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Fighter

Entdeckt bei der Berlinale: Eine junge Frau findet in dem koreanischen Drama durch den harten Boxsport zu sich selbst.

Junge Frauen, die sich im Film buchstäblich mit ihren Fäusten durchs Leben kämpfen und dadurch an Selbstvertrauen gewinnen, kommen bei Jugendlichen gut an. Der dänische Martial-Arts-Film „Fightgirl Ayse“ (Natasha Arthy, 2007) hat das zuerst gezeigt, andere Filme folgten, wie etwa die für den Young Audience Award nominierte niederländisch-belgische Koproduktion „Fight Girl“ (Johan Timmers, 2018) zum Thema Kickboxing. Noch einen Schritt weiter geht der in Südkorea geborene Regisseur Jéro Yun, der in Frankreich Film studierte, in seinem zweiten Spielfilm „Fighter“. Hier bildet das Profiboxen von Frauen den äußeren Rahmen für eine spannende außergewöhnliche Geschichte über das Erwachsenwerden. Die Grundstruktur bleibt auch in diesem Fall erhalten. Alle diese jungen Frauen entdecken ihre Begabung und Leidenschaft eher durch Zufall und äußere Umstände. Im Training müssen sie erst mehrere Rückschläge verkraften und noch vieles dazulernen, bis sie in ihrer jeweiligen Sportart erste Erfolge verbuchen und sich ihnen echte Perspektiven für die Zukunft eröffnen.

In zwei wesentlichen Punkten unterscheidet sich „Fighter“ allerdings deutlich: Denn als sich die zu erwartenden sportlichen Erfolge einstellen, ist der Film gerade mal zur Hälfte vorbei. Und die Hauptfigur Jina, die aus dem vom Rest der Welt strikt abgeschotteten Nordkorea stammt, ist in ihrer neuen Heimat Südkorea ebenso Geflüchtete wie Fremde. In Nordkorea war sie als Soldatin tätig und kam dank der Unterstützung ihres noch in China lebenden Vaters nach Südkorea. Aus westeuropäisch geprägter Sicht lässt sich Jina vielleicht am besten als herbe und zugleich verhärmte Schönheit bezeichnen. Nach einem obligatorischen Umerziehungslager steht sie nun erstmals in ihrem Leben als freier Mensch auf eigenen Füßen. Und gerät gleich in nicht nur finanzielle Schwierigkeiten, als sie ihren zugeteilten Betreuer niederschlägt. Der ist sexuell übergriffig geworden und hält ihr später in erpresserischer Absicht rachsüchtig die Arztrechnung vor die Nase. Dass sich mit einem richtig gesetzten Haken nicht alle Probleme lösen lassen, erfährt Jina am eigenen Leib. Um über die Runden zu kommen, nimmt sie gleich mehrere Aushilfsjobs an, in einem Schnellimbiss und als Putzhilfe in einem Boxclub. Dort werden die selbstsicher und mitunter auch arrogant wirkenden Aspirantinnen für den Profisport von dem jungen Tae-soo trainiert, der sein weiches Herz unter einer harten Schale verbirgt. Er verliebt sich heimlich in Jina und überredet die neue „Putzhilfe“, es doch selbst einmal mit dem Boxen zu versuchen. So entdeckt er ihr großes Talent. Da das Boxen von Frauen zur soldatischen Ausbildung in Nordkorea gehörte, fängt Jina auch nicht bei Null an.

Zum Glück erschöpft sich der Film nicht in einer vorhersehbaren Liebes- und Erfolgsgeschichte, die elliptisch wie im Zeitraffer erzählt wird. Jina lässt sich zum Training nicht etwa durch den verdeckten Charme ihres Trainers überreden, sondern vor allem, weil sie mit möglichen sportlichen Erfolgen eine Chance sieht, Geld zu verdienen. Sie könnte damit ihren in China von der Polizei verhafteten Vater nach Südkorea holen. Ihr Hauptproblem allerdings lässt sich nicht durch sportliche Leistungen lösen. Denn ihre Mutter hatte die Familie in Nordkorea verlassen, als Jina noch ein Kind war, um in Südkorea eine neue Existenz aufzubauen und eine neue Familie zu gründen. Wie Jina mit diesem tiefsitzenden Trauma umgehen soll, kann ihr nicht einmal Tae-soo sagen.

Vor der Folie der gesellschaftspolitischen Spannungen zwischen Nord- und Südkorea sowie der undurchsichtigen Rolle von China erzählt Jéro Yun ein ergreifendes Familiendrama, in dem gerade die junge Generation, also Jina und ihre bis dato unbekannte Halbschwester, vor einschneidende Entscheidungen gestellt werden und herausfinden müssen, was sie wirklich wollen und was ihnen das Wichtigste im Leben ist. Ein dem Film vorangestelltes Zitat des in Frankreich geborenen US-amerikanischen Schriftstellers Thomas Merton nimmt bereits vorweg, dass der Regisseur der festen Überzeugung ist, der Sinn des Lebens könne nie alleine gefunden werden, sondern nur mit anderen zusammen und durch die Kraft der Liebe, wozu auch Vergebung, Mut und Versöhnung gehören. Wer hätte das gedacht bei einem Film, in dem mit harten Bandagen gekämpft wird, in dem der Schmerz auch physisch durch Blessuren am Kopf visualisiert wird und in dem es dem Reglement des Profisports nach eigentlich nur Sieger und Verlierer geben dürfte?

Holger Twele

© Haegrimm Pictures (Berlinale Generation 2021)
14+
Spielfilm

Fighter - Republik Korea 2020, Regie: Jéro Yun, Festivalstart: 01.03.2021, FSK: ab , Empfehlung: ab 14 Jahren, Laufzeit: 103 Min. Buch: Jéro Yun. Kamera: Lim Chang-wook. Schnitt: Jéro Yun. Produktion: Haegrimm Pictures. Verleih: offen. Darsteller*innen: Lim Seong-mi (Jina), Baek Seo-bin (Tae-soo) u. a.

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