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Yuli

Ein erfolgreicher Balletttänzer blickt auf sein Leben zurück. Eine mitreißende Mischung aus Biopic, Tanzfilm und Coming-of-Age-Geschichte.

Dürfen Eltern ihr Kind zu dessen „Glück“ zwingen? Es also etwa zum Beginn einer Ausbildung drängen, die dem Wunsch des Kindes in keiner Weise entspricht? Einfach zu beantworten ist diese Frage sicher nicht, zumal wenn die Eltern tatsächlich das „Beste für ihr Kind“ wollen. Der kubanische Balletttänzer Carlos Acosta, Sohn einer spanischen Einwanderin und eines schwarzen LKW-Fahrers, dessen Großeltern noch als Sklaven auf einer Plantage arbeiten mussten, wäre ohne den festen Willen seines Vaters jedenfalls niemals der herausragende Tänzer seiner Generation mit internationaler Reputation geworden, der später in London als erster Schwarzer einen „Romeo“ in höchster Vollendung abgeben durfte. Erst als junger Erwachsener hat sich Acosta übrigens mit seinem Vater ausgesöhnt und war dankbar für das, was der Vater ihm „angetan“ hat.

Im Unterschied etwa zu dem Jungen Billy Elliot, der sich in dem gleichnamigen Film von Stephen Daldry aus dem Jahr 2000 gegen seinen Vater durchsetzen konnte, um Balletttänzer zu werden, wollte Acosta viel lieber Fußballspieler werden, wobei er als Junge auf den Straßen von Havanna in den 1980er-Jahren bereits sein Talent als Breakdancer zur Schau stellte. Es sollte für ihn unter großen Entbehrungen und mit dem Gefühl einer tiefen Einsamkeit, die ihn sein ganzes Leben lang begleiten, aber ganz anders kommen. Dabei war nicht nur der Vater, der seinen Sohn „Yuli“ nach einem afrikanischen Kriegsgott nannte, die treibende Kraft. Auch die Errungenschaften der kubanischen Revolution leisteten ihren Beitrag. Schließlich war auf Kuba der Besuch einer Ballettschule einschließlich Verpflegung und Ausbildung kostenfrei und Yulis Talent als Tänzer wurde früh erkannt und von einer Lehrerin gefördert.

Die spanische Regisseurin Icíar Bollaín, die mit ihren Filmen „... und dann kam der Regen“ (2010) und „Der Olivenbaum“ (2016) auch einem deutschen Publikum bekannt wurde, nahm sich zusammen mit ihrem Mann Paul Laverty, der viele Drehbücher für Ken Loach entwickelte, für ihren neuen Film die einen Zeitraum von 30 Jahren umfassende, 2007 erschienene Autobiografie „Kein Weg zurück“ von Acosta zur Vorlage. Der Clou bei der ganzen Sache ist, dass Acosta sich als Erwachsener im Film selbst spielt und in der Rahmenhandlung ein Ballettstück nach seiner um wichtige Momente ergänzten Autobiografie probt und einstudiert. Auf dieser Gegenwartsebene lässt der Film nicht nur anhand der Tanzproben, sondern auch in zahlreichen filmischen Rückblenden das Leben Acostas Revue passieren, wobei die erste Hälfte seiner Kindheit vorbehalten ist. Das macht den aufwändig gedrehten und vielschichtig montierten Film zu einem gelungenen Hybrid aus Tanzfilm, Künstlerbiografie und Coming-of-Age-Film mit allen wichtigen Momenten, die dieses Genre ausmachen. Es geschieht zudem vor der Folie der jüngeren Geschichte Kubas zwischen 1973 und 2003, bei der neben der Sowjetunion vor allem die USA eine nicht gerade rühmliche Rolle spielte. Weitgehend vergessen ist heute beispielsweise, dass Acosta zwar trotz zahlreicher Restriktionen relativ frei in der Welt herumreisen konnte, während nach dem Fall der Mauer, der Auflösung der Sowjetunion und dem wirtschaftlichen Niedergang Kubas viele seiner Landsleute auf der Flucht über das Meer in die USA ihr Leben verloren.

Ein sehenswerter Film für Jung und Alt, der auch darstellerisch und in seiner filmästhetischen Umsetzung überzeugt, wobei die Tanzszenen zwar faszinieren, der Balletttanz und der Starruhm aber nie verklärt werden – und schon gar nicht die Kindheit von Carlos Acosta.

Holger Twele

© Piffl
14+
Spielfilm

Yuli - Spanien, Großbritannien, Deutschland 2018, Regie: Icíar Bollaín, Kinostart: 17.01.2019, FSK: ab 6, Empfehlung: ab 14 Jahren, Laufzeit: 112 Min., Buch: Paul Laverty, inspiriert vom Leben Carlos Acostas und dessen Autobiografie „Kein Weg zurück“, Kamera: Alex Catalán, Schnitt: Nacho Ruiz Capillas, Musik: Alberto Iglesias, Produktion: Morena Films, Potboiler Productions, in Koproduktion mit Producciones de la 5ta Avenida, Match Factory Productions, Galápagos Media, Hijo de Ogún, Verleih: Piffl, Besetzung: Carlos Acosta, Santiago Alfonso (Pedro, sein Vater), Edlison Manuel Olbera Núñez (Carlos als Kind), Keyvin Martínez (Carlos als junger Mann), Yerlín Pérez (María, seine Mutter), Laura De la Uz (Maestra Chery) u. a.

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