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Hilda und der Bergkönig

Auf Netflix: Nach dem fiesen Cliffhanger der zweiten „Hilda‟-Staffel kommt nun endlich die Fortsetzung – diesmal in Spielfilmlänge.

Langsam taucht aus dem Schwarz ein erstes gezeichnetes Filmbild auf, begleitet von einer wachsend unheimlichen, spannungsvollen Musik. Dann geht es hinab unter die Erde, vorbei an einem glupschäugigen Wurm ins Innere einer Höhle. Während vor dem Eingang ein Troll mit leuchtend roten Augen lauert, hört man das aufgeregte Atmen eines Kindes. Man sieht nur seinen Schatten, wie es an noch mehr Trollen vorbei durch kathedralenartige unterirdische Gewölbe flüchtet. Dann endlich wird das Mädchen mit den blauen Haaren erkennbar: Es ist Hilda, allerdings nicht als Menschenkind, sondern als kleiner Troll mit langer Nase. Und: Hilda hat Angst, große Angst, man kann die Bedrohung förmlich mit Händen greifen.

Dieser Filmbeginn verschlägt einem den Atem und könnte kaum dramatischer ausfallen. Ohne Vorwarnung stürzt einen „Hilda und der Bergkönig“ mitten hinein ins Geschehen, von dem man zunächst nur wenig versteht – erst recht nicht, wenn man nicht weiß, wer das Mädchen Hilda eigentlich ist. Irgendwann sind dann zwar alle notwendigen Informationen nachgereicht, doch diejenigen, die Hilda bereits als Heldin der wunderbaren gleichnamigen Animationsfilmserie kennen, haben eindeutig einen Vorsprung: Sie kennen Hilda als wissensdurstiges, stets selbstlos handelndes elfjähriges Mädchen, das mit seiner Mutter in der idyllischen Kleinstadt Trolberg und in einer mystisch-magischen Welt voller Zauber- und Fabelwesen lebt. Hilda giert nach der Erforschung des Unbekannten, kennt keine Vorurteile, blickt unerschrocken hinter jede vermeintliche Bedrohung und will jedem Wesen, gleich welcher Spezies, uneigennützig helfen. Warum aber ist sie jetzt selbst einer jener Trolle, denen sie bislang stets zur Seite stand?

Eines jedenfalls wird mit der aufregenden Einleitung klar: Es wird spannend, und man darf durchaus mit und um Hilda bangen, kann ihr aber jederzeit vertrauensvoll folgen. Dabei spürt man schnell, wie die Unruhe in dem Maße kleiner wird, wie man immer mehr vom Handeln der Menschen und Fabelwesen versteht, man bald mit ihnen fühlt und sich sogar um sie sorgt. Tatsächlich: Auf Hilda kann man sich voll und ganz verlassen.

Hilda ist die tolle Heldin einer ästhetisch und inhaltlich herausragenden Zeichentrickserie, die auf den Graphic Novels des Comic-Autors und Illustrators Luke Pearson basiert. Dessen betont einfach gestaltete Figuren bevölkern eine pastellbunte, artenreiche Welt, von der man nie ganz weiß, ob sie womöglich nur in Hildas Fantasie existiert. Zu Beginn der ersten Staffel lebte Hilda noch mit ihrer Mutter Johanna in einer urgemütlichen Hütte in der Wildnis. Die Fabelwesen um sie blieben unsichtbar, bis Hilda einen Vertrag mit den Elflingen voller verzwickter Fußnoten unterzeichnete. Fortan entdeckte sie die Woffels, die nach Süden wandern, einen verliebten Riesen zwischen den Bergen oder den heimlichen Star der Serie, den wortkargen Holzmann, der ungebeten ins Haus kommt, Feuerholz nachlegt und es sich vor dem Kamin gemütlich macht. So versteht Hilda, dass ihr Haus mitten im Elfental steht und sie und Johanna täglich etliche Elfenhäuser zertrampeln. Die gütliche Lösung ist der Umzug in die Stadt Trolberg, den Johanna ohnehin längst geplant hat, weil Hilda Schulbildung und Freund*innen bekommen soll. Der Umzug ist für Hilda ein Schock, wird aber dadurch gemildert, dass ihr treuer Hirschfuchs Hörnchen und der Elfling Alfur mitkommen. Und: Auch in Trolberg gibt es magische Wesen, Hausgeister und Hexen, sogar einen mystischen „Nirgendwo-Raum“, in den sie mit ihren neuen Freund*innen David und Frida immer weiter vordringt.

In der zweiten Staffel wurden die Episoden noch verrückter, tiefgründiger, amüsanter und zugleich unheimlicher – und das alles zugleich, weil „Hilda“ ein umfassender Weltentwurf ist, in dem nicht alles idyllisch, manches auch furchteinflößend ist. Die Figuren entwickeln sich weiter: David zähmt seine Ängste, Frida erkennt, dass sie eine Hexe ist, Hilda verstrickt sich in einen tiefen Streit um Unabhängigkeit mit ihrer Mama. „Ist es wirklich so schlimm, mit mir zusammen zu sein?“, fragt diese traurig, und Hilda antwortet vorwurfsvoll: „Nein, aber du bist nur eine Mutter!“ Was natürlich nicht das letzte Wort ist, denn dafür lieben sich all die Menschen und auch die Fabelwesen, die man selbst ins Herz schließt, viel zu sehr!

Am Ende von Staffel 2 gab es dann ein Schreckmoment: Hilda verschwand aus ihrem Bett und erwachte als Adoptivkind einer Trollmutter in deren Höhle – und genau da beginnt nun das epische Finale. Später wird Hilda dann zwar wieder zum Menschenkind, zuvor aber erlebt sie intensiv die Gefühle und Motive der Trolle. Manchmal verliert sie dabei ihr intuitives Gespür für das Gute in jedem Wesen. So entpuppt sich ein in eine Hölle eingesperrter Steinriese, der ihr für ihre Rückverwandlung drei Aufgaben stellt, als der titelgebende Bergkönig, der dank Hildas unfreiwilliger Hilfe gen Trolberg zieht. Wobei er keine kriegerischen Absichten hegt, vielmehr von jener (Ur-)Mutter angezogen wird, nach der sich alle Trolle sehnen. Auch Hilda sehnt sich nach ihrer Mutter, die ihrerseits bis zum epischen Finale handfest um ihre Tochter kämpft – in einem Fantasy-Epos, das ebenso dramatisch wie einfühlsam und mitfühlend an Verständnis und Zusammenhalt appelliert und spürbar macht, dass niemand automatisch schlecht ist, nur weil er „anders“ erscheint.

Horst Peter Koll

 

© Netflix
8+

Hilda and the Mountain King - Kanada, USA, Großbritannien 2021, Regie: Andy Coyle, Homevideostart: 01.01.2022, FSK: ab 0, Empfehlung: ab 8 Jahren, Laufzeit: 85 Min. Buch: Stephanie Simpson, Luke Pearson, nach dem gleichnamigen Comic-Album von Luke Pearson. Musik: Ryan Carlson. Schnitt: John McKinnon. Produktion: Mercury Filmworks/Nobrow/Silvergate Media. Anbieter: Netflix.

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