Kritiken > Filmkritik
Kritiken > Aktuell auf Festivals > Kriegsspiel

Kriegsspiel

Entdeckt in Lübeck: Macht, Manipulation, Besitzdenken: Was die Kinder in diesem Film spielen, lässt das Blut in den Adern gefrieren.

Ist der Mensch grundsätzlich nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht, so dass man geeignete Strategien entwickeln muss, um gegenüber den anderen nicht als Verlierer*in dazustehen? Oder ist der Glaube an das Gute im Menschen so stark ausgeprägt, dass wir bereit sein sollten, dem anderen zu vertrauen und Frieden zu schließen? Mit solchen Gedankenspielen und Militärstrategien beschäftigt sich der hochintelligente elfjährige Malte ständig, der bei seiner alleinerziehenden Mutter lebt und mit seinem wenig kameradschaftlichen Verhalten längst den Hass seiner Mitschüler*innen auf sich gezogen hat. Maltes Vorbild ist der amerikanische Mathematiker John Forbes Nash, Jr. (1928-2015), ein Vordenker der nuklearen Abschreckung und des Kalten Kriegs, der im Alter von 30 Jahren schwer an Schizophrenie erkrankte.

Als Malte nach einem Umzug in eine andere Wohngegend zwischen zwei rivalisierende Gruppen von Kindern gerät, die nach genau festgelegten Regeln eine Scheune mit Skaterbahnen nutzen, erkennt er als Stratege seine Chance. Er schlägt sich auf die Seite der von dem Mädchen Mira angeführten Gruppe und überzeugt alle davon, dass sie mit einem gut vorbereiteten Angriff und selbstgebastelten scharfen Bomben die ganze Scheune für sich allein gewinnen könnten. Den Anführer der gegnerischen Gruppe Omar, der offenbar auch schon von John Nash gehört hat, kann Malte tatsächlich davon überzeugen, dass Nash sich in bestimmten Punkten geirrt hat und die beste Lösung für alle ein Frieden zum beiderseitigen Vorteil wäre. Doch nun gilt Malte als Verräter und die zerstörerische Spirale der Gewalt scheint sich nicht mehr aufhalten zu lassen.

Bei diesem Film, der die Grenzen das klassischen Kinderfilms sprengt, obwohl er zum überwiegenden Teil unter Kindern spielt, liegen Assoziationen zu dem britischen Filmdrama „Herr der Fliegen“ (1963) von Peter Brook nach dem 1954 erschienenen Roman von William Golding nahe, zumal beide Filme auf einen möglichen Atomkrieg und die Strategie der nuklearen Abschreckung Bezug nehmen. Während sich in Brooks Film Machtansprüche und die Spirale der Gewalt aus einer Extremsituation auf einer abgelegenen Insel heraus entwickeln, spielt der Film des 1974 in Sarajevo geborenen Regisseurs Goran Kapetanović im Schweden der Gegenwart, wobei sicher auch die bitteren Erfahrungen aus den bosnisch-serbischen Kriegen in das Drehbuch mit eingeflossen sein dürften. Der vielleicht wichtigste Unterschied liegt darin, dass der Filmklassiker im Gewand eines spannenden Abenteuerfilms gedreht ist, während Kapetanović eher an einem nicht minder spannenden, politisch ganz bewusst nicht immer korrekten Thesenfilm und nicht pädagogisch überfrachteten Lehrstück gelegen war. Weniger eine bis ins Detail stimmige Figurenzeichnung zählt dabei als Fragen danach, wie weit die inmitten unserer Gesellschaft lebenden Kinder gehen werden und ob es ihnen gelingt, ihre Konflikte zu lösen, bevor es zum Äußersten kommt. Da kann einem der Schrecken im Halse stecken bleiben, wenn der Film zeigt, mit welchen fiesen Tricks bereits Kinder andere Kinder manipulieren und einschüchtern, wie sie im Internet an Bombenbaupläne herankommen und sich mit einer Mischung aus Provokation und Drohungen die benötigten Materialien sogar beschaffen können. „Kriegsspiel“ regt unweigerlich zum Nachdenken und zur Diskussion an.

Auf den Nordischen Filmtagen in Lübeck wurde er ab zwölf Jahren empfohlen analog zum Alter, in dem sich die meisten Kinder der verfeindeten Gruppen befinden. Ob sie in diesem Alter die historischen Anspielungen und gesellschaftlichen wie politischen und militärischen Hintergründe bereits erfassen können, sei dahingestellt, selbst wenn sie das in Omars Zimmer aufgehängte Plakat von Mahatma Gandhi schon einmal woanders gesehen haben sollten. Aber die grundsätzlichen Fragen, wie man auf Beleidigungen und Einschüchterungsversuche, auf Mobbing, Machtansprüche oder sogar tätliche Übergriffe möglichst adäquat reagieren kann, ohne völlig ins Hintertreffen zu geraten, und welche Alternativen es gibt, werden auch sie brennend interessieren.

Holger Twele

 

 

 

 

© Nordische Filmtage Lübeck / Filmbilder © Ita Zbroniec-Zajt
12+
Spielfilm

Krig / The War Game - Schweden 2017, Regie: Goran Kapetanović, Festivalstart: 08.11.2018, FSK: ab , Empfehlung: ab 12 Jahren, Laufzeit: 84 Min., Buch: Jannik Tai Mosholt, Kamera: Ita Zbronik-Zajt, Schnitt: Andreas Nilsson, Musik: Nathan Larson, Produktion: Per Janérus, Rodrigo Villalobos Cáceres, Weltvertrieb: Copenhagen Bombay, Besetzung: Loke Hellberg (Malte), Meja Björkefall (Mira), Emilio Silva (Omar), Malin Levanon (Emma), Esmeralda Brand-Kinberg (Tina) u. a.

Kriegsspiel -