großartig atmosphärischen Nachtbildern, auch dies typisch für Schipper. Am nie ausgesprochenen Ziel der Fahrt, zwischen provisorischen Flüchtlingslagern und unüberwindlichen Polizeiposten, muss sich diese Freundschaft bewähren. Der eine wird sich seiner Privilegien bewusst, die der andere höflich verschwieg. Ein Flüchtling und ein Ausreißer, das ist eben nicht dasselbe. Aber im pessimistischen Bild von der „Festung Europa“, das der Film beklagt, scheint auch eine Hoffnung auf. Es ist das andere Bild einer Jugend, die über den selbstverständlichen Austausch zueinander findet, sich über Grenzen hinwegsetzt und dafür auch Gefahren in Kauf nimmt. Indem Schipper sein Freundschaftsideal endgültig in einen globalen Kontext stellt, mutet er sich und seinen Protagonisten einiges zu. Aber in den besten Momenten seines Films, entstanden unter teils schwierigen Bedingungen an Originalschauplätzen, wird diese Utopie sehr lebendig.

Philipp Bühler

© Studiocanal
14+
Spielfilm

Roads - Deutschland, Frankreich 2018, Regie: Sebastian Schipper, Kinostart: 30.05.2019, FSK: ab 6, Empfehlung: ab 14 Jahren, Laufzeit: 99 Min. Buch: Oliver Ziegenbalg, Sebastian Schipper. Kamera: Matteo Cocco. Musik: The Notwist. Schnitt: Monica Coleman. Produktion: David Keitsch. Darsteller*innen: Fionn Whitehead (Gyllen), Stéphane Bak (William), Moritz Bleibtreu (Luttger), Ben Chaplin (Paul), Marie Burchard (Valerie) u. a.

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