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Die schwarze Mühle

Entdeckt beim „Schlingel‟: Die am Mainstream-Kino orientierte Literaturadaption erzählt mit kantigen Figuren effektreich über Inklusion.

Beim Lesen des Filmtitels werden viele sicher zuerst an den gleichnamigen Roman von Jurij Brězom über den mit Zauberkräften ausgestatteten Jungen Krabat aus dem Jahr 1968 denken, der wiederholt verfilmt wurde. Diese Spur allerdings führt ins Leere, denn der polnische Film von Mariusz Palej beruht auf einer anderen Romanvorlage, die Marcin Szczygieski im Jahr 2010 für den Astrid Lindgren-Wettbewerb schrieb und die mit dem 1. Preis bedacht wurde. Buchvorlage und Film mit starken Science-Fiction-Elementen lassen zwar ebenfalls magische Kräfte walten, die in diesem Fall nicht von dieser Welt stammen, doch die Figurenkonstellation ist ganz anders gelagert. Mit der alten Legende aus der Lausitz hat der Film außer einer geheimnisumwitterten alten Mühle als Schauplatz für den Showdown also nur wenig zu tun, eher schon mit „Terminator 2“ (James Cameron) aus dem Jahr 1991 und anderen Blockbustern.

Mariusz Palej richtet sich damit sehr direkt an ein junges Publikum, das die Märchenwelt der Kindheit weit hinter sich gelassen hat, auf harte Action steht und computergenerierte Trickeffekte für die selbstverständlichste Sache der Welt hält. Dafür allerdings darf man nicht kleckern, sondern muss wie der Mainstream klotzen, spätestens dann, wenn aus der abgebrannten schwarzen Mühle eine Fabrikhalle wird. Palej arbeitet nicht nur als Regisseur, sondern auch als Kameramann, etwa für Musikvideos. Das Gespür für den passenden Rhythmus ist dem Film anzumerken, wobei er das Publikum auf ein Wechselbad der Gefühle mitnimmt.

Zu Beginn hat man nur Mitleid mit dem kleinen Iwo, der mit seiner hochschwangeren Mutter mitansehen muss, wie der Vater in der lichterloh brennenden Mühle verschwindet, um weitere Opfer zu bergen, aber nicht mehr zurückkommt. Die Wehen der Mutter setzen zu früh ein und sie bringt eine schwer behinderte Tochter zur Welt, die permanent auf fremde Hilfe angewiesen ist und sich nicht einmal artikulieren kann. Neun Jahre später ist Iwo zu einem Kotzbrocken herangewachsen, der nur an sich selbst denkt und der Mutter widerstrebend bei der Betreuung seiner Schwester Mela und im Haushalt hilft. Die Familie kann sich kaum über Wasser halten. Nachdem der Herd, mit dem die Mutter Obstkuchen backt und verkauft, spurlos verschwindet, und die Mutter einen Aushilfsjob annimmt, bleibt Iwo nichts anderes übrig, als sich doch um seine Schwester zu kümmern. Dabei würde er viel lieber mit seinen Freunden in der Clique spielen, die mit dem behinderten Mädchen noch weniger anfangen können als er selbst. Als plötzlich die Stallhasen eines Cliquenmitglieds freikommen und auf die Straße laufen, wird der im Kinderwagen liegenden Mela die Schuld zugeschoben, die in kaum verständlichen Lauten etwas von der Schwarzen Mühle murmelt. Iwo und seine Schwester geraten zusehends ins Abseits und daher ist er zunächst auf sich allein gestellt, als im Ort mysteriöse Dinge passieren. Weitere eiserne Gegenstände verschwinden und Vögel fallen tot vom Himmel. Als er seine Freunde endlich überzeugen kann, dass seine Schwester unschuldig ist und möglicherweise sogar entscheidend zur Lösung der mysteriösen Vorgänge beitragen kann, ist es für den gesamten Ort fast schon zu spät.

Der Regisseur ist ein gewisses Risiko eingegangen, zwei Figuren in den Mittelpunkt zu rücken, die nicht sofort zur Identifikation einladen, sondern erst eine erstaunliche Entwicklung durchlaufen. Mit einem populär umgesetzten literarischen Stoff, der zumindest in Polen weitläufig bekannt ist, schlägt er filmisch eine Brücke vom 20. ins 21. Jahrhundert. Typische Inszenierungsstile des traditionellen polnischen Kinderfilms klingen an, werden aber aufgebrochen und in neue Zusammenhänge eingebettet, die zur Vielfalt des polnischen Filmschaffens beitragen und Zeichen setzen. Zugleich ist er ein Paradebeispiel für Inklusion von Menschen mit Behinderung, für mehr Verständnis und Empathie ihnen gegenüber. Die Juniorjury in Chemnitz 2020 war jedenfalls so davon überzeugt, dass sie dem Film bei starker Konkurrenz ihren Preis verlieh.

Holger Twele

© Internationales Filmfestival „Schlingel‟
12+
Spielfilm

Czarny Młyn - Polen 2020, Regie: Mariusz Palej, Festivalstart: 15.10.2020, FSK: ab , Empfehlung: ab 12 Jahren, Laufzeit: 100 Min. Buch: Magdalena Nieć, Katarzyna Stachowicz-Gacek, nach dem Buch von Martin Szczygieski. Kamera: Wojciech Węgrzyn. Musik: Maciej Dobrowolski. Schnitt: Kuba Motylewski. Produktion: TFP TV & Film Production, Heliograf, Rio De Post, Studio Produkcyjine Orka, Studio Cafe Ole. Verleih: offen. Darsteller*innen: Iwo Wiciński (Iwo), Borys Wiciński (Piotrek), Pola Galica-Galoch (Mela), Magdalena Nieć (Mutter von Iwo und Mela), Marcin Dorocinski (Vater von Iwo und Mela) u. a.