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Sonne und Beton

Im Kino: Bisweilen harte, bisweilen humorvoll-leichte Literaturverfilmung über Jungs aus schwierigen Verhältnissen in einem Berliner Kiez.

14 Jahre alt und Junge zu sein, ist manchmal nicht einfach. Die Eltern verstehen einen nicht. Für Mädchen ist man noch nicht interessant genug. Also hat man nur sich selbst und seine Freunde, um irgendwie klarzukommen und herauszufinden, wo es langgeht. So zwischen den Stühlen steckt Lukas, dessen Geschichte Felix Lobrecht in seinem Bestseller-Roman „Sonne und Beton“ erzählt. David Wnendt („Kriegerin“, „Feuchtgebiete“) hat diesen Roman nun verfilmt.

Ein heißer Sommer in Gropiusstadt, einer Plattenbausiedlung in Berlin-Neukölln. Vor der Schule wacht Security und lässt nur rein, wer seinen Schülerausweis vorzeigen kann. Den hat Lukas verloren. Also schwänzt er und will mit seinen Freunden Gino und Julius im Park Gras kaufen. Eine gegnerische Dealergruppe nimmt die Jungs ins Visier. Zuerst kriegt Lukas Prügel ab, dann wird das Ganze zur Massenschlägerei. Bevor die Polizei sie zu fassen kriegt, entwischen die drei Freunde. Doch die Dealergruppe verlangt 500 Euro Entschädigung von Lukas. Wo soll er das Geld hernehmen? Seine Freunde, zu denen Sanchez, ein neuer Mitschüler und Nachbar von Lukas dazustößt, können nicht helfen. Ihnen fehlt eh hinten und vorne Geld – um ins Schwimmbad zu gehen, Mädchen zu beeindrucken und das eigene Leben etwas besser zu machen. Als die Schule brandneue Computer für die Schüler*innen bekommt, sehen die Jungs darin die Lösung ihrer Probleme. Bei einem wagemutigen nächtlichen Einbruch klauen sie die Geräte und versuchen, sie zu Geld machen. Doch das ist nicht so leicht wie gedacht und die Schlinge um ihre Köpfe zieht sich immer weiter zu.

„Sonne und Beton“ startet brutal. Schnell sind Lukas und seine Freunde in die Auseinandersetzung im Park verwickelt. Die Schläge prasseln, das Sounddesign lässt es richtig knallen. Kamerafrau Jieun Yi fängt die aufgeladene Stimmung in eindrucksvollen Bildern ein. Der Film erzählt aus einem Stadtteil, in dem das Leben der Menschen dort hart ist und Gewalt zum Alltag gehört. Doch „Sonne und Beton“ ist kein Sozialdrama, das betroffen darauf schaut, sondern begegnet Lukas und Co mit Respekt und schildert temporeich, mal hart und dramatisch, mal leicht und humorvoll und immer wieder unterhaltsam deren Geschichte.

„Es war alles genau so. Vielleicht aber auch nicht.“ Mit diesen Worten beginnt der Film. Felix Lobrecht, der als Comedian und Podcaster berühmt wurde, weiß, wovon er erzählt. So ist sowohl der heiße Sommer 2003 gut getroffen, in dem die Geschichte stattfindet und in dem man statt Smartphones noch Prepaid-Handys mit ständig aufgebrauchtem Guthaben hatte und harten Hip-Hop des Labels Aggro Berlin von CDs und MP3-Playern abspielte, als auch die Sprache und das Verhalten der Jugendlichen.

Das große Pfund des Films ist die Glaubwürdigkeit seiner Darsteller, zu denen Rapper wie Luvre47 und Lucio101 aus Gropiusstadt gehören. Dass hier vier Jungs beste Freunde sind und durch ihre Träume und ihren Schmerz verbunden werden, glaubt man sofort. Da ist Julius, der mit seiner steilen Frisur und Bereitschaft, jederzeit Party zu machen, manchmal absurd komisch wirkt, aber eine so kurze Zündschnur hat, dass er am liebsten selbst provoziert. Der weiche Gino spart darauf, mit seiner Mutter den prügelnden Vater zu verlassen und abzuhauen. Sanchez versucht mit seiner alleinerziehenden Mutter einen Neuanfang in Gropiusstadt. Und Lukas selbst schreibt super Deutschaufsätze, kann aber sein Talent genauso wenig ernst nehmen wie die fortwährende Mahnung seines Vaters: „Der Klügere gibt nach.“ Lukas bewundert seinen älteren Bruder Marco, der das anders sieht: „Der Klügere tritt nach!“

In seiner Mischung aus Härte und Unterhaltsamkeit hat „Sonne und Beton“ Parallelen zu „Rheingold“. Ähnlich wie bei Fatih Akins Film hätte es gut getan, sich kürzer zu fassen. Als in einer wunderbar absurden Szene die Mutter von Drogendealer Cem dafür sorgt, dass ihr Sohn und Lukas sich nicht erneut an die Gurgel gehen, glaubt man die Geschichte auf der Zielgeraden. Doch eine erneute große Gewalteskalation folgt und fühlt sich ermüdend und unnötig an. Auch werden Frauen und Mädchen nur am Rande erzählt und bleiben in stereotypen Rollen stecken – als Love Interest, mit dem man gerne Sex hätte, oder als Mutter, die sich für den Sohn abrackern oder von diesem beschützt werden muss.

Doch darüber hinaus schafft es „Sonne und Beton“ immer wieder, mit kleinen Szenen Puzzlestücke zu den Leben seiner Figuren hinzuzufügen und so alles nicht glatt und einfach zu machen. Da streichelt Lukas zart die Hand des Vaters, wenn er schläft. Da entpuppt sich der Lehrer, der scheinbar unermüdlich das Beste in seinen Schülern sieht, als einer, der rassistische Vorurteile im Kopf hat. „Sonne und Beton“ zeigt eindrucksvoll, dass Menschen nicht einfach nur gut oder böse sind, sondern es komplizierter ist und es keine simplen Lösungen für einen Ausweg gibt. Das macht den Film so unbedingt sehenswert.

Kirsten Loose

 

© Constantin
14+
Spielfilm

Sonne und Beton - Deutschland 2023, Regie: David Wnendt, Kinostart: 02.03.2023, FSK: ab 12, Empfehlung: ab 14 Jahren, Laufzeit: 119 Min. Buch: David Wnendt, Felix Lobrecht, nach dem gleichnamigen Roman von Felix Lobrecht. Kamera: Jieun Yi. Musik: Enis Rotthoff, Konstantin Scherer. Schnitt: Andreas Wodtraschke. Produktion: Seven Elephants, Constantin Film. Verleih: Constantin. Darsteller*innen: Levy Rico Arcos (Lukas), Vincent Wiemer (Julius),  Rafael Luis Klein-Hessling (Gino), Aaron Maldonda Morales (Sanchez) u. a.

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