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The Sleeping Beast

Entdeckt bei „Lucas‟: Drama um eine Gruppe von Kindern, die über die Stränge schlägt und danach moralisch kläglich scheitert.

Wenn ein Thriller mit Kindern in den Hauptrollen und für Kinder gemacht so unter die Haut geht, dass selbst den Erwachsenen der Atem stockt und sie über einen längeren Zeitraum alles andere um sich herum vergessen – handelt es sich dann noch um einen Kinderfilm? Zumal dann, wenn Gut und Böse nicht so eindeutig voneinander zu unterscheiden sind wie etwa im Märchen, wenn Menschen buchstäblich vom Tod bedroht sind und Kinder aus ihrer Not heraus zu Täter*innen werden? Für den estländischen Regisseur Jaak Kilmi, der nach seinem Regiestudium über 20 Jahre lang vor allem Kurz- und Dokumentarfilme drehte und an der Estnischen Akademie für Künste Dokumentarfilm unterrichtet, stellte sich diese Frage in seinem ersten langen Spielfilm wohl eher nicht. Denn er wollte vor allem zeigen, dass in jedem Menschen eine schlafende Bestie wohnt, egal ob Kind oder Erwachsener, wenn diese Menschen in eine Extremsituation geraten und aus ihrer rein subjektiven Perspektive heraus keine Handlungsalternativen für sich entdecken können. In der Filmgeschichte steht er damit beileibe nicht allein, man denke nur an „Herr der Fliegen“. Gleichwohl ist der 2022 sowohl beim „Lucas‟-Festival als auch beim „Schlingel‟-Festival im Wettbewerb platzierte Film, der in Chemnitz von der Juniorjury auch ausgezeichnet wurde, heftig umstritten. Um es aber vorwegzunehmen: Wir brauchen Filme wie diesen, die allzu eng gesetzte Grenzen des Kinderfilms infragestellen, die Kindern aufzeigen, wie leicht Spiele in tödlichen Ernst umschlagen können, die zumindest im Kern begreiflich machen, warum Menschen anderen Menschen so viele schreckliche Dinge antun, und die zur Auseinandersetzung über schwierige Themen anregen, ohne sie nach dem einfachen Prinzip von Belohnung und Bestrafung gleich wieder aus der Welt zu schaffen.

Eigentlich fängt alles ganz harmlos an so wie in zahlreichen Kinderfilmen, in denen Kinder in den Sommerferien nach Abwechslung und kleinen Abenteuern suchen. Ariel, Loore, Mia-Margot, Siim und Kristjan, der Anführer der Bande, leben in einer etwas heruntergekommenen Wohnsiedlung am Rande eines Ortes. In der Nähe befindet sich ein verlassenes, eingezäuntes Industriegelände, zu dem der Zutritt strengstens verboten ist. Durch ein Loch im Zaun verschaffen sich die Kinder dennoch Zugang und werden durch das baufällige Industriegebäude zu fantasievollen Rollenspielen inspiriert. Loore, die ein Auge auf Kristjan geworfen hat, bringt mitunter auch ihre jüngere Schwester Lisandra mit, auf die sie aufpassen muss, wenn die Mutter zur Arbeit geht. Trotz ausdrücklicher Verbote der Eltern suchen die Kinder den geheimnisvollen Ort immer wieder auf. Wäre da nur nicht der alte Wachmann Elmar, der die Kinder entdeckt und verjagt.

In der Wohnanlage geht das Gerücht um, Elmar sei ein Alkoholiker und ein Psychopath, ein echter Kinderschreck demnach. Den müssen sie unbedingt loswerden. Mit einem ausgeklügelten Plan stellen sie ihm eine Flasche Schnaps in den Wohncontainer. Gerade als sie dann ungestört weiterspielen wollen, ist Lisandra plötzlich verschwunden und der Verdacht keimt bei ihnen auf, der Wachmann könnte ihr etwas angetan haben. In voller Panik suchen die Kinder nach Lisandra und verfolgen den Wachmann, der auf der Flucht durch ein Loch im Boden in eine tiefe Grube stürzt. Er ist zwar nur leicht verletzt, kann sich aber ohne Hilfe der Kinder nicht selbst befreien. Wenn sie das aber tun, würde der Wachmann sie sicher verraten und dann würden sie sicher alle schwer bestraft. Mia-Margot würde dann von der Mutter wohl gar zu ihrem Vater geschickt – und das möchte die Bande nicht in Kauf nehmen. So beschließen alle, niemandem etwas zu erzählen und erst einmal abzuwarten.

Lediglich Kristjan bekommt Gewissensbisse, versorgt Elmar heimlich mit einigen Lebensmitteln und kümmert sich um dessen angeketteten Hund, der nun schon einige Tage ohne Futter ist. Unterdessen ist das Verschwinden des Wachmanns, der eigentlich ein mittelloser Künstler ist, im Ort bemerkt worden. Der Suchtrupp wird aber nicht fündig, weil die Kinder das Loch gegen den Willen von Kristjan inzwischen abgedeckt haben. Dieser gerät immer mehr ins Abseits. Selbst seine Freundin Loore stellt sich gegen ihn und verhindert nicht, dass die Situation immer weiter eskaliert.

Obwohl die Kinder Ungeheuerliches tun, brandmarkt sie der Film nicht als Monster ohne jegliches Gewissen. Selbst Kristjan, der Älteste unter ihnen, scheut lange davor zurück, das „Richtige“ zu tun. Alle fühlen sich unwohl, haben Gewissensbisse, wissen aber nicht genau, was richtig und was falsch ist – sei es aus Mangel an Erfahrung und an Informationen darüber, wie lange ein Mensch ohne Nahrung überleben kann, oder aus Furcht vor berechtigter Strafe und harten Eingriffen in ihren gewohnten Lebensalltag. Unbewusst tragen die Erwachsenen mit dazu bei, dass die Kinder vor dem Wachmann Angst haben, haben sie ihn doch unbedacht oft als Monster dargestellt

Diese stete Anspannung im Kontrast zu der eher ruhigen Erzählweise und Kameraführung, diese Unsicherheit, wie es weitergehen wird und ob alles nicht doch noch ein gutes Ende nehmen könnte, überträgt sich auf das Publikum. Wie es ausgehen wird, bleibt wirklich fast bis zum Ende offen und selbst dann verweigert der Film allzu einfache Antworten. Ein starker Film, der lange im Gedächtnis bleiben wird.

Holger Twele

© DFF
14+
Spielfilm

Tagurpidi torn - Estland, Lettland 2022, Regie: Jaak Kilmi, Festivalstart: 11.10.2022, FSK: ab , Empfehlung: ab 14 Jahren, Laufzeit: 101 Min. Buch: Aidi Vallik. Kamera: Elen Lotman. Musik: Karlis Auzans. Schnitt: Andris Grants, Moonika Põdersalu. Produktion: Stellar Film, Studija Locomotive. Verleih: offen. Darsteller*innen: Nils Jaagup England (Kristjan), Rebeka Kask (Loore), Laura Vahtre (Ariel), Una Marta Soms (Mia-Margot), Kimi Reiko Pilipenko (Siim) u. a.

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