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Meine wunderbar seltsame Woche mit Tess

Entdeckt bei der Berlinale (Generation): Zwei Elfjährige und allerlei existenzielle Fragen – über die Herkunft und die Zukunft.

Den Sommer genießen sieht anders aus, zumindest für den elfjährigen Sam, der einen einwöchigen Urlaub mit seinen Eltern und dem älteren Bruder Jorre auf der niederländischen Nordsee-Insel Terschelling verbringt. Denn Sam hat vielleicht erstmals in seinem Leben existenzielle Probleme und wird sich seiner Sterblichkeit bewusst. So fragt er sich, ob der letzte Dinosaurier wohl gewusst haben mag, dass er der letzte seiner Art ist. Übertragen auf die Gegenwart kommt ihm der erschreckende Gedanke, dass er als Jüngster der Familie die anderen Familienmitglieder vermutlich überleben und dann ganz allein auf der Welt sein wird. Seine dunklen Vorahnungen scheinen sich zu bestätigen, als der Bruder ausgerechnet über ein von Sam am Strand gebuddeltes riesiges Loch stolpert, sich dabei ein Bein bricht und erst mal ins Krankenhaus muss. Wenigstens möchte Sam für alle Fälle gewappnet sein und daher täglich schon mal das Alleinsein trainieren. Weit kommt er mit seinem Vorhaben allerdings nicht, denn zufällig lernt er die gleichaltrige Tess kennen, die mit ihrer alleinerziehenden Mutter auf der Insel wohnt. Ohne Umschweife wird er gefragt, ob er ein guter Tänzer sei, wobei Tess offenbar auch noch in anderer Hinsicht seiner Hilfe bedarf. Noch hat Sam keine Ahnung, warum sich Tess so sonderbar benimmt, er fühlt sich aber von diesem Mädchen magisch angezogen.

Der aufkeimenden Freundschaft zwischen den beiden steht daher nichts mehr im Wege, außer dem Wunsch der ahnungslosen Eltern vielleicht, Sam möge doch lieber etwas mehr Zeit mit seiner Familie verbringen. Als Sam einige Zeit später das wohlgehütete Geheimnis von Tess erfährt, das mit dem Vater des Mädchens zu tun hat, den sie noch nie zuvor gesehen hat, sehen sich nicht nur die beiden Kinder sondern auch die Eltern und Erwachsenen vor gravierende Entscheidungen gestellt, die ihr weiteres Leben verändern werden.

Für seinen Debütspielfilm hat sich Steven Wouterlood, ein Absolvent der Kunsthochschule Utrecht, den 2013 erschienenen Roman der erfolgreichen niederländischen Kinderbuchautorin Anna Woltz zur Vorlage genommen und ihn so unterhaltsam wie ansprechend in Szene gesetzt. Dabei ist ihm die schwierige Gratwanderung zwischen unbeschwerten Bildern einer ersten unschuldigen Liebe vor der Kulisse eines Sommerurlaubs am Meer mit fast menschenleeren Dünen und Stränden und den in die Tiefe gehenden Problemen der beiden gut besetzten jungen Hauptfiguren insgesamt stimmig und gut gelungen. Denn nicht jeder Junge in Sams Alter hat das Bedürfnis, sich vorübergehend komplett von der Außenwelt zurückzuziehen, und nicht jedes Mädchen entwickelt so viel Fantasie wie Tess, um endlich den unbekannten deutschen Vater kennenzulernen und auf Herz und Nieren zu prüfen, ob er es überhaupt wert ist, die Vaterrolle zu übernehmen. Zugleich bezieht der Film aus dieser ungewöhnlichen Figurenkonstellation seinen besonderen Charme und seinen Humor durch reichlich Situationskomik, ohne die Figuren der Lächerlichkeit preiszugeben. Eine handwerklich solide Literaturverfilmung also, über die Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens und die Wirrungen eines jugendlichen Gefühlslebens, die den Wert von Familie betont. Auf der Berlinale erhielt der Film von der internationalen Fachjury eine Lobende Erwähnung für „eine originelle Erzählung, die in einer heiteren Coming-of-Age-Geschichte voller ansteckender Freude und mit großem Taktgefühl schwierigen Fragen über Sterblichkeit, Verlust und dem Versuch, den eigenen Platz in der Welt zu finden, nachgeht“.

Holger Twele

© © Bert Nijman / © Sal Kroonenberg
10+
Spielfilm

Mijn bijzonder rare week met Tess - Niederlande, Deutschland 2019, Regie: Steven Wouterlood, Festivalstart: 10.02.2019, FSK: ab , Empfehlung: ab 10 Jahren, Laufzeit: 82 Min., Buch: Laura van Dijk, nach dem gleichnamigen Roman von Anna Woltz, Kamera: Sal Kroonenberg, Schnitt: Christine Houbiers, Musik: Franziska Henke, Produktion: Joram Willink, Piet-Harm Sterk, Verleih: Farbfilm, Besetzung: Sonny van Utteren (Sam), Josephine Arendsen (Tess), Julian Ras (Sams Bruder Jorre), Tjebbo Gerritsma (Sams Vater Gijs), Suzan Boogaerdt (Sams Mutter Mara) u. a.

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