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Sweet Thing

Entdeckt bei der Berlinale (Kplus): Ein modernes Märchen über zwei Geschwister, die nur selten einfach nur Kinder sein dürfen.

Kindheit sollte so sein wie in Bullerbü. Unbeschwert, abenteuerlich, sicher und geborgen. Billie und ihr Bruder Nico wachsen in New Bedford, Massachusetts auf und das ist weit weg von diesem Bilderbuchdorf. Ihr Abenteuer findet auf der Straße statt, wenn sie im Auftrag einer Werkstatt Nägel unter die Reifen von parkenden Autos legen und dann schnell abhauen müssen. Abends können sie sich sicher sein, dass ihr Vater Adam volltrunken nach Hause taumeln wird. Die Mutter hat sich davon gemacht.

Doch es gibt für die Geschwister auch so etwas wie Geborgenheit und Unbeschwertheit, etwa am Weihnachtstag. Da hat ihr Vater tatsächlich so etwas wie einen Baum angeschleppt. Gemeinsam packen sie ihre Geschenke aus: eine Villa, ein schnelles Auto, Muhammed Ali – Wunschbilder, ausgeschnitten aus Zeitungen, eingewickelt in Alufolie – und auch ein Spielzeuggewehr für Nico, eine Ukulele für Billie, die ihr Glück kaum fassen kann. Das geplante Essen mit der Mutter beim Chinesen scheitert dann allerdings schrecklich und Adam ertränkt die Scham darüber im Suff. „Ihr beiden Kinder seid das einzig Wahre“, sagt er und meint es gewiss auch so. Doch gegen den Alkohol kommt seine Liebe nicht an und so müssen Billie und Nico die unberechenbaren Launen ihres Vaters ertragen oder zusehen, wie er von Leuten gedemütigt wird, die es spaßig finden, Schwächere mit Füßen zu treten.

„Sweet Thing“ von Alexander Rockwell ist kein Kinderfilm, aber ein Film über Kindheit. Er wirft einen Blick auf diejenigen, die man oft nicht sieht oder nicht sehen will. In schwarz-weißen, grobkörnigen Bildern – gedreht wurde auf 16mm-Film – fängt Rockwell diese raue Welt ein. Die Kamera verweilt gerne auf Gesichtern, wirkt oft dokumentarisch, sucht in flirrenden Nahaufnahmen immer wieder auch den Zauber des Augenblicks – und ab und zu schmiegen sich wundersam farbige Sequenzen dazwischen. Sie erzählen von kurzen Momenten des Glücks oder sind Sehnsuchtsbilder, etwa wenn Billie davon träumt, dass eine Frau, vielleicht ihre Mutter, eher aber ihre feenhafte Namenspatin Billie Holiday, ihre zärtlich das Haar bürstet.

Man merkt „Sweet Thing“ sofort an, dass Rockwell seine Wurzeln im US-Independent-Film hat. Bekannt geworden ist er 1992, als er beim Sundance Filmfestival, bei dem Quentin Tarantino mit „Reservoir Dogs“ ebenfalls im Wettbewerb vertreten war, für seinen vierten Film „In the Soup“ den Großen Preis der Jury gewann. Hierzulande sind sein Name und Werk weniger bekannt, was vielleicht auch daran liegt, dass er fast nie mit Produzenten wie Harvey Weinstein zusammengearbeitet hat. „Sweet Thing“ hat Rockwell aus eigener Tasche, zum Großteil mithilfe einer Crowdfunding-Kampagne finanziert. Neben professionellen Schauspieler*innen wie Will Patton und Karyn Parsons, mit der er verheiratet ist, hat er wichtige Rollen mit Laien besetzt – darunter seine Kinder Lana und Nico, die auch im Film Schwester und Bruder sind und den Film ohne schauspielerische Ausbildung tragen. Es ist das zweite Mal, dass er mit ihnen dreht. 2013 holte er sie für „Little Feet“ vor die Kamera. Auch in diesem Film kommen die Kinder aus einer zerrütteten Familie, geht es um Themen wie Verlust und Trauer, wird der Film zum Roadmovie, aber alles ist von einer unschuldigen Leichtigkeit getragen.

In „Sweet Thing“ sind es nun Teenager*innen, die mit der Welt der Erwachsenen kollidieren. Dieser Zusammenprall ist schmerzlich, denn nicht nur die Eltern versagen. Als Adam schließlich in den Entzug gezwungen wird, müssen Lana und Nico zu ihrer Mutter Eve (sic!), die mit ihrem Freund Beaux ein paar Wochen am Meer verbringt. Der Sommerurlaub wird zum Alptraum, denn Beaux ist einer, der schlägt, unterdrückt und sich nimmt, was er will. Und schlimmer noch: Die Mutter will nicht sehen, was offensichtlich ist, und schützt ihre Kinder nicht. Zusammenhalt und Freundschaft finden die Kinder nur unter sich und so hauen die Geschwister zusammen mit Malik, einem Jungen aus der Nachbarschaft, eines Tages ab. Fortan halten sie sich für „Streuner und Banditen“, glauben sie doch, Beaux in Notwehr getötet zu haben. Sie sind auf der Flucht, aber auch auf der Suche nach Zuflucht und sie erleben eine kurze Zeit, in der sie unbehelligt Kinder sein dürfen.

Rockwell, der auch das Drehbuch geschrieben hat, mutet seinen jungen Figuren sehr viel zu, neben Armut eben Verrat, Gewalt und sexuelle Übergriffe. Doch er setzt all dem Schrecken immer etwas Helles entgegen, vor allem einen unbändigen Glauben an die Kraft der Liebe und ein hoffnungsvolles Ende. Man kann das naiv finden, ist das destruktive Verhalten der Erwachsenen doch unverzeihlich, müssen Narben tief im Inneren der Kinder bleiben, die nur sehr langsam heilen. Alexandre Rockwell schlägt sich in seinem Film immer auf die Seite von Billie, Nico und Malik. Sie sind es, die mit Würde durchs Leben gehen, die für ihr Glück kämpfen und voller Kraft und Mitgefühl sind. „Sweet Thing“ beginnt als Sozialdrama und endet als modernes Märchen. Kinder verstehen das womöglich besser als erwachsene Zuschauer*innen:  Die jungen Jurymitglieder beim Kinderfilmwettbewerb Generation Kplus der Berlinale haben „Sweet Thing“ zum besten Film gekürt.

Kirsten Taylor

© Lasse Tolbøll, Mélanie Akoka
14+
Spielfilm

Sweet Thing - USA 2020, Regie: Alexandre Rockwell, Festivalstart: 25.02.2020, FSK: ab , Empfehlung: ab 14 Jahren, Laufzeit: 91 Min. Buch: Alexandre Rockwell. Kamera: Lasse Tolbøl. Schnitt: Alan Wu. Produktion: Louis Anania, Haley Anderson, Kenan Baysal. Verleih: offen. Darsteller*innen: Lana Rockwell (Billie), Nico Rockwell (Nico), Jabari Watkins (Malik), Will Patton (Adam), Karyn Parsons (Eve) u. a.

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