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The Testaments: Die Zeuginnen

Auf Disney+: Aufwachsen in einer Welt, die dein Leben längst entschieden hat. Das „Handmaid’s Tale“-Sequel folgt Junes Tochter Agnes in Gilead.

Auf den ersten Blick sieht alles nach einer wohlbehüteten, glücklichen Kindheit aus: ein großes Haus mit viel Platz und herrschaftlicher Atmosphäre, hilfsbereite Angestellte, die sich aufopferungsvoll um alles kümmern, ein wunderschönes weitläufiges Jugendzimmer mit Himmelbett, von dem andere nur träumen können. Nur ist dieser Himmel eben nicht zum Träumen gedacht – denn Freiheit und Spielraum zur Entfaltung sind in dieser Welt nicht vorgesehen.

Auch wenn Agnes als Tochter eines angesehenen Kommandanten im Grunde allen erdenklichen Komfort genießt, ist ihr Leben strengen Regeln und Einschränkungen unterworfen. Ein falscher Blick würde schwere Strafen nach sich ziehen. Einen Kalender zu besitzen, könnte sie gar den Finger kosten. Dazu sind gesellschaftlicher Stand und Status der Frauen strikt nach Kleiderfarben geordnet: Erst kürzlich hat Agnes die pinke Phase der Kindheit hinter sich gelassen und trägt jetzt Purpur – damit sind den Mädchen nun sogar Ausflüge erlaubt. Wenn ihre Periode einsetzt, darf sie Grün tragen und sich damit voll und ganz auf die Vorbereitungen für ihre eigentliche Lebensbestimmung fokussieren: die Vermählung mit einem Kommandanten und ihre Rolle als künftige Mutter. Klar, könnte man denken: „So war das eben damals!“ Aber das hier ist nicht die Vergangenheit, sondern die Gegenwart.

Wer „The Handmaid’s Tale“ gesehen hat, weiß bereits, wie schockierend und bedrückend diese Welt ist, in der eine fundamentalistische Gruppe die Kontrolle über weite Teile der USA übernommen hat, um einen von „alten Werten“ und religiösem Fanatismus getragenen Staat Gilead zu errichten. „The Testaments“ steigt ein paar Jahre später und deutlich sanfter in die Geschichte ein. War Gilead in „The Handmaid's Tale“ oft von offener Gewalt, Dunkelheit und Bedrohung geprägt, dominieren hier zunächst helle Farben und eine trügerische Behaglichkeit.

Die Disney+-Serie interessiert sich vor allem dafür, wie die Mädchen die Ordnung Gileads von klein auf verinnerlichen und lernen, sie als selbstverständlich anzusehen. Im Gegensatz zu den Mägden, die in der Ursprungsserie im Mittelpunkt stehen, werden die Töchter der Kommandanten zwar nicht als Sklavinnen gehalten, trotzdem hält sie das System in Ketten. So wird ihnen früh beigebracht, dass vermeintliches Unrecht mit aller Härte bestraft wird – und sie werden selbst zu Täter*innen gemacht, indem sie aktiv an diesen Bestrafungen teilnehmen müssen. In der Mädchenschule herrschen strenge Regeln, die Schwestern dort beobachten alles genau, und jeder Fehltritt hat Konsequenzen. Dazu ist alles auf die vom Staat vorbestimmte Ehe und Mutterschaft ausgerichtet. Denn in dieser Welt gibt es nur noch wenige Frauen, die überhaupt noch gebären können – die Rolle der Mutter wird dementsprechend hoch geachtet. Allerdings nicht die Frauen, die hinter dieser Rolle stecken.

In den starren, auf volle Kontrolle ausgerichteten Strukturen Gileads bleibt kein Platz mehr für Menschlichkeit; und doch blitzt sie immer wieder durch: Nicht nur bei Agnes und ihren Freundinnen, wenn sie sich ihre versteckten Freiräume erobern. Auch bei den Erwachsenen bekommt die stoische Fassade immer wieder kleine Risse. Dabei vertraut die Serie häufig auf Blicke, Gesten und kleine Irritationen statt auf große Enthüllungen. Vieles von dem, was die Figuren empfinden, wird nicht ausgesprochen, sondern in ihren Gesichtern oder kurzen Momenten des Zögerns sichtbar. Das zeigt sich hier und da bei den Schwestern. Oder bei Agnes‘ Vater, wenn er sie mit unglücklichem Gesichtsausdruck fragt: „Bist du eigentlich glücklich?“. Denn er weiß, dass die Situation nicht viele Möglichkeiten für echtes Glück hergibt. Gerade jetzt, wo für Agnes und einige andere Mädchen die Zwangsverheiratung mit alten Männern bevorsteht, die sich zum Teil schon bei der Umwerbung extrem übergriffig verhalten. 

Vieles in dieser Serie ist nicht leicht zu verdauen. Aber es sind auch unglaublich schöne Momente dabei, die umso stärker wirken, weil sie oft sehr überraschend kommen. Dazu verfolgen wir das Geschehen in „The Testaments“ nicht allein aus Sicht der Mädchen, sondern auch aus der Perspektive einer Spionin, die die Welt außerhalb Gileads kennt und für den Widerstand in die Rolle einer bekehrten Schülerin schlüpft. Wie ihr Bild sich im Laufe der Geschichte von Verachtung zu Bewunderung und schließlich Verbundenheit mit den anderen Mädchen wandelt, ist nicht nur spannend, sondern lässt auch Hoffnung aufkeimen. Denn am Ende sind „die anderen“ gar nicht so anders. Und der eigentliche Feind ist das System. Für alle.

Marius Hanke

© Disney+
16+
Spielfilm

The Testaments - USA 2026, Serien-Idee: Bruce Miller, Regie: Mike Barker, Shana Stein, Quyen Tran, Jet Wilkinson, Homevideostart: 08.04.2026, FSK: ab 16, Empfehlung: ab 16 Jahren, Laufzeit: 10 Episoden à 40 bis 52 Min., Buch: Bruce Miller, Maya Goldsmith, Gianna Sobol, Bayan Wolcott u. a., nach dem Roman „Die Zeuginnen“ von Margaret Atwood, Kamera: Greta Zozula, Marc Laliberté, Musik: Adam Taylor, Schnitt: Wendy Hallam Martin, Ana Yavari, Produktion: MGM Television, Verleih: Hulu, Disney+, Besetzung: Chase Infiniti (Agnes MacKenzie), Lucy Halliday (Daisy), Rowan Blanchard (Shunammite), Mattea Conforti (Becka Grove), Ann Dowd (Tante Lydia), Mabel Li (Tante Vidala), Elisabeth Moss (June Osborne) u. a.

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