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The Sun is also a Star

Natasha verliebt sich Hals über Kopf in Daniel. Aber der jungen Frau aus New York droht innerhalb kürzester Zeit die Abschiebung nach Jamaika.

„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft, zu leben“, schrieb Hermann Hesse in seinem Gedicht „Stufen“. Nirgendwo schlägt uns die Magie des Anfangs mehr in ihren Bann als bei einer Liebesromanze, sie erfasst den Menschen von Grund auf und ganz. Doch kann sie auch ihren Zauber entfalten, wenn sich die Liebenden unter großem Druck und Stress begegnen, wie im Fall dieser zwei jungen Menschen?

Die Protagonistin Natasha Kingsley fühlt sich als waschechte New Yorkerin, auch wenn sie erst in jungen Jahren mit ihren Eltern in die USA gekommen ist. Jetzt soll sie mit ihrer Familie binnen 24 Stunden in ihr unbekanntes Geburtsland Jamaika abgeschoben werden. Die Vertreibung aus ihrer Heimat will sie jedoch nicht hinnehmen. Sie hofft, von dem engagierten Anwalt Jeremy Martinez Beistand zu erhalten, und wird auf dem Weg zu ihm unerwartet von Amors Pfeil getroffen. So lernt sie bei ihrem Wettlauf gegen die Zeit Daniel Jae Ho Bae kennen. Er entstammt ebenfalls einer Einwandererfamilie, auch für ihn wird dieser Tag weichenstellend sein.

Daniel muss ein Interview für die Aufnahme in das renommierte Dartmouth College bestehen, und seine Eltern erwarten natürlich, dass er sein Bestes gibt, weil sie für ihn eine Karriere als Arzt vorgesehen haben. Doch die Pläne der Eltern gehen so nicht auf. Daniel bewahrt zunächst die gehetzte Natasha nicht nur davor, vor ein Auto zu laufen, sondern er will ihr auch gleich noch das „Herz fürs Schicksal öffnen“, sie in wenigen Stunden davon überzeugen, dass romantische Liebe wahr werden kann. So ziehen sie zusammen durch New York.

Ry Russo-Young hat in ihrem Film, der auf dem gleichnamigen Jugendroman von Nicola Yoon basiert, mehrere Themen ineinander gewoben. Sie erzählt nicht nur von der ersten Liebe und deren schmerzlichem Verlust, sondern es geht auch um verschiedene Migrantenmilieus, um Abschiebung und um die Abnabelung von den Eltern. Allerdings handelt die Regisseurin ihre Anliegen ziemlich lustlos, flüchtig und uninspiriert ab, ohne die angerissenen Probleme einmal wirklich tiefer auszuloten. In dieser Begegnung prickelt kein Eros und kein Esprit, sie ist in die Nullachtfünfzehn-Bilder einer um sich greifenden Wisch-und-Weg-Ästhetik gekleidet oder besitzt den Wiedererkennungslook einer für die Stadt New York werbenden Tourismusbroschüre; Objektive aus den 1970ern, die leichte Körnung des Bildes und sanftes Gegenlicht simulieren Atmosphäre und echte Gefühle. So kann die melodramatische Liebesromanze das dem Genre spezifische Bangen, Sehnen und Leiden nicht glaubwürdig vermitteln. Will man sich vom Zauber des Anfangs betören lassen, sollte man besser auf Richard Linklaters vorbildgebenden Klassiker „Before Sunrise“ (1994) oder Hans Weingartners „303“ (2018) zurückgreifen.

Heidi Strobel

© Warner
14+
Spielfilm

The Sun is also a Star - USA 2019, Regie: Ry Russo-Young, Kinostart: 16.05.2019, FSK: ab 6, Empfehlung: ab 14 Jahren, Laufzeit: 100 Min. Buch: Tracy Oliver, nach dem gleichnamigen Roman von Nicola Yoon. Kamera: Autumn Durald Arkapaw. Musik: Herdís Stefánsdóttir. Schnitt: Joe Landauer. Produktion: Elysa Koplovitz Dutton, Leslie Morgenstein. Darsteller*innen: Yara Shahidi (Natasha Kingsley), Charles Melton (Daniel Jae Ho Bae), John Leguizamo (Jeremy Martinez), Gbenga Akinnagbe (Samuel Kingsley), Miriam A. Hyman (Patricia Kingsley) u. a.

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