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Sorcery

Entdeckt bei „Lucas“: Ein mit mystischen und mythischen Elementen aufgeladener Coming-of-Age-Film vor historischem Hintergrund.

 

Nach der Eroberung durch die spanische Kolonialmacht wurden gegen Ende des 19. Jahrhunderts europäische und insbesondere deutsche Siedler*innen auf der abgelegenen Insel Chiloé unweit des chilenischen Festlands sesshaft. Sie setzten das Werk der Jesuiten und Franziskaner fort und trieben die Christianisierung der indigenen Bevölkerung der Huilliche, aber auch der Chono und der Cunco voran. Vor diesem historischen Hintergrund spielt der dritte Spielfilm des chilenischen Regisseurs Christopher Murray, der sich dabei konkret auf wahre Ereignisse aus dem Jahr 1880 beruft, als indigene Mitglieder der Recta Provincia Organisation, die sich gegen ihre Unterdrückung und die Inbesitznahme der Ländereien durch Staat und Kirche zur Wehr setzten, der Hexerei angeklagt wurden. Murray hat aus diesem Stoff jedoch kein klassisches Historiendrama gemacht. Stattdessen erzählt er im Breitwandformat eine mit Magie und Zauberei durchsetzte düstere Geschichte über Recht und Unrecht, in der die 13-jährige Rosa vom Stamm der Huilliche nicht nur durch viele Großaufnahmen im Mittelpunkt steht.

Rosa ist Hausmädchen für eine vierköpfige Familie deutscher Siedler*innen. Als christlich Getaufte betet sie im Nebenzimmer inbrünstig die Tischgebete von Hausherr Stefan mit. Bei einem Blick durchs Fenster sieht sie, dass alle Schafe der Siedler*innen plötzlich tot auf der Weide liegen. Ohne Umschweife macht Stefan Rosas Vater, der offenbar ebenfalls im Dienst der Siedler*innenfamilie steht, für diese Tragödie verantwortlich. Sie kann seiner Ansicht nach nur durch Zauberei und einen Fluch verursacht worden sein. Da der Vater nicht gleich gesteht, hetzt Stefan seine beiden Hunde auf ihn, die ihn vor den Augen seiner Tochter tot beißen. Als Rosa auf seinem Grab ein Kreuz errichtet, wendet Stefans Frau verwundert ein, er sei doch ungläubig gewesen. Rosa verlässt die Familie und die Farm, findet als Vollwaise jedoch weder beim Bürgermeister des Ortes noch beim Pfarrer Unterstützung, schon gar nicht für die Sühne am Tod ihres Vaters. Sie findet Unterschlupf bei dem geheimnisvollen Fischer Matteo, der Zauberkräfte besitzen soll und sie in die alten Traditionen ihres Volkes einweiht. Durch ihn macht sie die Bekanntschaft mit einer alten weisen Frau, von der sie den Umgang mit Heilkräutern lernt. Mit ihrer und Matteos Unterstützung möchte Rosa sich endlich an Stefan rächen.

Sorcery“ erzählt eine mit mystischen und mythischen Elementen angereicherte Geschichte und vertraut dabei ganz seinen Bildern und Tönen. Ein Horrorfilm allerdings ist er nicht, zumal weder die gruseligen Elemente noch die Gewaltszenen mehr als unbedingt erforderlich ausgeführt werden. Wesentlich stärker im Fokus stehen der Unabhängigkeitskampf und Freiheitswille eines vom Kolonialismus geprägten lateinamerikanischen Volks im Konflikt mit den Herrschenden, die den Indigenen mit Arroganz, Verachtung und offenem Rassismus begegnen. Dem Regisseur und seiner Kamerafrau María Secco gelingen dabei Szenen, die diesen Konflikt in einer eindringlichen und allgemeinverständlichen Weise visualisieren.

Vor allem jedoch ist „Sorcery“ eine völlig ungewöhnliche Coming-of-Age-Geschichte, in deren Verlauf Rosa alles abstreift, was ihr aufgezwungen oder eingeredet wurde und zu sich selbst, ihrer wahren Identität, ihren verborgenen Zauberkräften und ihrer eigenen Kultur findet. In Valentina Véliz hat Murray eine Darstellerin gefunden, die geheimnisvoll und zugleich sehr offen wirkt und ihre Rolle sehr authentisch und eindringlich spielt. Dabei vermeidet es der Film konsequent, in Allgemeinplätze über Zauberer und Hexenkräfte abzugleiten. Es bleibt dem Publikum überlassen, was man als magische oder gar übernatürliche Kräfte sehen möchte, was eher der Wahrnehmungswelt von Rosa zuzuschreiben ist oder was den Indigenen angedichtet wird, nicht zuletzt um einen Grund zu finden, um sie zu bekämpfen. Die Natur und insbesondere das Wasser in Form des Meeres, eines reinigenden Wasserfalls oder des unablässig strömenden Regens auf die farblich ungesättigte erdige Landschaft geben dieser verhaltenen Inszenierungsweise zusammen mit den von Streichinstrumenten gespielten enigmatischen Tonfolgen den perfekten Rahmen.

Holger Twele

© Fabula
16+
Spielfilm

Brujería - Chile, Mexiko, Deutschland 2022, Regie: Christopher Murray, Festivalstart: 08.10.2023, FSK: keine FSK-Prüfung, Empfehlung: ab 16 Jahren, Laufzeit: 101 Min. Buch: Christopher Murray, Pablo Paredes. Kamera: María Secco. Musik: Leonardo Heiblum. Schnitt: Paloma López. Produktion: Bord Cadre Films, Fabula, Match Factory Productions, Pimienta Films, Sovereign Films. Verleih: offen. Darsteller*innen: Valentina Véliz (Rosa Raín), Daniel Antivilo (Mateo Coñuecar), Sebastian Hülk (Stefan), Daniel Muñoz (Major Acevedo), Neddiel Muñoz Millalonco (Aurora Quinchen, Hexe) u. a.

Altersempfehlung 14-18 Jahre

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