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Moon Rock für Montag

Entdeckt beim „Schlingel‟: Eine Neunjährige und ein 18-jähriger auf der Fahrt durchs Outback – auf der Flucht und auf der Suche.

Es ist irritierend: Gerade noch war die neunjährige Monday mit ihrem treusorgenden Vater zusammen – und nun vertraut sie sich fast ohne Zögern einem fremden jungen Mann an und braust mit diesem in einem gerade gestohlenen Wagen davon. Schwebt das Mädchen jetzt in größter Gefahr? Oder wird uns hier eine völlig unglaubwürdige Geschichte aufgetischt? Monday allerdings, die an einem Montag geborgen wurde, ist kein gewöhnliches Mädchen.

Monday ist krank, benötigt jeden Tag ihre ungeliebten Medikamente und darf wegen ihres geschwächten Immunsystems nicht zur Schule gehen. Der alleinerziehende Vater unterrichtet sie zuhause und hat seinen gutbezahlten Job aufgegeben, um ganz für seine Tochter da zu sein. So kommt es, dass Monday zwar eine Menge über die Welt weiß, aber noch nie verreist ist und auch noch nie einen Kaugummi probiert hat. Der Überzeugung der australischen Ureinwohner nach soll es ganz in der Nähe des heiligen Berges Uluru und der Stadt Alice Springs eine Mondlandschaft voller Mondsteine geben, die magische Kräfte besitzen und Monday heilen können.

Mondays Vater allerdings hält die Reise für viel zu gefährlich und zu teuer. So kommt es, dass Monday in das Auto des 18-jährigen Taylor steigt, in der Hoffnung, wenigstens er werde sie dorthin fahren. Noch weiß sie nicht, dass Taylor kurz zuvor einen Juwelierladen überfallen hat, um mit dem Hehlergeld seinem behinderten Freund zu helfen. Vor allem aber, um den Ring seiner Mutter wiederzubekommen, die bei einem Autounfall ums Leben kam, als Taylor etwa in Mondays Alter war. Was der Film nicht zeigt, ist der Tod eines Wachmannes, den Taylor beim Überfall erschossen hat. Deswegen wird er von der Polizei gnadenlos gejagt, während Mondays Vater nur daran interessiert ist, seine Tochter wohlbehalten zurückzubekommen und von einem Missgeschick ins nächste stolpert. Den Grundstrukturen eines Roadmovies folgt der Film insofern, als beide Hauptfiguren eine mehrtägige Reise unternehmen, skurrilen Figuren begegnen, eine Entwicklung durchmachen und sich gerade in ihrem Schmerz um den Verlust der Mutter doch sehr ähnlich sind.

Gleich zu Beginn des Films macht Monday die Erfahrung, dass der erste Eindruck, der leider oft prägend ist, auch vollkommen falsch sein kann. Diese kleine Lektion wirkt über die Dauer des Films nach, der Vorurteile immer wieder neu hinterfragt und gängige Erwartungshaltungen und Erzählmuster ad absurdum führt. Im Einzelfall ist das nicht immer unproblematisch, wobei der Film Schockmomente nicht ausspart. Beispielsweise tauchen die Bilder der Unfallnacht, in der Taylors Mutter starb, als Flashback wiederholt auf und verdeutlichen, wie sehr Taylor immer noch unter diesem Trauma leidet, das ihn völlig aus der Bahn geworfen hat. Immer wieder wird die Handlung des Films nur elliptisch erzählt, werden Szenen bewusst nicht ausgespielt, die andere Filmemacher*innen vielleicht ausgeschmückt hätten. Wenn der Film dennoch über die gesamte Länge hinweg trägt und zu fesseln vermag, liegt das neben den eindrucksvollen Bildern des australischen Outbacks vor allem an den beiden Hauptdarsteller*innen, insbesondere an Jessica Napier, die ihre Rolle mit charismatisch-naiver Souveränität ausfüllt. Regisseur Kurt Martin war offenbar so überzeugt von ihrem Talent, dass er sie weitgehend bestimmen ließ, wie sie die Rolle spielen wollte, nämlich als wissbegieriges und neugieriges Kind, das jeden Tag des Lebens bewusst wahrnimmt und genießen möchte, egal was passiert.

Holger Twele

© Internationales Filmfestival „Schlingel‟
13+
Spielfilm

Moon Rock for Monday - Australien 2020, Regie: Kurt Martin, Festivalstart: 15.10.2020, FSK: ab , Empfehlung: ab 13 Jahren, Laufzeit: 100 Min. Buch und Regie: Kurt Martin. Kamera: Glenn Hanns. Musik: Pru Montin. Schnitt: Marcus D‘Arcy, Rishi Shukla. Produktion: Lunar Pictures. Vertrieb: WaZabiFilms. Darsteller*innen: Jessica Napier (Monday), Aaron Jeffery (Bob, Mondays Vater), George Pullar (Taylor), Karina Banno (Carol), David Field (Detective Lionell), Nicholas Hope (The Bobbins) u. a.