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Soul of a Beast

Entdeckt beim Max Ophüls Preis: Ein junger Vater zwischen Verantwortung, Ausbruch und Aufbruch, fulminant in Szene gesetzt von Lorenz Merz.

Eine moderne Dreiecksgeschichte aus der multikulturell geprägten Großstadt Zürich. Dort, genauer gesagt im Bahnhofsviertel der Stadt, wohnt der 19-jährige Gabriel in eher bescheidenen Verhältnissen zusammen mit dem etwa zweijährigen Jamie, von dem man lange nicht weiß, ob es sich um Gabriels kleinen Bruder oder um dessen Sohn handelt. Dass er den Jungen sehr liebt, lässt sich aber nie in Zweifel ziehen, selbst dann nicht, als er Jamie kurzfristig in die Obhut einer Prostituierten gibt. Denn er möchte seinen besten Freund Joel besuchen, um mit seinem Skateboard durch die Straßen zu brettern, von Joels Motorrad so richtig erst auf Speed gebracht.

Joel schwärmt gerade von seiner neuen Freundin Corey und noch weiß Gabriel nicht, dass er sich bald unsterblich in diese verlieben wird. Zunächst einmal unternehmen die Drei einen nächtlichen Ausflug in den städtischen Zoo im Drogenrausch, der ihnen die Tiere als magische Wesen erscheinen lässt. Dass dabei etwas schief gelaufen sein muss, erfahren sie erst am nächsten Tag in den Nachrichten. Einige Tiere sind ausgebrochen, darunter zwei Raubkatzen und eine Giraffe – die Bevölkerung wird dringend gewarnt. Gabriel und Corey machen sich später auf die Suche nach diesen Tieren und kommen sich dabei sehr nahe. Dass Joel über diese Beziehung alles andere als begeistert sein wird, ahnt Gabriel bereits. Doch er verstrickt sich immer tiefer in den Dschungel seiner Gefühle, zumal er erkennt, dass Jamies blutjunge Mutter aus reichem Elternhaus nicht mehr in der Lage sein wird, sich um den Jungen zu kümmern, ganz im Unterschied zu Vater Gabriel. Und dann möchte seine große neue Liebe Corey auch noch ihren Traum verwirklichen und nach Guatemala oder Bolivien auswandern.

Regisseur Lorenz Merz wurde 1981 in Zürich geboren, im gleichen Jahr, in dem der Dokumentarfilm „Züri brennt“ über die Jugendproteste 1980 gegen die Kulturpolitik der Stadt in Verbindung mit dem autonomen Jugendzentrum in die Kinos kam. Es mag vielleicht wirklich reiner Zufall sein, dass Merz genau 40 Jahre später seinen Film „Soul of a Beast“ drehte, wobei er zugleich betont, dass der Film in keiner Weise autobiografische Züge habe. Aber auch sein Film zeigt kraftvolle Bilder einer rebellischen Jugend, die mit dem bürgerlichen Establishment wenig am Hut hat, die ihrer eigenen Wege geht und zur Bewusstseinserweiterung mitunter auch zu Drogen greift auf die Gefahr hin, ins Abseits zu geraten. Unverkennbar sind die deutlichen Unterschiede, die auf einen Wandel in der heutigen Gesellschaft verweisen, selbst wenn Merz das nicht beabsichtigt haben sollte. Seine Figuren – die Jugendlichen wie auch die aus der „Normalität“ fallenden Erwachsenen – agieren in radikaler Subjektivität. Sie haben sich ins Private zurückgezogen, in den Kreis der wie auch immer gearteten Familie oder in Liebesangelegenheiten. Der politische Protest ist längst einer diffusen Angst vor dem scheinbar Unerklärbaren gewichen, in der das Gefühl, dass etwas schief läuft in der Gesellschaft, geradezu übermächtig wird, während festgefügte Strukturen des Alltags brüchig werden und sich in blinder Zerstörung und Selbstzerstörung auflösen. Am Ende wird die Stadt den Ausnahmezustand verkünden.

Die Suche nach Orientierung in einer Grenzen überschreitenden Liebesgeschichte, die innere Zerrissenheit der Figuren, die immerhin noch eine Vision von einem anderen Leben haben, aber in der Realität nicht besonders gut zurechtkommen und im Drogenrausch sogar Tiere im Zoo freilassen, entlädt sich wiederholt in aberwitzigen Reaktionen. Insbesondere bei den beiden Freunden sind das waghalsige Aktionen, etwa wenn sie mit Motorrad und Skater über eine rote Ampel brausen und ihr Schicksal bewusst herausfordern. In formaler Hinsicht korrespondieren diese extremen Gefühlswelten mit einer Fülle filmsprachlicher Mittel, die von scheinbaren Unvereinbarkeiten und Gegensätzen geprägt sind. Das beginnt bereits mit der Wahl des klassischen Filmformats 1:1,35, das zu den „Breitwand“-Gefühlen der Protagonist*innen ebenso im Widerspruch zu stehen scheint wie die hektische Großstadt zum eher beschaulichen Landleben. Schnell geschnittene Montagesequenzen mit vielen Unschärfen, also Adrenalin pur, wechseln sich mit kontemplativen poetischen Einstellungen und Zeitlupenaufnahmen ab. Sie versprechen Entschleunigung in einer aus den Fugen geratenen Welt, können dies aber nicht wirklich halten. Selbst der vorwiegend zeitgenössische Soundtrack sorgt für Überraschungen, etwa wenn plötzlich eine Querflöte aufspielt oder altmodische Tanzmusik aus früheren Jahrzehnten zu hören ist. Eine japanische Legende, die den Film wie ein roter Faden durchzieht, und ein Samurai-Schwert, das nicht nur zum Zerteilen einer Wassermelone dienlich ist, lassen den Film zusätzlich wie eine Geschichte aus einer anderen Welt erscheinen und verweisen zugleich auf filmische Vorbilder wie die französische Nouvelle Vague.

Alle diese Elemente machen „Soul of a Beast‟ zu einem fulminanten Gesamtkunstwerk, das auf das Publikum einen unwiderstehlichen Sog ausübt. Wie so oft sind die größten Stärken jedoch zugleich die größten Schwächen. Gegen Ende hin franst der Film etwas aus und auch schon zuvor wird mit manchen erzählerischen Details zu sorglos umgegangen. Den positiven Gesamteindruck dieses mehrfach ausgezeichneten Films, der unter anderem mehrere Preise in Locarno sowie den Preis der Fipresci beim Festival Max Ophüls Preis erhielt, vermag das zum Glück nicht zu schmälern.

Holger Twele

© Ascot Elite Entertainment Group / MOP 2022
16+
Spielfilm

Soul of a Beast - Schweiz 2021, Regie: Lorenz Merz, Festivalstart: 16.01.2022, FSK: keine FSK-Prüfung, Empfehlung: ab 16 Jahren, Laufzeit: 100 Min. Buch: Lorenz Merz. Kamera: Fabian Kimoto, Lorenz Merz. Musik: Fatima Dunn, Julian Sartorius, Laszlo Ovlinsky. Schnitt: Lorenz Merz, Noemi Preiswerk. Produktion: Hesse Film, 8horses, Milan Film, The Hub Media, SRG, SSR, SRF Schweizer Radio und Fernsehen, blue+ Blue Entertainment AG. Verleih: offen. Darsteller*innen: Pablo Caprez (Gabriel), Ella Rumpf (Corey), Tanatiuh Radzi (Joel), Luna Wedler (Zoé), Lolita Chammah (Zoés Mutter) u. a.

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